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Stolpersteine in München


Münchner Merkur vom 29.12.2006

„Erinnerung hat kein Monopol“

Streit um Gedenken an den Holocaust in München geht weiter


VON NINA GUT

Erinnerungsarbeit fällt schwer in München. Man ist sich einig, dass man sich an den Holocaust erinnern muss, aber selbst die sich Erinnernden sind sich uneinig, wie dies geschehen soll. Charlotte Knobloch und Al Koppel etwa, beide Hobcaust-Überlebende, beide Münchner Kindl. Koppel möchte, dass Stolpersteine vor den einstigen Wohnorten deportierter Juden verlegt werden. Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, ist dagegen. Sie könne nicht ertragen, dass Schuhe auf Namen von Opfern des Naziregimes herumtreten. Die Kontroverse besteht seit über drei Jahren. Mit der Eröffnung der Synagoge am Jakobsplatz hat sie neue Aktualität gewonnen.

Die Tafel im "Gang der Erinnerung" im Keller der neuen Synagoge trägt die Namen von 4500 ermordeten Münchner Juden

Foto : Bodmer

Die Kultusgemeinde hat sich für museales Gedenken entschieden. Sie installierte im unterirdischen Verbindungsgang zwischen Hauptsynagoge und Gemeindehaus den so genannten „Gang der Erinnerung“. Dort stehen die Namen aller ermordeten Münchner Juden. Auch die von Al Koppels Mutter Karla und seinen Geschwistern Günther, Hans, Ruth und Judis. Dabei hatte er die Gemeinde ausdrücklich gebeten, die Namen nicht auf das „sterile“ Mahnmal zu schreiben, solange die Stolpersteine in München verboten sind - Gunter Demnigs kleine Steine mit Messingplatten darauf, die die Namen und Daten der Opfer tragen. Koppel ist empört, will sich bei Knobloch beschweren und erwägt rechtliche Schritte. Peter Jordan, der heute in England lebt, hat bereits eine Münchner Anwältin eingeschaltet. Auch die Namen seiner Eltern Paula und Siegfried stehen gegen seinen Willen auf der Tafel.

„Individuelle“ Stolpersteine gegen „abstrakte“ Tafel

Al Koppel betont, die Tafel sei kein Ersatz für das individuelle Konzept der Stolpersteine, das zeige, „was wirklich geschehen ist“. Das hatte er Knobloch auch Anfang 2005 in einem Brief mitgeteilt. Sie habe ihm zusagt, dass sein Wunsch respektiert werde. Er sei „sehr schockiert“, wie das Erinnern nun aussieht: „Nur Namen der ermordeten Menschen - versteckt im Kellergeschoss. Nichts anderes. Keine Erklärung. Man erkennt nicht, welche Angehörigen zusammengehören, wie alt sie waren. Viele waren Kinder. Nur 4500 Namen - steril, unpersönlich, abstrakt.“

Koppel gelang als Elfjährigem zusammen mit seinem Vater und einem Bruder die Flucht nach Amerika. Die anderen Angehörigen wurden nach Litauen deportiert und erschossen. Koppel lebt heute in Fort Collins in Colorado. München bezeichnet er als „meine versagte Heimat“. Bei jedem Besuch, zuletzt zur Einweihung der Synagoge am Jakobsplatz ("eine große Freude“), spaziert er zu seinem Elternhaus an der Maximilianstraße 43. Er will bis ans Lebensende dafür kämpfen, dass die Passanten auf dem Bürgersteig davor über die Steine zu Ehren seiner Familie „stolpern“.

Al Koppel als junger Mann ...

... und heute

Koppel kämpft zusammen mit der Initiative „Stolpersteine für München“. Judith und Reiner Bernstein halten ihn über den Sachstand auf dem Laufenden. "Stolpersteine sind die beste Art, um den Leuten wieder einen Namen zu geben“, sagt Judith Bernstein. „Man stolpert regelrecht und schaut hin.“ Die Gegenargumente von Charlotte Knobloch nennt sie „vorgeschoben. Die Erinnerung hat kein Monopol.“ Derzeit liegen die Steine in der Musikhochschule aus. Auch Prominente streiten für sie. Darunter Autorin und Fernsehmoderatorin Amelie Fried, die im Februar 2005 selbst in einem symbolischen Akt zwei Stolpersteine an der Frundsbergstraße in Neuhausen verlegte. Sie erinnern an ihren Großonkel und ihre Großtante, Lily und Max Fried, die dort gewohnt hatten und nach Auschwitz deportiert wurden. Ihre Namen stehen auch auf der Gedenktafel. „Der ‚Gang der Erinnerung‘ ist schön und wichtig. Trotzdem würde ich mir die Stolpersteine wünschen“, sagt Fried. Beide Formen des Gedenkens sollten möglich sein. „Ich bin nicht der Meinung, dass die Diskussion zu Ende geführt wurde.“

Charlotte Knobloch indes möchte nichts mehr zum Thema sagen. Ihre Position, wie auch die des Stadtrats, ist klar. Sie sagte, „dass es doch andere Möglichkeiten geben sollte, sich derer zu erinnern, die zum großen Teil durch Stiefel und ähnliches gedemütigt und verletzt wurden“.


Fotos vom "Gang der Erinnerung"