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Stolpersteine in München

FAZ Nr. 25 vom 30.01.2006, S 8

>> Teil 2

Gezeitenwechsel

Von Dr. Salomon Korn

Intensiv wie nie zuvor wurde im vergangenen Jahr in Deutschland der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen gedacht - eine letzte große Geste gegenüber den betagten Überlebenden, aber auch ein aufrüttelnder Versuch, auf das nahende Ende authentischer Zeitzeugenschaft hinzuweisen. Wie kann es weitergehen?

Nie zuvor, so scheint es im Rückblick, wurden Gedenktage so intensiv begangen wie im Jahr 2005, nie zuvor der öffentlichen Erinnerung an die Schrecken des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens so viel Bedeutung beigemessen wie im zurückliegenden Jahr. Ob bei den Gedenkfeiern zur 60. Wiederkehr der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Deutschen Bundestag, in Krakau oder an den Orten des Verbrechens selbst, ob bei den Feierlichkeiten zur 60. Wiederkehr der Befreiung der Konzentrationslager auf deutschem Boden, ob bei den Gedenkfeiern aus Anlaß der 60. Wiederkehr des Kriegsendes oder der Eröffnung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas am 10. Mai in Berlin:

Die Spitzen des Staates, die Vertreter ausländischer Staaten, die Repräsentanten der Opferverbände waren so zahlreich vertreten wie nie zuvor.

Es scheint, als sollte noch einmal in Anwesenheit noch lebender Opfer der Millionen Ermordeter öffentlichkeitswirksam gedacht werden — sei es als letzte große Geste gegenüber den betagten Überlebenden, sei es als aufrüttelnder Versuch, auf das nahende Ende authentischer Zeitzeugenschaft hinzuweisen. Dafür spricht, daß die nie zuvor dagewesene öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber den Anlässen des Gedenkens wiederholt mit dem Beginn einer Epochen- wende, eines Paradigmen- oder Gezeitenwechsels in der „Erinnerungskultur“ gedeutet wurde.

Eine solche Sichtweise ist naheliegend, da in absehbarer Zeit die Erinnerung der Erlebnisgeneration in das kulturelle Gedächtnis der Institutionen, der Archive, Bibliotheken und Dokumentationszentren übergehen wird. Die Folgen sind absehbar: Das Feuer der authentischen Erinnerung wird nach und nach erlöschen, und all jene, die das Glück hatten, der Hölle des völkischen Rassenwahns, des Zweiten Weltkrieges und seinen mörderischen Auswirkungen zu entkommen, werden die durchlebten Qualen, Ängste und Traumata zukünftig nicht mehr selbst bezeugen können. Diesen Prozeß der Historisierung von Erinnerung mag man bedauern; er läßt sich weder verhindern noch aufhalten.

Die Addition von Biographien
ergibt noch keine Geschichte

Die Erinnerung von Überlebenden an einschneidende oder traumatisierende Ereignisse im Kontext der jüngsten Geschichte ist nicht gleichzusetzen mit Geschichte selbst. Zeitzeugen bekunden aus Erfahrung am eigenen Leib individuelle Schicksale auf oft anrührende Weise und halten damit den gefühlsmäßigen Anteil ihrer subjektiven Erinnerung wach. Dieser ist gewissermaßen Antrieb und Impuls, die ihnen und anderen zugefügten Greuel nie zu vergessen. Der Wunsch, solche Erinnerungen möglichst lange an Gefühl, Einfühlungsvermögen und Empathie zu binden, ist mit der Vorstellung verknüpft, sie könnten einen Wall der Emotionen gegen das Vergessen bilden.

So nachvollziehbar solche Wünsche auch sind: Der gefühlsmäßige Anteil subjektiver Erinnerung allein reicht dazu nicht aus. Der geschändete, gequälte, erniedrigte Überlebende weiß zwar aus eigener Anschauung, wovon er spricht; aber in aller Regel wird er allein daraus nicht unbedingt jene größeren historischen Verknüpfungen erkennen können, in die er und sein Geschick eingebunden waren. Schon daher dürfen unterschiedliche Erinnerungen an unterschiedliche Leiden nicht ohne weiteres gleichgesetzt werden. Ausgebombte und vertriebene Deutsche haben aufs schmerzlichste gelitten - unabhängig davon, ob sie Mitläufer, Profiteure, Täter waren oder ob sie Widerstand geleistet haben.

Doch was auf individueller Ebene gleich oder ähnlich schmerzhaft gewesen sein mag, ist in historischer Dimension nicht dasselbe. Hier sind Ursache und Wirkung, Voraussetzungen und Folgen von Bedeutung. Deren Kenntnisse können erklären, warum das individuell erlittene Leid kein Zufall, kein unausweichliches Schicksal war, sondern Folge vorausgegangener politischer Entscheidungen und historischer Konstellationen. Aus der bloßen Kenntnis individueller Schicksale, die vor allem Ausmaß und Tiefe menschlichen Schmerzes und menschlicher Erniedrigung zu vermitteln vermögen, folgt nicht zwangsläufig das Wissen um deren Ursache. Die Addition von Biographien, gleich welchen Inhalts, ergibt noch keine Geschichte, ebensowenig wie die bloße Addition der Schilderungen von Zeitzeugen, was immer sie auch erlitten haben, schon zu Geschichte wird.

