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SZ vom 11.01.2007         [2. Artikel in der SZ]

Neuer Anlauf:
Initiative will das Gedenken an die Nazi-Opfer wach halten

Ein Streit um Namen und Orte

StoIpersteine-AussteIIung im U-Bahnhof Universität – Oberbürgermeister Ude hält das Thema für beendet

Von Joachim Käppner
und Michael Tibudd

Die Initiative „Stolpersteine für München“ macht mit einer Ausstellung im U-Bahnhof Universität wieder auf sich aufmerksam. Am Mittwoch eröffnete sie eine Installation des Künstlers Peter Weismann in der Vitrine des Bezirksausschusses Maxvorstadt. Hinter Glas hat Weismann 53 der sogenannten Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig ausgelegt, auf denen Namen von Opfern der NS-Herrschaft stehen. „Das ist eine Installation im Exil“, sagte der Sprecher der Initiative, Reiner Bernstein. Dies sei nötig, weil es in München nicht möglich sei, die Steine vor den früheren Wohnhäusern der Opfer einzulassen.

Die Installation im U-Bahnhof wurde durch einen einstimmigen Beschluss des Bezirksausschusses Maxvorstadt möglich. „Die Stolpersteine sind in ganz Deutschland in vielen Städten als Mittel der Erinnerung akzeptiert“, sagte der Ausschuss-Vorsitzende Klaus Bäumler (CSU). „München stellt eine Ausnahme dar. Der Stadtrat hatte es 2004 abgelehnt, die Stolpersteine in der Öffentlichkeit zu platzieren. Auch Charlotte Knobloch lehnte sie als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde ab. Nach langem Ringen seien die Mitglieder des Bezirksausschusses zu dem Schluss gekommen, dass man „dem Gedenken Namen und Orte geben“ müsse, sagte Bäumler. „Die Stolpersteine verkörpern das ideal, ein intensiveres Erinnern gibt es nicht.“ Er gab sich überzeugt, dass die Steine „auf längere Sicht“ ihren Platz in der Öffentlichkeit finden würden.

"Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe": unter diesem Motto stellt die Initiative "Stolpersteine für München" seit Mittwoch Namen und Gesichter von NS-Opfern aus.

Foto: Robert Haas

Seit 1993 gießt der Kölner Gunter Demnig die etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Quader. In den Betonblöcken sind Messingplatten verankert, auf denen der Schriftzug „Hier wohnte...“ und Lebensdaten von NS-Opfern eingraviert sind. Nach Angaben der Initiative liegen in etwa 200 Städten fast 10 000 dieser Stolpersteine aus. In Berlin und Köln wiesen jeweils 1600 Steine auf frühere Bewohner hin, in Hamburg etwa 1000. Für 95 Euro können Privatleute dort eine „Patenschaft“ für einen solchen Stein übernehmen

Bei der Installation im U-Bahnhof werden die Stolpersteine ergänzt von großen Porträt-Aufnahmen und Kurzbiografien von sechs Opfern aus der Maxvorstadt. Der Betrachter erfährt deren genauen Wohnort, Straße, Hausnummer und Stockwerk. Über Spiegel wird er selbst zum Teil der Installation. Am 26. Januar, dem Tag vor dem Holocaust-Gedenktag, soll die Installation noch ausgedehnt werden. Künstler Peter Weismann wird die Vitrine öffnen und selbst neun Stunden lang aus Protokollen des SS-Obersturmbannführers Jäger vorlesen, der im Kosovo über die Erschießung von 99000 Menschen Buch geführt hat.

Die Installation wird dann noch bis zum 31. Januar zu sehen sein. Sie ist die dritte ihrer Art. Neben einer dauerhaften Ausstellung im Gebäude der Musikhochschule gab es im vergangenen Mai eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne „Und es wird auch eine vierte und eine fünfte Station geben“, versprach lnitiativen-Sprecher Bernstein. Die Stadt könne kein Erinnerungsmonopol für sich beanspruchen.

Oberbürgermeister Christian Ude lehnt die Stolpersteine weiterhin ab, wie er der Süddeutschen Zeitung sagte. „Einzelne Veranstaltungen mögen ja sinnvoll sein. Die Kernfrage ist jedoch: Wollen wir eine Form des Gedenkens, die von den hauptsächlich Betroffenen, also der jüdischen Gemeinde, mehrheitlich als Kränkung und Beleidigung empfunden wird?“ Ude sprach von „einer Fülle des Gedenkens“, die es in München auch ohne die Stolpersteine bereits gebe. Es könne keine Rede davon sein, dass die Stadt die Erinnerung an die NS-Vergangenheit monopolisieren wolle. Ude will diese Debatte, wie er sagte, nicht noch einmal führen: „Über kein anderes Thema gab es hier mehr Sitzungen, Gespräche und Abendveranstaltungen als über die Stolpersteine. Eine erneute Befassung damit halte ich nicht für sinnvoll.“ Es störe ihn, dass „ein winziger Zirkel von zehn bis 25 Menschen in München einfach erklärt: Es ist uns egal, was der Stadtrat beschließt; es ist uns egal, was die jüdische Gemeinde dazu sagt“.

2004 hatte Charlotte Knobloch, ohne innerhalb der jüdischen Gemeinde auf größeren Widerspruch zu stoßen, erklärt: „Als Überlebende jener furchtbaren Jahre ist es für mich heute schmerzhaft und absolut unerträglich zu sehen, dass die Opfer - symbolisiert durch ihre Namen - erneut den Tritten von Schuhen und Stiefeln ausgesetzt sein könnten. Oder dass sich Hunde an den Namenstafeln jener Menschen zu schaffen machen, die den Nazis weniger galten als ihre Haustiere.“




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