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Stolpersteine in München

FAZ vom 3. Mai 2007

Stolpern als historische Chance

Die ersten an Deportationsopfer erinnernden "Stolpersteine" wurden jetzt in Osteuropa verlegt: in Ungarns Hauptstadt Budapest.


von Oliver Jungen


Imre Pollák, geboren im Jahre 1908, war Lebensmittelhändler. Er lebte in der Ráday-Straße in Budapest. Viel mehr als das wissen die Archive nicht über sein Leben. Wie viele der über 750 000 ungarischen Juden blieb Pollák von den schlimmsten antisemitischen Verfolgungen lange verschont, bevor diese das Land Mitte 1944 doch noch mit voller Wucht heimsuchten. Die meisten Deportationen fanden erst unter dem auf deutschen Druck eingesetzten Ministerpräsidenten Ferenc Szálasi statt, auch wenn die Vorstöße anderer prodeutsch eingestellter Politiker diese lange vorbereitet hatten. Ausgeführt wurde die "Säuberung" von Adolf Eichmanns Sondereinsatzkommando in Kooperation mit dem ungarischen Innenministerium. Raul Hilberg hat auf den Punkt gebracht, was die Vernichtung der ungarischen Juden von den Mordserien in den übrigen europäischen Ländern unterscheidet: "Ungarn war das einzige Land, in dem die Täter bereits zu Beginn ihrer Tat wussten, dass der Krieg verloren war." Die Massendeportationen - häufig tödliche Fußmärsche - wurden "vor den Augen der ganzen Welt abgewickelt".

Den Einzelhändler Pollák deportierte man in das "Arbeitslager" bei Sopron, in dem er im Jahre 1945 zu Tode kam. Heute ist die Straße, in der er wohnte, eine belebte Ausgehmeile im Herzen Budapests. Auch das Goethe-Institut hat hier neuerdings seinen Sitz, weil die Ausgaben für das herrschaftliche Gebäude gleich neben der Oper - das anders als der Neubau durchaus mit dem imposanten Institut Français mithalten konnte - dem deutschen Kultursäckel zu enorm schienen. Seit diesen Tagen erinnert in der Radáy utca 31/b ein mit Messingkuppe bedeckter, dezent in das Pflaster eingelassener Stein daran, dass Imre Pollák einst an dieser Stelle wohnte. Es handelt sich um einen "Stolperstein" des Aktionskünstlers Gunter Demnig, wie sie inzwischen in vielen deutschen, aber auch in österreichischen und italienischen Orten zu finden sind. Erstmals wird damit diese eindrückliche Mahnmalsidee in einem osteuropäischen Land verwirklicht.

Die öffentliche Verlegung von drei "Stolpersteinen" in der Ráday-Straße - es wird noch des Arbeitslosen Bélá Rónai und des Textilhändlers Oszkar Vidor gedacht - fand ein großes und positives Medienecho. In seiner Eröffnungsrede zu der am Vorabend veranstalteten Podiumsdiskussion bekannte sich auch der Bürgermeister des neunten Distrikts, Ferenc Gegesy, zu der Initiative. Aber die Rede klang doch eigentümlich verhalten. Besorgnisse wurden geäußert, Verwunderung darüber ausgedrückt, dass die Genehmigung überhaupt erteilt wurde. Als mutigen Schritt eines sich als Avantgarde betrachtenden Stadtteils (die Franzensstadt) mochte Gegesy die Aktion verstanden wissen.

Und so dürfen auch die vielen am nächsten Tag zur Verlegung erschienenen Besucher nicht über die salonfähigen antisemitischen Vorbehalte in Ungarn hinwegtäuschen. Mehrfach bereits wurde das Schuh-Denkmal für die ermordeten und in die Donau geworfenen Juden Budapests angegriffen. Auch die Stolpersteine, so die kursierende düstere Warnung, würden nicht lange bestehen. Ein wenig Paranoia ist sicher im Spiel. Tatsächlich aber sagte der Oberbürgermeister der Stadt in letzter Sekunde seine Teilnahme ab, schickte auch keinen Vertreter. Schließlich ließen sogar einige Teilnehmer ihr Missfallen durchblicken: Die Juden, daran solle man einmal erinnern, hätten den Stalinismus gestützt. Die Traumata verstricken sich schnell in Ungarn.

So funktioniere hier der Antisemitismus, sagt Ágnes Berger vom Ungarischen Kulturinstitut in Berlin, die Initiatorin der "Stolpersteine" in Budapest: Sichtbar sei er zwar nur hin und wieder, in jüngster Zeit etwa gebe es lautstark einfallende Motorradbanden mit Flaggen der Pfeilkreuzler (der nationalsozialistischen Partei Ungarns), doch subkutan finde man ihn in der ganzen Gesellschaft. So diffus wie die Bedrohung scheinen die Befürchtungen. Selbst ihre Freundinnen, so Ágnes Berger, hätten sich nach der Steinverlegung bei ihr beschwert, dass sie nicht über die Dimension der Medienöffentlichkeit informiert gewesen seien. Nun würden sie deutlich als Unterstützer dieser Sache erkannt. Als isoliertes Vorhaben hätte die Gedenkstein-Verlegung in Ungarn vielleicht genauso wenig eine Chance gehabt wie in Polen, wo mehrere Anläufe Demnigs administrativ gestoppt wurden. In diesem Fall aber gab es Unterstützung: Die Verlegung der ersten fünfzig "Stolpersteine" in Ungarn ist eines von mehr als dreißig deutsch-ungarischen Gemeinschaftsprojekten, deren Förderung mit jeweils 40 000 bis 100 000 Euro die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Initiative "Bipolar" übernommen hat. Gezielt werden hier Kulturbegegnungen zwischen Deutschland und den neuen Beitrittsländern der Europäischen Union gefördert.

