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Robert Griesbeck, textglobal

Versöhnung der zerstrittenen Trauergemeinden?

»Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe«

oder »Trauer fragt nicht nach Erlaubnis«.


Der Streit zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde München und der Initiative Stolpersteine ist alt, bekannt und - jedenfalls angesichts des Jahrestages der Befreiung der Überlebenden von Auschwitz am 27. Januar 1945 - kaum gewichtiger als ein feuchter Beschlag auf einem Brillenglas. Wenn man durch diese Brille jedoch das komplizierte politische und emotionale Geflecht von Trauerkompetenz und Betroffenheitsvorherrschaft betrachtet, wäre man um etwas mehr Scharfsicht froh. Wer darf wo wie und um wen trauern? Manche Fragen sollte man einfach nicht stellen.

Das Argument, auf die Stolpersteine mit den Namen jüdischer Mitbürger, die im Dritten Reich ermordet wurden, würde heute wieder mit Füßen getreten, ist nicht verhandelbar. Man muss es akzeptieren. Aber der Münchner Künstler Peter Weismann hat es vielleicht geschafft, die Parteien zu versöhnen, die alle doch nur das Gleiche wollen: trauern, erinnern und mahnen. Im Untergeschoss der U-Bahnstation der Universität ist seit dem 10. Januar seine Installation »Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe« aufgebaut: Fünf große Fotografien hängen über einem Boden aus Pflastersteinen. Man kann die Lebenswege der fünf jüdischen Mitbürger, kurz und knapp formuliert, nachlesen. Allesamt Wege in den Tod.

Am vergangenen Freitag nun öffnete sich die Glaswand, die Pflastersteine quollen heraus, und der Künstler saß vor seiner Installation. Im Gewimmel der U-Bahngäste las er von morgens bis abends aus dem sogenannten »Jäger-Bericht«, in dem der Kommandeur der Sicherheitspolizei in Litauen, Karl Jäger, detailliert die Zahl der getöteten Juden aufzählte und mit der Gesamtsumme von 137.346 konstatierte: »Ich kann heute feststellen, daß das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr � «. Peter Weismann las neun Stunden lang diesen Bericht vor, stellte den Buchhalter des Verbrechens dar und addierte auf einer Rechenmaschine Tod um Tod. Und es stellte sich heraus, dass diese stille und reduzierte Aktion viele der vorbeihuschenden Menschen aufhielt, dass ganze Schulklassen sich versammelten, dass coole Jungs die MP3-Knöpfe aus den Ohren nahmen und ohne die Weisung eines pädagogischen Zeigefingers auf dieses schreckliche Bild unserer Vergangenheit starrten. Wenn es um den Effekt des Innehaltens und Gewahrwerdens geht, hat Peter Weismanns Installation mehr erreicht als viele gutgemeinte Geschichsstunden. Hoffen wir, dass er auch die zerstrittenen Münchner Trauergemeinden einer Versöhnung näher gebracht hat.


Robert Griesbeck, textglobal

Fotos: James Dummler


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Presse: SZ v. 11.1.07
Presse: MM v. 12.1.07
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