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SZ vom 19. Februar 2008

Forschen im Schweigen

Amelie Fried deckt ihre verborgene Familiengeschichte auf

Vor drei Jahren entdeckte Peter Probst, Gatte von Amelie Fried, im New Yorker Leo-Baeck-Institut für die Verfolgten des Nationalsozialismus den Namen Max Fried. Die Autorin und Fernsehmoderatorin begann zu recherchieren, suchte das Gespräch mit Überlebenden und stieß auf einen Teil ihrer Familiengeschichte, der ihr völlig unbekannt war. Ihr Großonkel Max und seine Frau Lilly Fried wurden in Auschwitz ermordet. Ihr jüdischer Großvater überlebte nur durch einen Zufall, einen falschen Aktenvermerk. „Schuhhaus Pallas — Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“ ist eine sehr persönlich geschriebene Auseinandersetzung mit dieser Geschichte. Daraus liest Fried heute um 20 Uhr im Jüdischen Zentrum am St.-Jakobsplatz.

SZ: Wie kann es sein, dass Sie, die Sie in ihrem Beruf immer wieder mit Nazi-Themen konfrontiert waren und sich für die Gedenkaktion „Stolpersteine“ engagieren, nie in der eigenen Familie nachgefragt haben? Sie wussten doch, dass Sie einen jüdischen Großvater hatten.

Fried: Ja, aber in unserer Familie wurde so wenig darüber gesprochen, dass ich gar nicht auf die Idee kam, da könnte etwas verborgen sein. Wenn ein Tabu so groß ist, dann nimmt man nicht mehr wahr, dass es überhaupt existiert. Zumal ja in unserer eher progressiven Familie sonst über alles recht freizügig gesprochen wurde. Ich hatte nie das Gefühl: Da gibt es etwas, was ich wissen müsste.

SZ: Dennoch hat dieses familiäre Trauma Ihre Familie belastet. Sie haben in Ihrer Kindheit erlebt, dass Ihr Vater, ein geachteter Zeitungsverleger in Ulm, noch in den sechziger Jahren mit antisemitischen Schmähungen überzogen wurde.

Fried: Ich bin sicher, dass das schwierige Verhältnis zu meinem Vater auch mit diesem unterschwelligen Tabu zu tun hatte. Er hat uns das schlimmste Trauma seines Lebens, die Nazi-Zeit, in der er verfolgt wurde und sein Leben bedroht war, verschwiegen. Kein Wunder, dass ich immer das Gefühl hatte, er sei mir fremd.

SZ: Ihr Buch erscheint im Jugendprogramm des Hanser-Verlags, mit einem Glossar zu den wichtigsten Begriffen der NS-Zeit. Verstehen Sie es auch als Auftrag an junge Leute, mehr nachzufragen?

Fried: Zumindest wünsche ich mir das. Ich spüre im Umgang mit meinen Kindern und deren Generation ein großes Interesse. Und sie sind unbelastet. Als ich früher ins Ausland fuhr, habe ich mich immer geschämt, Deutsche zu sein. Ich spürte von Kindesbeinen an diese Kollektivschuld. Meine Kinder gehen unbefangen damit um, das ist eine große Chance! Vielleicht lernen die Jugendlichen durch so persönliche Geschichten etwas über diese Zeit, das sie aufmerksam macht für Fehlentwicklungen heute.

SZ: Glauben Sie, dass dieses Schweigen, von dem Ihr Buch erzählt, noch in vielen Familien herrscht?

Fried: Davon bin ich fest überzeugt — und merke es auch an den Reaktionen. Mich rufen Leute an und sagen: Bei uns gab es auch einen Vater, der war fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft, oder eine Großmutter, die aus dem Osten geflüchtet ist, oder ein jüdisches Familienmitglied, das verschwand — und es wurde nie über diese Ereignisse gesprochen.

SZ: Frappierend ist auch, dass Ihr Vater und Ihr Großvater sich nach 1945 sofort wieder in die Ulmer Gesellschaft der Täter und Denunzianten integriert haben. Und nicht widersprachen, als kolportiert wurde, Ihr Opa, der in einem Münchner Lager überlebte, sei im Exil gewesen.

Fried: Das konnte ich mir auch ganz schwer vorstellen: diese Sehnsucht nach Normalität. Bei den Tätern ist die ja verständlich — die wollten nicht mehr an ihre Taten erinnert werden. Aber dass die überlebenden Opfer über ihr Leid schwiegen und einfach nur wieder dazugehören wollten, als sei nichts gewesen, das habe ich lange nicht verstanden.

SZ: Ihre Tante hat sich noch nach dem Krieg die Nase operieren lassen, um nicht mehr jüdisch auszusehen.

Fried: Stimmt. Mich hat die Beschäftigung mit dem Buch richtig gebeutelt in den letzten drei Jahren. Sie hat mir erst klar gemacht, wie perfide dieses System vorgegangen ist und welche Zerstörungen es in den betroffenen Familien angerichtet hat - auch bei den Überlebenden.

Vor drei Jahren verlegte Amelie Fried provisorisch einen „ Stolperstein“ zum Gedenken an ihren Onkel. Foto: Rumpf



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 Rezension von Dr. Reiner Bernstein