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Rezension von Reiner Bernstein


Ilse Macek (Hrsg.):
ausgegrenzt – entrechtet – deportiert.
Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933 bis 1945.

Volk-Verlag: München 2008. 640 S., € 24,90.

Selten habe ich ein Buch in der Hand gehalten, das auf so eindrucksvolle Weise die Lokalgeschichte mit der deutschen Nationalhistorie in der Zeit des NS-Regimes verbindet. Die Geschichtswerkstatt der Münchner Volkshochschule hat es geschafft, mit 21 Autorinnen und Autoren über mehrere Jahre und auf durchgängig ehrenamtlicher Basis ein Handbuch zu erarbeiten und vorzulegen, mit dem die Schicksale von Juden, von „nichtarischen Christen“, von politisch und religiös Verfolgten, von verfolgten Homosexuellen und von „Euthanasie“-Opfern in das kulturelle Gedächtnis unserer Zeit zurückgeholt werden.

In 16 Kapiteln werden auf dem Hintergrund allgemeiner Überblicksskizzen lokalgeschichtliche Entwicklungen mit den Biographien von Einzelpersonen – prominenten und ungenannten – und ihren Berufsfeldern geschildert: im Geschäftsleben „nebenan“, in der Kunst und Literatur, in den Wissenschaften, in der Medizin und im Gesundheitswesen, in der Richterschaft und an den Schulen. Dazu haben die Mitwirkenden archivalische Materialien ebenso genutzt, wie die zeitgeschichtliche Primär- und Sekundärliteratur und Interviews mit Überlebenden bzw. ihren Angehörigen herangezogen und ausgewertet. Allein die Quellen- und Literaturangaben, die Querverweise sowie die Namens- und Straßenregister flößen Respekt ein.

Durch die Beigabe von Karikaturen aus der damaligen Zeit und von Zitaten aus Tagebüchern, von Autographen sowie öffentlich zugänglichen Unterlagen und Aktenbeständen springt das eklatante Fehlurteil vom durchweg freisinnigen und toleranten Schwabing ins Auge, denn bei der Reichstagswahl am 6. März 1933 stimmten sage und schreibe fast vierzig Prozent für die NSDAP, mehr als in anderen Stadtbezirken. Elf Jahre später, im Oktober 1941, wurden die ersten Münchner Juden in das Barackenlager Milbertshofen eingeliefert, bevor schon im November die Deportationen in den Tod nach Theresienstadt, nach Riga und Kaunas in Litauen sowie nach Auschwitz „abgingen“ und bis Anfang 1945 fortgesetzt wurden. Besondere Erschütterung rufen die Berichte aus „psychiatrischen Anstalten“ mit den Zwangssterilisierungen, über die „Kinder-Euthanasie“ und über die Bedrängnisse zwischen Hoffen und Verzweifeln im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe in der Antonienstraße 7 hervor– wo es Jahrzehnte dauerte, bis eine Stele an die Ermordeten erinnerte. Nicht allein der staatlich verordnete Antisemitismus sorgte seit 1933 für die häufigen Wohnungswechsel jüdischer Familien...

Dieses Handbuch von 640 Seiten, man darf es oft wiederholen, ist vor allem der Leistung von Ilse Macek zu verdanken. Zu vermuten ist, dass die leitende Mitarbeiterin der Münchner Volkshochschule neben ihrer täglichen Verantwortung für das Querschnittprogramm ihres Hauses mit langem Atem, eisernem Charme und hohem Verantwortungsbewusstsein dafür gesorgt hat, dass ein solches Mammutprojekt einen gelungenen Abschluss finden konnte. Dafür zeugen nicht nur ihre mehr als fünfzehn eigenen Beiträge, sondern auch das Zusammenführen und die Motivierung von Autorinnen und Autoren, angesichts der komplexen Aufgabenfülle nicht die Segel zu streichen. Zu wünschen ist, dass das Werk besonders bei jenen Schwabingern und den andernorts lebenden Bewunderern dieses Stadtteils ankommt, die sich vom liebgewonnenen Mythos durchgängig liberaler Lebenswelten im Herzen Münchens schwer verabschieden können. Die historische Wahrheit lädt zu kritischer Sensibilität ein.

Gut hätte als Begleitung des Buches das Motto „Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe“ des Vereins „Initiative Stolpersteine für München“ gepasst. Schon die hoffnungslos überlaufene Schwabinger Seidlvilla bei der Präsentation mit OB Christian Ude und der Präsidentin der hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch an der Spitze hat den Nachweis geliefert, wie sehr sich geschichtliches Bewusstsein bei den Nachgeborenen in der Erfahrung von Einzelschicksalen entfalten kann und dass es erst durch sie Lebendigkeit gewinnt. Diesem Ensemble aus NS-Dokumentationszentren, zeitlich gebundenen Ausstellungen sowie permanenten Erinnerungstafeln und Stolpersteinen vor den Haustüren auf öffentlichem und privatem Grund gehört die Zukunft der Erinnerungsarbeit – wenn sie denn ernst gemeint ist.

Reiner Bernstein


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