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Rezension von Reiner Bernstein

Stefanie Hajak und Jürgen Zarusky (Hg.):
München und der Nationalsozialismus.
Menschen, Orte, Strukturen.

Metropol-Verlag: Berlin 2008. 410 S., € 24,00.

Auf dem Schreibtisch liegen erneut eindrucksvolle Beiträge und Untersuchungen über jene Jahre, in denen München die nationalsozialistische „Hauptstadt der Bewegung“ war. Nicht weniger als 22 Autorinnen und Autoren mit dem Oberbürgermeister an der Spitze aus Politik, Wissenschaft, Erwachsenenbildung, aus der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit sowie der Publizistik haben ein umfangreiches Kompendium vorgelegt, das die wichtigsten Etappen und Facetten der NS-Ideologie, ihrer Träger, ihrer Handlungen und Verbrechen darstellt. Dass das Buch im Jahr des 850. Stadtgeburtstages das Licht der Öffentlichkeit erblickt, erscheint als ein kleines Trostpflaster angesichts der Flut von kommunal verantworteten Broschüren und Texten, in denen das „leuchtende München“ gefeiert wird. Den für die Herausgabe Verantwortlichen – Stefanie Hajak von der Münchner Volkshochschule und Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte – gebührt großer Dank.

Indes hat Christian Ude in seinem Geleitwort auf Ausstellungen wie die „Hauptstadt der Bewegung“ (1993) und „Verbrechen der Wehrmacht“ (1997) verwiesen, darüber jedoch erstaunlicherweise weder die von Winfried Nerdinger besorgte Ausstellung „Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München“ von 2006 noch die kommunalen Symposien zu neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens (2006/7) der Erwähnung für würdig befunden. Man könnte fast auf die Annahme verfallen, dass die Logik der Politik ausschließlich eigenen Entscheidungsprozessen verhaftet bleibt und auf anderweitige Erkenntnisse keinen Wert legen will.

Dieser Verzicht trübt die politische Tragweite des vorliegenden Kompendiums, obwohl es den Autoren gelingt, die Leser mit den physischen, psychischen und kulturellen Verheerungen des Nationalsozialismus vermittels seiner Exponenten – exemplarisch die Familie des deutschnationalen Direktors des Wittelsbacher-Gymnasiums Gebhard Himmler mit dem Einfluss auf seinen Sohn, den Hitler persönlich unterstellten späteren Reichsführer-SS Heinrich – und nachgeordneten Trabanten auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens zu konfrontieren, mit der Geschichte der NSDAP und ihren Dienststellen und Apparaten, mit den architektonischen Stilelementen jener zwölf Jahre und ihrem vermessenen Anspruch auf „Ewigkeitswert“, mit ihren ausgreifenden Netzwerken in die auf politisch-ideologische Anpassung und Loyalität bedachte Stadtgesellschaft hinein (zur nochmaligen Lektüre sei dazu Lion Feuchtwangers „Erfolg“ von 1930 empfohlen), mit der Rolle der „Volksgenossinnen“, mit der „Gleichschaltung“ der Ludwig-Maximilians-Universität sowie mit den sichtbaren und spürbaren Nachwirkungen des NS-Regimes nach 1945.

Der Herrschafts-, Kontroll- und Überwachungssystem bliebe ohne die Menschen, die sich seiner bedienten oder dessen Leidtragende sie wurden, ein sprödes Organigramm, das die Vorstellungskraft und die Empathie der Nachgeborenen zu überfordern und damit zu unterdrücken droht. Insofern setzt Barbara Distels Beziehungsgeschichte zwischen München und dem ersten bayerischen Konzentrationslager Dachau Maßstäbe. Die Leiterin der heutigen Gedenkstätte verweist darauf, dass der erste Gefangenentransport mit politischen Gegnern und Gewerkschaftern aus dem Zuchthaus München-Stadelheim schon am 22. März 1933 in Dachau eintraf. Distel zitiert den in München kursierenden Spruch „Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm“. In ihm spiegeln sich Angst und Furcht bei Menschen wider, denen die brutalen Unterdrückungs- und Zwangsinstrumentarien die Differenz zwischen Anstand, Geltung und Karriere nehmen sollte.

