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SZ vom 23.10.2008 - Leserbriefe

Zeugnis des Scheiterns und der Ratlosigkeit

"Wir brauchen ein würdiges Mahnmal" / SZ vom 20. Oktober

Die Aussagen von OB Christian Ude sind nichts anderes als ein Zeugnis des Scheiterns und der Ratlosigkeit. Nachdem zwei hochkarätige Symposien zu neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens im Ergebnis gescheitert sind, will sich Ude - entgegen seinen Gewohnheiten - "nicht in Details einmischen", obwohl der Wettbewerb "keine Lösung neuer Art erbracht" habe. Doch im nächsten Atemzug bekennt er, dass "die Politik (sich) nicht hinter der Jury verstecken und sagen (kann): Bitte, es tut uns leid".

Ja, nun tut uns der Oberbürgermeister wirklich leid. Nachdem er eingesehen hat, dass der "Gang der Erinnerung" im jüdischen Gemeindehaus nur begrenzt öffentlich zugänglich ist und nachdem dort nicht aller Opfer gedacht werden kann, fallen dem Oberbürgermeister wie aus heiterem Himmel die persönlichen Bedürfnisse der Opfer ein. Wie wäre es, wenn die Stadt ihnen endlich Rechnung tragen würde - auch durch die Aufhebung des unglaublichen Verbots vom Juni 2004, wonach ausgerechnet in München die "Stolpersteine" von Gunter Demnig nicht auf öffentlichem Grund verlegt werden dürfen? Die dringenden Bitten von Angehörigen der Verfolgten und Ermordeten liegen doch seit langem im Rathaus schriftlich vor. Oder muss auch künftig befürchtet werden, dass sich der Oberbürgermeister auf die Absprache mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde beruft? Und soll Udes Erklärung weiter gelten, wonach für Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch und religiös Verfolgte und "Euthanasie"-Opfer keine dieser Messingplatten in den Boden eingelassen werden dürfen, weil sie schließlich nicht die Mehrheit der Toten zu beklagen haben?

Dass Christian Ude in seinen Bemerkungen das geplante NS-Dokumentationszentrum außen vor lässt, kommt nicht von ungefähr. Auch hier sind die konzeptionellen Vorarbeiten ins Stocken geraten, wie zu hören ist. Aus Gründen der Parteienverdrossenheit sollte stadtbürgerliches Engagement zu Formen des Erinnerns und Gedankens endlich ernst genommen werden, statt es entgegen allen demokratischen Spielregeln herabzusetzen.

Dr. Reiner Bernstein, Vorsitzender der "Initiative Stolpersteine für München e.V.", München


"Was erwarten etwa Holocaust-Opfer von uns?", fragt OB Ude rhetorisch im Gespräch mit der SZ. In München geborene KZ-Überlebende und Verwandte von NS-Opfer wünschen für ihre ermordeten Angehörigen die Erlaubnis, "Stolpersteine" (Messingplättchen für NS-Opfer) vor den Häusern des letzten freiwilligen Wohnsitzes im öffentlichen Raum zu verlegen. Diese Verlegung verweigert der Stadtrat seit 2004 diesen "Münchner Kindln". Bei den Verlegungen in der Viktor-Scheffel-Straße auf privatem Grund kamen jeweils weit mehr Zuschauer als bei den offiziellen Veranstaltungen auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus.

Dessen Aufwertung ließe sich recht einfach erreichen. Die Brienner Straße müßte zwischen Odeonsplatz und dem Ring zur Fußgängerzone umgestaltet - mit gesondertem Radweg -, sowie der Parkplatz am Luidpoldblock entfernd werden. Damit wären an drei Seiten keine Autos mehr um diesen Gedenkplatz vorhanden. Aber ob so etwas in der Stadt von BMW möglich ist?

Werner Thiel, München

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.247, Donnerstag, den 23. Oktober 2008 , Seite 56


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