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SZ vom 12./13.05.2007

"Ein bisschen befreit"

Der Münchner Sinto Hugo Höllenreiner erzählt seine KZ-Geschichte

Der 73-jährige Sinto Hugo Höllenreiner sitzt in der ersten Reihe vor der Orgel, gleich wird er seine Lebensgeschichte erzählen. Zwei Jahre verbrachte er in vier Konzentrationslagern. 50 Jahre sprach er nicht darüber, was er dort erlebt hat; erst kürzlich hat der gebürtige Giesinger seine Erinnerungen in einem Buch veröffentlicht. Gemeinsam mit Moderatorin Amelie Fried erzählt er nun im Orgelsaal der Musikhochschule seine Geschichte. Der große, braungebrannte Mann mit weißen Haaren fährt sich mit einer Hand durch den schwarzen Schnauzer, beide Hände halten den Stuhl fest. Erst als die Fenster zur Straße geschlossen sind, verstehen ihn alle 150 Zuhörer im Saal, die gebannt lauschen.

In kurzen Sätzen erzählt er von seiner Kindheit und der Anweisung "vom Papa", sich bei den Schulhofprügeleien nicht zu wehren. Und davon, wie irritiert er als Neunjähriger darüber war, dass sich sein Vater auch nicht widersetzten konnte, als die Familie im März 1943 mit dem Zug nach Auschwitz gefahren wurde. Fried fragt ein paar Mal dazwischen, bis Höllenreiner nach zehn Minuten in seiner Geschichte drin ist. Er spricht nun lauter, flüssig, und wartet bei den Fragen ungeduldig darauf, dass er wieder antworten kann.

Hugo Höllenreiner im Gespräch mit Amelie Freid
Hugo Höllenreiner mit der Moderatorin Amelie Fried
bei der Veranstaltung in der Musikhochschule an der Arcisstraße.
Foto: Andreas Heddergott

Und er gestikuliert. Seine Hände lassen den Stuhl los und zeigen, wie hoch der Unrat nach zweieinhalb Tagen im verschlossenen Zugwagon zwischen 60 Menschen stand — bürgersteighoch. Er blickt in die Runde: "Ihr könnt euch das nicht vorstellen."

Schüler auf den Fensterbänken lauschen mit offenem Mund, und auch Fried hört mehr und mehr zu, sie gibt nun nur noch das nächste Stichwort, wenn Höilenreiner kurz innehält. Und der erzahlt immer schneller. Etwa vom süßlichen Geruch, der von den Krematorien herüberwehte oder dem Aufstand, den sein Vater am 15. Mai 1644 auslöste: Das Lager sollte aufgelöst und alle Sinti und Roms umgebracht werden, sagt Höllenreiner. "Lastwagen hielten vor den Baracken, die Menschen mussten einsteigen und wurden zu den Gaskammern gefahren. Als ein Laster vor unserer Baracke hielt, stellte sich mein Papa mit einem Pickel in der Hand an den Eingang und schrie: "Wenn ihr was wollt, müsst ihr reinkommen ". Ein paar SS-Leute wären wohl bei einem Angriff auf die Baracke auch gestorben, sagt Höllenreiner. Also kamen sie nicht. Als er erzählt, wie sich sein Vater zum ersten Mal wieder wehrte, rutscht Höllenreiners Bart kurz zu einem Lächeln hoch, "Im KZ BergenBelsen hatte ich die Hoffnung aufgegeben." Es gab nichts zu essen. Der elfjährige Höllenreiner lernte, dass Tote, die ihre Hand zur Faust geballt haben, oft darin noch etwas zu essen halten. "Grün war Brot, braun eine Mohrrübe", sagt er. Als er am 15.April 1945 ein "You are free" hörte, war er sich sicher, dass er träumte. 36 Familienmitglieder waren tot, seine fünf Geschwister und die Eltern hatten überlebt.

Zurück in München fand die Familie das eigene Haus von Fremden bewohnt vor. Aber mein Papa ist dann ins Haus gegangen und die Fremden sind zum Fenster rausgeflohen." Da lächelt Höllenreiner kurz ein zweites Mal. Einige Minuten später ist er mit seiner Geschichte am Ende. "Ich fühle mich jetzt ein bisschen befreit." Er guckt in den Saat und sagt: "Die Leute haben heute sehr gut zugehört." Höllenreiner ist in der Gegenwart angekommen. Die Zuhörer verlassen mit nachdenklichen Gesichtern den Saal und nehmen die Vergangenheit mit.

Philipp Crone

Literatur: Anja Tuckermann, "Denk nicht, wir bleiben hier" — Die Lebensgeschsichte des Hugo Höllenreiner, Hanser Verlag, 2005


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