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Stolpersteine in München

Münchner Merkur vom 16.02.06

"Eine Inflation des Gedenkens"


In die Mauerkirchnerstraße hatte 2004 Gunter Demnig "Stolpersteine" gepflastert - sie wurden wieder entfernt.      Fotos (2): Klaus Haag

Stolperstein-Ausstellung spaltet Bezirksausschuss der Maxvorstadt

VON JOHANNES PATZIG
Maxvorstadt - Neuer Wirbel um die „Stolpersteine“: Eine Münchner Initiative möchte die umstrittenen Gedenksteine für Holocaust-Opfer in der U-Bahngalerie der Maxvorstadt ausstellen. Das Vorhaben sorgte im örtlichen Bezirksausschuss für heftige Diskussionen. Gegner befürchten: Es könnte zuviel des Gedenkens werden in der Maxvorstadt. Die Entscheidung musste vertagt werden.

Über 80 Stolpersteine hat der Kölner Bildhauer Gunter Demnig bereits für München angefertigt: einfache Pflastersteine, versehen mit einer Messingplatte. Auf jedem steht der Name eines von den Nazis deportierten oder ermordeten Münchners. Weil der Stadtrat Demnig verboten hat, die Steine in Gehwege einzusetzen (wir berichteten), sucht die Initiative „Stolpersteine für München“ nun neue Standorte: „Erinnerung muss anschaulich vermittelt werden, sonst verliert sie sich“, forderte Peter Weismann von der Initiative. Die Steine möchte er daher „durch den öffentlichen Raum wandern lassen“ Die U-Bahngalerie des BA am Geschwister-Scholl-Platz sei ein „bestens geeigneter Ausgangsort“. Der Antrag stieß bei vielen BA-Mitgliedern auf Widerstand. Sie fürchten vor allem „eine Inflation des Gedenkens“ in der Maxvorstadt. „Vor einem Jahr haben wir mit einer ähnlichen Ausstellung in der U-Bahngalerie den Maxvorstädter NS-Opfern gedacht“, erklärte Kirsten Bärmann-Thümmel (Grüne). Eine weitere Ausstellung dieser Art nach so kurzer Zeit könnten die Betrachter der Galerie - zumeist Studenten - als „Affront gegen ihre Intelligenz auffassen“. Noch deutlicher wurde Martha Hipp (Grüne):

„Die Erinnerungsarbeit nimmt sehr großen Raum im BA ein.“ Der Ausschuss werde gar mit dem Gedenken an die NS-Zeit identifiziert. Statt der Stolperstein-Ausstellung wolle sie „als BA-Mitglied nun auch mal Zukunftsthemen befördern‘. Alfred Harich (SPD) äußerte zudem Kritik an der Ausstellungs-Konzeption: „50 Steine in einer Vitrine: Angesichts der Millionen Opfer ist das eine unerträgliche Verharmlosung.“

Nach hitziger Debatte wird die Entscheidung vertagt

Der Vorsitzende Klaus Bäumler (CSU), seit Jahren in der Erinnerungsarbeit engagiert, war entrüstet: „Es geht um Einzelschicksale. Wenn ich daran denke, was diese Menschen erlitten haben, fällt es mir schwer, diese Diskussion zu leiten.“ Er forderte, die Durchführung der Ausstellung sofort zu beschließen. Unterstützung erhielt Bäumler nicht nur aus der eigenen Fraktion. "Zuviel Erinnerungsarbeit kann es in der Maxvorstadt gar nicht geben“, sagte Irmgard Schmidt (SPD). So kontaminiert sei die Gegend durch Nazi-Gräuel. Die Mehrheit der BA-Mitglieder sah sich nach der hitzigen Debatte außerstande, über die Ausstellung abzustimmen. Eine Entscheidung will der BA nun im März fällen.

Entrüstet über Diskussion: BA-Vorsitzender Klaus Bäumler (CSU).


In München abgelehnt

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist" - Diesen Leitsatz hat Gunter Demnig seiner "Stolperstein “-Aktion zugrunde gelegt. Über 5500 Steine hat Demnig seit 2000 in 97 deutschen Ortschaften angebracht. Darauf stehen die Namen von Deportierten und Ermordeten, ihr Geburtsund Todesdatum - ein kurzer Abriss ihres Schicksals. Für 95 Euro kann jeder Bürger einen Stein sponsern. Demnig setzt die kleinen Mahnmale dann in Gehwegen vor Häusern ein, in denen die Verstorbenen einst wohnten.

Für das Projekt verlieh Bundespräsident Horst Köhler Demnig den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. In München hat Demnig jedoch keinen guten Stand. Die lsraelitische Kultusgemeinde der Stadt sprach sich vehement gegen das Gedenken mit Stolpersteinen aus und im Juni 2004 untersagte der Stadtrat die Verlegung der Steine. Die Begründung: Die Stadt wolle der Holocaust-Opfer nicht im Straßenschmutz gedenken. Dass die Steine mit Füßen getreten werden könnten, verletze die Gefühle jüdischer Menschen. Von Demnig ohne Genehmigung an der Mauerkircherstraße verlegte Stolpersteine ließ die Stadt entfernen. Zu sehen sind Münchner Stolpersteine daher momentan nur in einer Installation in der Hochschule für Musik und Theater. Weitere Infos unter www.stolpersteine-muenchen.de . jop

 

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