Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          


Münchner Merkur vom 03.09.2007

Ein Stein im Weg

VON EVA BAUMGÄRTNER


München - Thomas Nowotny ist extra aus Stephanskirchen bei Rosenheim angereist. Sein kleiner Sohn hat sich an den vielen Zuschauern vorbei bis in die erste Reihe vorgekämpft. Beide sehen zu, wie der Künstler Gunter Demnig grauen Betonstein aus der Einfahrt des Hauses Nummer 19 klopft. In der Viktor-Scheffel-Straße in Schwabing ersetzt der Kölner den grauen Stein durch einen Pflasterstein mit Messingplatte. "Hier wohnte Heinrich Oestreicher", steht darauf. "Heinrich war der Neffe meiner Urgroßmutter", sägt Nowotny.

München hat jetzt seinen ersten "Stolperstein", auf privatem Grund. Der Stein, der Opfern des NS-Regimes gewidmet ist, ist in München umstritten. 2004 hatte die Stadt die kleinen Denkmäler auf öffentlichem Grund verboten. Die ersten Stolpersteine in der Mauerkircherstraße 13 ließ sie schnell entfernen. Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden und der - orthodoxen - Israelitischen Kultusgemeinde in München, war strikt gegen das Projekt. Sie sah das Denkmal der Juden buchstäblich "mit Füßen getreten".

Völlig zu Unrecht, findet der Künstler Demnig. Auf den jüdischen Friedhof habe man die Steine dann gelegt. Da jeder Stolperstein die Aufschrift "Hier wohnte" trägt, sei der Friedhof der völlig falsche Ort gewesen, sagt er. Nun sind die beiden Steine in England, bei den Verwandten der Opfer.

Diesmal wird der Stolperstein bleiben. Er liegt auf dem Grundstück der evangelisch-methodistischen Kirche. Hier können die Stadt und Knobloch nicht reinreden. Maria Drach, die früher im Vorstand der kleineren liberalen jüdischen Gemeinde saß, versteht die Reaktion der Stadt nicht. "Unmöglich ist das, bei dem Denkmal für Kurt Eisner hatte man ja auch keine Bedenken". Dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten ist auf dem Bürgersteig vor dem Palais Montgelas ein Bodendenkmal gewidmet. Auch die 24 Juden, die in der Viktor- Scheffel-Straße lebten, sollen nicht namenlos bleiben. Den Anfang macht der Stolperstein für Oestreicher.

Wolfgang Brix, ein Mieter brachte den Stein ins Rollen. Brix wollte wissen, wer früher im Haus lebte. Heinrich Oestreicher war es, der drei Jahre lang im zweiten Stock des Hauses Nummer 19 wohnte. 1943 wurde er im Arbeitsghetto Theresienstadt ermordet. "Wir wollen individuelle Opfer mit Namen" sagt Reiner Bernstein von der Initiative Stolpersteine München.

Demnig gibt sie ihnen zurück. Seit Jahren reist er für sein Projekt durch Deutschland. Den ersten Stolperstein gab es 1996 in Berlin-Kreuzberg. Seitdem sind über 12 000 dazu gekommen. Jetzt gibt es einen Stolperstein und einen Schaukasten an der Viktor-Scheffel-Straße. "E sollen noch mehr werden" sagt Bernstein.

Thomas Nowotny würde das gutheißen: Dankbar und bewegt sei er. "Es ist ein Gedenken von unten." Eines das den namenlosen NS-0pfern eine Stimme gibt.


Archiv

Auswahl
 Presse
Dokumente
Stolpersteine in München

mehr zum Thema:

1. September 2007:
der erste STOLPERSTEIN in München seit dem Verbot 2004 

Presse-Info zur Verlegung
Fotos vom Verlegen am 1.9.
epv vom 10.8.
MM vom 13.8.
AZ vom 27.8.
WK vom 31.08.
SZ vom 1.9.
MM vom 3.9.
WK vom 3.9.
SZ vom 3.9.
Bild vom 3.9.
DLF vom 3.9. [mpg-Datei, 2MB]
BR vom 7.9. [mpg-Datei, 0,5MB]