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 Stolpersteine München
  Luisen-Gymnasium

Stolpersteine und das Luisen-Gymnasium in München
ein Rückblick von W. Heigl, beratender Lehrer der 'SMV-AG Stolpersteine' am Luisen-Gymnasium

Am 5. 11. 03 las ich in der SZ den Artikel 'Straucheln über die eigene Geschichte' von Reymer Klüver. Der Artikel beschreibt Erfahrungen mit dem Projekt 'Stolpersteine' in Hamburg. In einem der letzten Abschnitte wird skizziert, wie der Hamburger Initiator Hess bei dem Versuch, das Projekt des Künstlers G. Demnig auch nach München zu tragen, im Sommer 03 von OB Ude mit Hinweis auf ein Votum des Ältestenrates abschlägig beschieden wurde.

Vor dem Hintergrund meiner langjährigen Erfahrung als Lehrer mit der Erziehung gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus erschien mir das Projekt für die Arbeit mit Jugendlichen sehr vielversprechend. Ich nahm deshalb mit Herrn Klüver und über diesen mit Herrn Hess, dem Hamburger Initiator, und Herrn Demnig, dem Künstler, Kontakt auf und bekam weitere Informationen zum Projekt.

Da das Luisen-Gymnasium seit Februar 03 Mitglied des internationalen Netzwerks 'Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage' ist, waren für die Zeit 11. bis 13. 2. 04 Projekttage (mit Präsentation am 14. 2.) geplant. Ich schlug meiner letztjährigen Klasse als eines von über 40 Projekten die 'Stolpersteine' vor.

Anya Deubel und Lucia Hundt, zwei Schülerinnen aus dieser 11. Klasse, die im ART-Team an der Schule besonders aktiv sind (ART = Anti-Rassismus-Training) wollten mehr Informationen und gingen deshalb mit mir am 2. 2. 04 zu einer Veranstaltung der Volkshochschule, bei der der Künstler das Projekt vorstellte; dort lernten sie auch Herrn Hess kennen und Frau Gebhardt, die Nichte von zwei Münchner Bürgern, Paula und Fritz Jordan, die von den Nazis aus ihrer Wohnung in der Mauerkircher Straße vertrieben und 1941 in Kaunas ermordet wurden.

In der folgenden Woche trafen sich Lucia und Anya mit Frau Gebhardt, wobei diese den Wunsch äußerte, für ihren Onkel und für ihre Tante zwei 'Stolpersteine' in der Mauerkircher Straße zu verlegen, vorbehaltlich allerdings der Zustimmung des Sohnes der Ermordeten, Peter Jordan, der als Kind nach England fliehen musste.

Dieses Gespräch war für Anya und Lucia ausschlaggebend: Nachdem auch Peter Jordan sich für diese Form des Gedenkens an seine ermordeten Eltern ausgesprochen hatte, warben sie in ihrer Klasse für das Projekt und meldeten für die Projekttage eine Gruppe von 15 SchülerInnen an. Für die Präsentation wurde mit Hilfe des Gedenkbuchs der ermordeten Münchner Juden, von Zeitungsartikeln und von Familien-Fotos von Frau Gebhardt eine Ausstellung zum Projekt und zum Leben der beiden Ermordeten erstellt. Breiten Raum nahmen dabei die Argumente der Befürworter (z.B. Dr. Salomon Korn) und der Gegner des Projekts (OB Christian Ude und Charlotte Knobloch) ein.

Am 14. 2. (dem Präsentationstag) sammelten die SchülerInnen Geld für zwei Stolpersteine und Unterschriften für das Projekt unter SchülerInnen (ab Klasse 8), sowie unter LehrerInnen und Eltern des Luisen-Gymnasiums.

Am 16.3.04 gingen zwei die Sprecherinnen der SMV-AG 'Stolpersteine' am Luisen-Gymnasium ins Rathaus, um OB Ude mehrere Hundert Unterschriften, 190.- € für die ersten zwei Gedenksteine und folgende Petition zu überreichen:

Sehr geehrter Herr Ude,

wir haben uns intensiv mit dem Projekt 'Stolpersteine' und den Einwänden dagegen beschäftigt. Nach gründlicher Überlegung sind wir überzeugt von der Idee, durch Gedenksteine im Pflaster der Münchner Opfer des Holocausts zu gedenken.

Daraus könnte langfristig ein Projekt für viele Jugendliche unserer Stadt entstehen, da gerade wir als Jugendliche es wichtig finden, nicht zu vergessen.

Während unserer Projekttage haben wir die Biographie zweier Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, erforscht und möchten deshalb mit dem Einverständnis der Hinterbliebenen, Frau Ursula Gebhardt, jeweils einen Stein in der Mauerkircher Str. 13 setzen lassen, für Siegfried und Paula Jordan.

Wir bitten Sie um Unterstützung.

Das Geld wurde im Rathaus nicht akzeptiert (es wurde dann an die Initiatoren nach Hamburg überwiesen) und die Antwort auf die Petition war lediglich ein dreiseitiger undatierter Vordruck mit einer Auflistung der Argumente von Herrn Ude und Frau Knobloch gegen das Projekt, mit dem (laut Auskunft OB-Büro) allgemein die zahlreichen Anfragen wegen der Stolpersteine beschieden werden.