Ein ähnliches Verdienst kommt dem Aufsatz von Annette Eberle über die Verfolgung der „Asozialen“ zu, unter die Obdachlose, „Vagabunden“, „Arbeitsscheue“, „jugendliche Streuner“, „missliebige Querulanten“, „Psychopathen“ und „Prostituierte“ fielen und auf die mehr und mehr medizinisch-psychiatrische Kategorien mit sogenannter eugenischer beziehungsweise rassenhygienischer Ausrichtung angewandt wurden, wie die Autorin ausführt. Klaus Bäumler widmet sich der politischen Annäherung Thomas Manns an seinen Bruder Heinrich seit den frühen 1920er Jahren in „seinem“ München, das ihn 1933 in Begleitung perfider Denunziationen ausstieß und vertrieb – nachdem sie sein literarisches Werk durch einen Festakt gewürdigt hatte. Zu Recht scheut sich Bäumler nicht, die retrospektive Beiläufigkeit und Schönfärberei zu kritisieren, mit denen die Emigration der Familie Mann als Wohnungswechsel politisch bagatellisiert wurde.

Wer die langen Listen mit den Namen der sogenannten Euthanasie-Opfer vor Augen hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, welche immense Aufgaben der Wissenschaft, der Publizistik und der Politik bevorstehen, dieses heikle, weil nachwirkende Tabu angemessen zu thematisieren. Volker Roelcke bietet mit der Biografie von Ernst Rüdin, dem Direktor der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie, einen wichtigen Einstieg. Jürgen Zarusky macht in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass das Thema „Widerstand“ in München bislang stiefmütterlich behandelt worden ist, und bietet erste Abhilfen an, indem er zwölf Fragen zu seiner terminologischen Topografie nachgeht, darunter zu den Gefährdungen im Falle des Protests, mit dem immer die Gefährdung durch Zwischenträger, Spitzel und übellaunige Nachbarn einherging. Wohltuend ist des Autors Distanzierung von der nachträglichen Heroisierung der „Freiheitsaktion Bayern“ des Rupprecht Gerngroß – nomen est omen –, der im April 1945 „eine Art Staatsstreich“ (Zarusky) zu organisieren versuchte. Sie war nicht nur dilettantisch vorbereitet und kostete zahlreichen Menschen das Leben, sondern ihre Inszenierung sollte vor allem für den persönlichen „Persilschein“ nach der Niederlage des NS-Regimes sorgen. Dies gelang Gerngroß insofern, als er bis zum heutigen Tage an der Münchner Freiheit mit einer Gedenktafel geehrt wird.

Es bleibt nicht aus, dass ein Sammelband wie dieser zur Gratwanderung werden kann, wenn Erwartungen an die Vollkommenheit mit dem Zwang zur Auswahl und Begrenzung kollidieren. Das vorausgeschickt, hätte man sich gewünscht, dass außer Angehörigen der jüdischen Opfergruppe den anderen Verfolgten und Hingemordeten – neben den politischen vor allem den religiösen Verfolgten, den Sinti und Roma, den Homosexuellen – mehr Platz eingeräumt worden wäre. Nach der sprachlichen Sensibilität bei der textlichen Auszeichnung von nazistischen Begriffen wie „Halbjuden“, „Judenknechte“ und „Arisierungsbeauftragte“, wäre dieselbe Empfindsamkeit beim NS-Terminus „Judenlager in Milbertshofen“ angezeigt gewesen.

Dem Verlag sei gedankt, dass er sich dieser Veröffentlichung annahm. Sie schließt eine Lücke in der Erinnerungskultur, die es angesichts des intergenerationellen Wandels dringlich aufzufüllen gilt. Dass zu diesen Zeichen des künftigen Erinnerns und Gedenkens auch die „Stolpersteine“ gehören, sei an dieser Stelle unmissverständlich wiederholt. Wenn, wie an anderer Stelle unterstrichen wurde, „(d)as persönliche Gedenken (…) die höchste Form des Erinnerns (ist) “, wird jedes konservative Denkmalverständnis der großen Form problematisch, das sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart und Zukunft ausrichten soll. Da sich Auschwitz nicht wiederholt, wird die Frage nach dem „Erinnern wofür?“ zum Leitmotiv der Spurensuche. Für die größte Opfergruppe von einst ist sie deshalb existentiell von Belang, weil ihre Angehörigen regelmäßig als „die anderen“ galten, die „nicht dazugehörten“ – und das Wort „Jude“ als Schmähbegriff aus den völkischen und nazistischen Arsenalen auch heute keine Normalität des sprachlich Selbstverständlichen gewonnen hat . Nachdem die „Stolpersteine“ im öffentlichen Diskurs verankert sind, hat Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel in seinem Nachwort das entscheidende Stichwort geliefert: „Nachdenken“. Schroffe Verbote beleidigen den zeitgeschichtlichen Verstand. Über die kleinen Messingplatten wächst kein Gras.

Reiner Bernstein



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