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Stolpersteine in München

10. Mai: Erinnerung an die Bücherverbrennung
und
11./12. Mai2006: Diskussion um neue Formen des Gedenkens in München
- bei beiden Themen geht es auch um STOLPERSTEINE

Interview mit Wolfram Kastner in der AZ am 10.5.06
Interview mit Wolfram Kastner in der AZ am 10.5.06

Aktion der Initiative STOLPERSTEINE München
Bericht in der SZ am 15.5.06

SZ vom 15.05.06 - Münchner Kultur

Verordnete Vergangenheit

Die Diskussion über "Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens" ofenbart absurde Verkrampfungen

Die Erwartungen waren hoch gesteckt. Zwei Tage lang reden über das Thema „Opfer des Nationalsozialismus - Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“. München, die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ und „Hauptstadt der Deutschen Kunst“, soll nach dem Willen des Stadtrates endlich damit beginnen, sich den dunklen Punkten seiner Vergangenheit zu stellen. Und das möglichst so, dass alle Welt etwas davon mitbekommt. Bis dahin - so viel vorweg - dürfte freilich noch ein Stück Weges zurück zu legen sein.

Donnerstagabend im Haus der Kulturinstitute unweit des Königsplatzes. Ein geschichtsträchtiger Ort. Während der Nazi-Zeit war dort die Zentralverwaltung der NSDAP untergebracht. Im einstigen „Karteiraum“ findet die Konferenz statt. Erster von zwei Kurzauftritten der Münchner Kulturreferentin Lydia Hartl, der Gastgeberin und Organisatorin des als „offen“ angekündigten Kunstgesprächs, das offiziell im Rahmen der von ihr verantworteten „Kunst im öffentlichen Raum“-Aktion „Ortstermine“ stattfindet: Hehre Sätze fallen. Eine „verbindliche Haltung jenseits von Ideologie und Politik“ müsse künftig gefunden werden. „Tabuisierungen“ seien aufzubrechen. Schluss mit dem „rituellen Erinnern“. Es folgt ein kurzer Verweis auf das demnächst zu eröffnende jüdische Zentrum am Münchner Jakobsplatz - und die Referentin entschwindet. Dringende Pflichten rufen. Und bis auf einen weiteren Kurzauftritt am folgenden Tag wurde sie fortan bei dieser, ihr scheinbar gar nicht so sehr am Herzen liegenden Veranstaltung auch nicht mehr gesehen.

Das anschließende erste Podiumsgespräch zwischen dem Historiker und Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, Volkhard Knigge, sowie den Künstlern Jochen Gerz und Volker März offenbart dann erstmals einen Konflikt, der während der gesamten Dauer der Gespräche in immer neuen Variationen auftauchen wird:

Die Kunst will sich nicht vereinnahmen lassen, andererseits locken öffentliche Aufträge. Die allerdings sind mit Auflagen und einer gewissen Erwartungshaltung verbunden. Politiker und Wissenschaftler versuchen theoretische Vorgaben zu machen, wie das Gedenken zu organisieren sei. Und wichtiger noch, was beim Gedenken alles zu bedenken ist. Widerständig müsse die Kunst sein; verhindern, dass die Vergangenheit von Gegenwart und Zukunft abgekoppelt werde. Gleichzeitig dürfe kein Markt für oberflächliche Erinnerungskunst entstehen, und außerdem müsse eine junge Generation eingebunden werden.

Nachdem Volkhard Knigge dieses Anforderungsprofil am Eröffnungsabend wortreich ausgebreitet hatte, folgte die Reaktion unmittelbar. Der Berliner Volker März behauptet, er sei als Künstler „Profi-Anarchist“ und verwahrt sich gegen eine so genannten „Erinnerungskunst-Polizei“. Nicht ohne freilich gleich anschließend mögliche „Erinnerungskunst-Projekte“ für München vorzustellen. Schließlich ist ja bekannt, dass die Landeshauptstadt, wie von SPD- Stadtrat Michael Leonhart in seiner Begrüßung auch noch einmal ausdrücklich betont, in diesem Jahr 500 000 Euro dafür zur Verfügung stellen will. März also schlägt vor, die Figuren des Glockenspiels auf dem Rathausturm abzubauen und dort statt dessen Abbildungen von Deportierten zu platzieren. Ein „Alarm-Glockenspiel“ würde er gerne installieren. Kollege Jochen Gerz dreht das Tempo dann doch wieder ein wenig zurück und wird philosophisch. Der Bürger sei nicht mehr durch billige Provokationen wachzurütteln. Seine eigenen Arbeiten seien Denkanstöße auf Zeit, wie beispielsweise in Hamburg-Harburg, wo er und seine Frau 1986 eine zwölf Meter hohe Säule aus Blei als Mahnmal gegen den Faschismus aufrichteten und anschließend mit Bürgerprotesten gegen den Faschismus im Boden versinken ließen. Kunst könne nicht als hoheitlich verordnetes Alibi dienen. Der Auftrag sei das Werk. Ins gleiche Horn stieß später Wolfgang Lorenz, Mitinitiator der 2005 viel diskutierten österreichischen Projekt-Reihe „25 peaces - die Zukunft der Vergangenheit“, bei der er wie in der Besatzungszeit Kühe vor dem Wiener Belvedere weiden ließ und auf dem Heldenplatz Schrebergärten einrichtete: „Kunst kann nicht leisten was die Politik nicht anpackt.“ Und außerdem: „Kunst kann nur so gut sein wie der Auftraggeber.“

Bereits zu diesem Zeitpunkt waren die Mienen der anwesenden Stadträte merklich nachdenklicher geworden. Der Eklat, der schließlich den Geburtsfehler der ganzen Veranstaltung noch einmal nachdrücklich offenbaren sollte, folgte freilich erst bei der Schlussdiskussion. Plötzlich meldete sich ein Zuhörer, um zu Gehör zu bringen, dass München als einzige deutsche Stadt die „Stolperstein“ -Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig abgelehnt habe: Messingplatten mit Namen und Daten deportierter Opfer, die vor dem einstigen Wohnort in den Bürgersteig eingelassen werden. Nur mühevoll konnte die Moderatorin Christine Lemke-Matwey durchsetzen, dass sich das Podium mit dieser Frage beschäftigt. Begründung der Ablehnung vor einem Jahr im Stadtrat: Es sei unerträglich, dass auf den Namen von Opfern herumgetreten werde. Reaktion der Befürworter der verbotenen Dernnig-Aktion im Publikum: Es sei anmaßend dem einzelnen vorzuschreiben, wie er die Erinnerung aufrecht erhalten wolle. Absurd krönender Abschluss des am Ende gar nicht mehr so offenen Kunstgesprächs: der Rückzieher von Wolfgang Leonhart, dem kulturpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Münchner Rathaus. Unter Umständen könne man sich ja vorstellen, die heuer eingeplanten 500 000 Euro für „Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ noch einmal ein Jahr zurückzustellen.

CHRISTOPH WIEDEMANN


 

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