Eine Gesamtfördersumme von drei Millionen Euro steht zur Verfügung, davon eine Million für Infrastruktur und Kommunikation. Vor einem Jahr wurden aus 144 deutsch-ungarischen Kooperationsanträgen 29 Projekte ausgewählt, drei weitere werden anderweitig finanziert. Mit Flóra Tálasi ist die Leitung von "Bipolar" einem perfekten Organisationstalent übergeben worden: Nicht aus der Ruhe zu bringen ist die junge Frau, die kilometerlange Sätze aus dem Stegreif zu formulieren in der Lage ist, vor allem aber, was gerade im Zusammenhang von Förderprojekten wichtig ist: vollkommen glaubwürdig.

Gleich mehrere Unterprojekte eines "Hamlet in Budapest/Berlin" benannten Vorhabens standen auf dem Programm. Es geht der ausführenden "Internationalen Heiner Müller Gesellschaft" nicht zuletzt um Lobbyarbeit für ihren Autor. Dessen bislang nur unzureichend übersetztes Werk, so ahnen sie, bedeute für die Ungarn eine Sensation. Zwei kreative Umsetzungen der "Hamletmaschine" - ein "Lecture-Concert" sowie eine iPod-Stadtführung - waren unterhaltsam, hatten aber mit Heiner Müller kaum etwas zu tun. Zu der deutsch-ungarischen Lesung des Textes dagegen erschienen neben dem zwangsverpflichteten Journalistentross noch zwei Gäste aus dem Umfeld des eingebundenen Germanistischen Seminars. Dass Heiner Müller in Ungarn unbekannt sei, wollten diese aber nicht gelten lassen. Er scheint im Gegensatz zu Berlin, wo der gut besuchte Gegenpart des Workshops stattfand, jedoch nicht sonderlich gefragt.

Kein anderes der geförderten Projekte ist so brisant wie die "Stolpersteine". Deshalb wohl wird der Kunstaspekt der Aktion besonders betont. Im Mittelpunkt steht dabei gut genieästhetisch der Künstler (und nicht etwa ein Vergleich mit anderen Mahnmalsentwürfen). Mit einem Dia-Vortrag stellte sich Gunter Demnig selbst vor. Pilot hatte er werden wollen, dann aber gemerkt, dass man dabei zwar ordentlich verdiene, aber "angestellt wie ein Busfahrer" sei. Flugs sattelte er um zur Kunstpädagogik. Früh haben es ihm die Aktionen angetan: Wanderung mit Duftmarkenmaschine, Wanderung mit Blutspurmaschine, Wanderung mit Drahtabwickelmaschine, das Grundgesetz im Binärcode in Blei gegossen, Backpfeifenautomat, Schulterklopfautomat. Auch das Politische hatte er immer schon im Blut. Als die Amis in Vietnam waren - Demnig zeigt ein Dia -, habe er dies hier an sein Fenster gemalt: Zu sehen ist die amerikanische Flagge. Mutig, denkt man irritiert. Bis der Künstler aufklärt: Totenköpfe. Die Sterne sind Totenköpfe. Das war nicht zu erkennen.

Die Keimzelle für das "Stolperstein"-Projekt war Demnigs Marsch mit Schriftzugmaschine durch Köln: "Mai 1940, 1000 Sinti und Roma" war auf einer Strecke von 16 Kilometern zu lesen und erinnerte eindrücklich an die frühen Massendeportationen. Seit zehn Jahren nun fertigt der Bildhauer "Stolpersteine" an, die an Deportationsopfer erinnern. Elftausend Steine hat Demnig bislang verlegt. In der Regel wird gegen eine Gebühr von derzeit 95 Euro eine Patenschaft für einen Stein übernommen. Das staatlich anschubfinanzierte Vorgehen in Ungarn ist eine Ausnahme, wobei das Konzept aufzugehen scheint: Es liegen aus der Bevölkerung schon erste Bestellungen für weitere Gedenksteine vor.

Der Ikonographie des schaffenden Artisten - offenes Hemd, abgewetzte Lederweste, verschmierte Hose - entspricht Demnig allerdings so genau, dass sich bald Misstrauen regt. Tatsächlich wird man fragen dürfen, ob seine Mahnmalsidee wie ein Patent behandelt werden muss: Jeder Stein wird vom Künstler selbst hergestellt, an Ort und Stelle verbracht und verlegt. Die zum Anlass gehörende Rede Demnigs klingt leider arg hemdsärmelig. Keiner der geladenen Journalisten entkam denn auch, wie sich herausstellte, dem Gedanken, ob bei einem Erinnerungsprojekt dieser Dimension der Künstler nicht stärker hinter das Werk zurückzutreten hätte. Wie dem auch sei: Zweifellos hat Gunter Demnig eine außergewöhnlich würdevolle Form des Gedenkens erfunden und sie mit größtem Engagement vorangetrieben. Vielleicht lenkt bald auch endlich eine der letzten Bastionen ein, die sich immer noch gegen die "Stolpersteine" sperrt: Nicht Polen ist hier gemeint, sondern die Stadt München.