Historische Zusammenhänge lassen sich nur durch Wissen, durch Aneignung von Daten und Fakten erkennen. So wichtig authentische Erinnerung ist und bleibt: Sie kann, wenn nicht durch Wissen angereichert, den Blick auf das Ganze verstellen und damit die Erkenntnis, in welchen historischen Bezügen das jeweils individuelle Leid steht, erschweren, wenn nicht gar verhindern.

Das gilt insbesondere für jenen Teil der Deutschen, die seit Jahren versuchen, ihre Opfergeschichte nachzuholen und als Opfer von Bombenkrieg und Vertreibung denselben Opferstatus einfordern wie die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzuges zur Ausmerzung „unwerten Lebens“. Damit wird die einzigartige historische Dimension des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens auf die Ebene individuell erlittenen Unrechts heruntergebrochen. Aus dieser verengten Sicht personalisierter Betrachtung kann dann individuelles Leid und individuell erlittener Schmerz gleichgesetzt werden. Ursache und Wirkung, Tätern und Opfern kommen dabei keinerlei Bedeutung mehr zu, jegliche Unterschiede sind eingeebnet.

Zunehmend läßt sich ein Perspektivwechsel „von den Opfern der Deutschen zu den Deutschen als Opfern“ (Norbert Frei) beobachten, sei es Günter Grass‘ Novelle „Im Krebsgang“ über den Untergang des Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“, sei es Jörg Friedrichs Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg“. Nicht die Anerkennung individuellen Leids, da stets einzigartig bleibt und mit anderem individuellen Leid nicht aufgerechnet werden darf, steht dabei im Vordergrund: Die wachsende Hervorhebung der Opferrolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zeugt vom wachsenden Wunsch nach Täter-Opfer-Umkehr.

Gegen Schilderungen der Leiden der deutschen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges wäre — wie gegen Schilderungen jeden menschlichen Leidens — nichts einzuwenden, im Gegenteil: Weil „nur der verwandte Schmerz uns die Träne entlockt“ (Heinrich Heine), sind sie notwendige Voraussetzung, um Einfühlung in fremdes Leiden erst zu ermöglichen. Wenn sie aber, wie seit Jahren zu beobachten, ausschließlich auf das eigene Leiden fixiert sind und es dabei aus dem historischen Zusammenhang lösen, dann dienen solche Versuche, wie sie im übrigen auch in „Sonntagsreden“ wiederkehren, vor allem der Abwehr der Leiden unliebsamer, als Konkurrenz empfundener Opfergruppen.

Sich in andere einzufühlen, bedeutet partiell immer auch eine Begegnung mit sich selbst. Angesichts des damit drohenden Erkennens eigener dunkler Seiten neigen vor allem schwache Persönlichkeiten dazu, den anderen als Projektionsfläche eigener Ängste, Aggressionen oder heimlicher Wünsche wahrzunehmen, um ihn dadurch als Objekt lustvoller Triebabfuhr um so mehr verachten zu können. Wie wäre die deutsche Geschichte wohl verlaufen, wenn nach 1933 die Mehrheit der Menschen in Deutschland sich einfühlsam an die Stelle ihrer jüdischen Nachbarn, an die Stelle der jüdischen Deutschen hätten versetzen können? Wenn sie in ihnen das menschliche Antlitz und nicht die Fratze nationalsozialistischer Propaganda wahrgenommen hätten? Wären sie auch dann gleichgültig, teilnahmslos, gefühllos geblieben, als diese Menschen — spätestens in der „Reichskristallnacht“ — öffentlich gedemütigt. geschlagen und ausgeplündert wurden? Schwer vorstellbar. Daher muß in vielen von ihnen erkaltet gewesen sein, was die Grundlagen zivilisierten Zusammenlebens bestimmt: Respekt, Achtung, Einfühlungsvermögen. Fähigkeit zum Mitleid — Voraussetzungen. um im anderen den Nächsten und nicht den Fremden, den Feind, den "Volksschädling“ zu sehen.

Aufgabe zukünftiger Erinnerungsarbeit wird es sein, die nach dem Ableben der Zeitzeugen nur noch vorhandene mittelbare Erinnerung in vermittelbare Erinnerung überzuführen. Dies geschieht, wie langjährige Erfahrung zeigt und wie neuere Projekte zur Erinnerungsarbeit belegen, am ehesten durch Bindung der Erinnerung an bestimmte Menschen und Orte. Roman Herzog hat bereits 1995 „eine Art disloziertes Gedenken“ gefordert, in dem die zahlreichen authentischen Orte der jüngsten deutschen Geschichte zu Kristallisationspunkten der Erinnerung werden sollen. Er wollte dabei „unendlich viele, vom Inhalt, vom Anlaß her ganz unter schiedliche Orte in Deutschland haben, an denen man unmittelbar mit der Notwendigkeit konfrontiert wird, sich an die Judenvernichtung, die Vernichtung der Sinti und Roma, an den Kriegsanfang, an Kriegsverbrechen zu erinnern“. Weil es im nationalsozialistischen Deutschland Tausende Lager, Gefängnisse und psychiatrische Anstalten gab, läßt sich, gleichgültig, wo der eigene Wohnsitz sich befinden mag, Roman Herzogs Wunsch leicht erfüllen.

>> weiter: Teil 2 des Artikels von Salomon Korn

Der Verfasser ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Zoran Music, Autoritratto, 1989 © VG BildKunst, Bonn 2005.

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