Am 30. 3. erging ein einseitiges Schreiben des OB an das Luisen-Gymnasium, in dem dieser auf die Gegenargumente seines Vordrucks verweist und bemängelt, dass die SchülerInnen nicht schlüssig darlegten, warum sie sich für das Projekt einsetzten. Zudem regte der OB an, dass die SchülerInnen sich an den zahlreichen offiziellen Gedenk-Veranstaltungen der Stadt beteiligen sollten

Am 25. 5. verlegte Gunter Demnig - nachdem eine Ankündigung durch die Initiatoren ohne Reaktion seitens des Rathauses geblieben war - die ersten zwei 'Stolpersteine' in München, für Fritz und Paula Jordan; dabei hielt Peter Jordan eine kurze Ansprache. Unter den Teilnehmern der kleinen Feier waren auch Anya und Lucia. Ich besuchte die Veranstaltung mit meiner 10. Klasse, die einen Pressespiegel zum Münchner Streit um die Stolpersteine erstellt hatte, im Rahmen eines sozialkundlichen Unterrichtsganges.

Am Abend des 16. 6. wurden diese beiden 10 mal 10 cm großen Gedenksteine von städtischen Arbeitern aus dem Boden gerissen, auf Anordnung von Oberbürgermeister Ude, unmittelbar nach dem Beschluss einer Stadtratsmehrheit von SPD, CSU und FDP.

Am 18. 6. veröffentlichte ich eine Presseerklärung, in der es unter der Überschrift

'Wir schämen uns für München' u.a. heißt:

Wer die bewegenden Worte von Peter Jordan, des Sohnes der Ermordeten, der eigens zu Verlegung aus Manchester angereist ist, gehört hat, der muss sich nach dem 17. 6. schämen für die Stadt, von der Herr Jordan sagte: "Es wird nie wieder so sein, dass ich München als meine Heimat empfinden kann. Aber durch die Steine fühle ich mich zum ersten Mal wieder ein wenig daheim." Welcher Politiker oder Funktionär in München kann es verantworten, durch die rücksichtslose Entfernung der Gedenksteine für Herrn Jordans ermordete Eltern (und ohne Rücksprache), diesem zum zweiten Mal ein bisschen 'Heimatgefühl' in dieser Stadt zu nehmen?

Diese Erklärung wurde in den folgenden Tagen von zahlreichen SchülerInnen (ab Klasse 8) und LehrerInnen des Luisen-Gymnasiums unterschrieben.


Am 23.6. erschien in der SZ eine halbseitige Anzeige unter dem Titel 'Stolpersteine vom Münchner Stadtrat verboten – wir sind entsetzt' in dem u.a.das Engagement der SchülerInnen des Luisen-Gymnasiums hervorgehoben wird.

Am 24.6. erfolgte daraufhin ein Anruf aus der SPD-Fraktion im Stadtrat an die Schulleitung des Luisen-Gymnasiums, dem am 25. 6. ein Mail folgte, des Inhalts, die LeiterInnen der SMV-AG 'Stolpersteine', Anya Deubel und Lucia Hundt, sollten sich am folgenden Dienstag in der SPD-Stadtratsfraktion über die Gegenargumente zu den Stolpersteinen informieren und bis dahin ihre Aktivitäten an der Schule ruhen lassen.

Am 25.6. fand die Abitur-Feier der Schule statt. Ein Abiturienten-Sprecher forderte dabei die zahlreichen SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern dazu auf, sich über das Projekt 'Stolpersteine' zu informieren, zu dem die SMV-AG die Februar-Ausstellung aufgebaut hatte.

Am 29.6. lud der Schulleiter persönlich um 8:05 in einer Durchsage alle interessierten SchülerInnen zu einem Gespräch in die SPD-Stadtratsfraktion für diesen Tag um 17:00 Uhr. Dieser Einladung folgten drei Schülerinnen (darunter die beiden Initiatorinnen), die dann von drei SPD-StadträtInnen ausführlich über die Betroffenheit der Parlamentarier über die Anzeige vom 23.6. und über angeblich nicht zur Kenntnis genommene Argumente gegen das Projekt belehrt wurden.

Am 2.7. bauten die SchülerInnen nachmittags in der Fußgängerzone (Rosenstraße) und am 3.7. nachmittags auf dem Marienplatz vor dem Rathaus einen Infostand bzw. eine Mahnwache auf, bei denen mit der Unterstützung von LehrerInnen, vielen bekannten und unbekannten Freunden des Projekts 'Stolpersteine' und mit Schülerinnen aus Neubiberg, die ebenfalls großes Interesse an dem Projekt zeigen, zahlreiche Menschen angesprochen und Unterschriften gesammelt wurden. Über 1000 Personen unterschrieben den

Aufruf an die Stadtratsfraktionen von SPD, CSU und FDP und an OB Ude: Revidieren Sie Ihre Entscheidung vom 16. 6. 04
zur Entfernung der beiden 'Stolpersteine' in der Mauerkircher Str. 13

Wir wollen 'Stolpersteine gegen das Vergessen' auch in München

Am 26.7. findet um 19:00 in der Aula des Luisen-Gymnasiums eine Informationsveranstaltung statt, zu der neben SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern allgemein InteressentInnen für das Projekt 'Stolpersteine in München' eingeladen werden, um den allgemeinen Informationsstand zu verbessern (vgl. Gespräch am 29.6.) und Gelegenheit zum Meinungsaustausch zu geben. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen mit 'Stolpersteinen', die bisher in München, aber auch in andern Städten gesammelt wurden.

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