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Stolpersteine in München

10. Mai: Erinnerung an die Bücherverbrennung
und
11./12. Mai2006: Diskussion um neue Formen des Gedenkens in München
- bei beiden Themen geht es auch um STOLPERSTEINE

Interview mit Wolfram Kastner in der AZ am 10.5.06
Interview mit Wolfram Kastner in der AZ am 10.5.06

Aktion der Initiative STOLPERSTEINE München
Bericht in der SZ am 15.5.06

SZ vom 10.05.06

Hauptstadt des Vergessens

Der Künstler Wolfram Kastner hält die Bereitschaft Münchens zum Gedenken für miserabel

Das Kulturreferat lädt am 11./12. Mai zu einem Expertengespräch über „Perspektiven des Erinnerns in der Landeshauptstadt“. Weder der Stolperstein-Initiator Gunter Deming noch der Künstler und Salzmann-Unterstützer Wolfram Kastner sind eingeladen. Kastners Verhältnis zur Stadt ist getrübt, seit er 1995 erstmals zum Gedenken an die Bücherverbrennung einen Brandfleck auf dem Rasen des Königsplatz hinterließ.

SZ: Warum wurden Sie zu dem Erinnerungs-Gipfel nicht eingeladen?

Kastner: Vielleicht stehe ich gewissen politischen Entscheidungen nicht so nahe, wie man es gerne hätte.

SZ: Haben wir in München eine verordnete Erinnerungskultur?

Kastner: Der Oberbürgermeister hat mit dezentraler Erinnerungskultur nicht viel im Sinn. Das war ja auch der Hauptgrund, warum die Stolpersteine abgelehnt wurden. Weil er befürchtet hatte, dass es eine Inflation des Gedenkens gebe, wenn nicht von der Stadtspitze entschieden wird, wo und wie erinnert wird. Man fürchtet sich davor, das Erinnern nicht richtig im Griff zu haben.

SZ: Wie bewerten Sie die Bereitschaft Münchens, sich der NS-Zeit zu erinnern?

Kastner: Miserabel! München, einst Hauptstadt der Bewegung, scheint sich als Hauptstadt des Vergessens und der Verdrängung wohlzufühlen. Wenn man sich Erinnerungstafeln anschaut, sind das schlecht gemachte Hausaufgaben.

SZ: Welche Form sollte Kunst heute haben, um sich mit Geschichte befassen?

Kastner: Keine Bronze und kein Stein. Das ist die Hardware der feudalen Reiterstandbilder. Erinnerungskultur sollte gut sichtbar und ohne Gewöhnungseffekt sein. Erinnerung ist etwas Aktives. Man muss sich erinnern und wird nicht erinnert. So könnte man jedes Jahr an einem bestimmten Ort etwas tun.

SZ: Wie Sie es mit Ihrer jährlichen Brandfleck-Lesung tun. Weshalb wehrte sich die Stadt gegen die Aktion?

Kastner: Ich hatte 1988 eine Broschüre in die Hand bekommen, als die Platten am Königsplatz herausgerissen wurden. Darin fand ich den Satz: „Endlich darf Gras über die Geschichte wachsen.“ In der Formulierung drückt sich aus: Endlich ist die Geschichte entsorgt. Darum habe ich beantragt, dass ich einen Brandfleck in den neuen Rasen hineinbrennen und eine Infotafel aufstellen darf.

SZ: Die Antwort der Stadt?

Kastner: Es wurde verboten. Mit der Begründung, dass der Rasen von 1933 nicht mehr vorhanden sei und der Platz unter Denkmalschutz stünde. Den Vorsitz in der für das Verbot zuständigen Kommission hatte Oberbürgermeister Ude. Es wurde dann doch noch genehmigt. 2002 machte ich es dann illegal zur Langen Nacht der Bücher. Seither wird es genehmigt unter der Voraussetzung, dass ich danach den Rollrasen zum Abdecken für 350 Euro plus 45 Euro Verwaltungsgebühr bezahle. Was ich nicht tue.

SZ: Sehen Sie Parallelen zu dem Verhalten der Stadt bei der Rettung der Salzmann-Sammlung?

Kastner: Ja. Es gab im wesentlichen nur ein Gespräch, bei dem uns gesagt wurde, die Bücher wären bereits alle in der Stadt vorhanden. Das stimmt aber nicht. Und die Kulturreferentin fragte, ob Herr Salzmann die Sammlung der Stadt schenken wolle. Eine wirkliche Missachtung war auch, dass die Einladung, die Sammlung anzuschauen, in harschen Worten abgelehnt wurde. Dann wurde im Kulturausschuss beschlossen, dass man die Sache nicht weiter verfolgt.

SZ: Liegt es auch daran, dass man sich mit einigen der verfemten Autoren immer noch schwer tut?

Kastner: Ich wünsche mir das Gegenteil, aber es ist zu befürchten, dass ein Großteil der Bücher nach 1945 so diffamiert und aus den Köpfen verschwunden war, dass ein Großteil der Autoren der heutigen Politikergeneration unbekannt ist. Dabei ist es eigentlich die beste deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts.

Interview: Marco Eisenack

Wolfram Kastner wird heute wieder einen Fleck auf den Königsplatz brennen (hier im Jahr 2004). Foto: S. Leiprecht

 

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