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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 12.02.05

"Es ist Zeit, gegen Rechtsradikale aufzustehen"

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde fordert nötigenfalls ein Verbot von neonazistischen Parteien


Interview

Die gebürtige Münchnerin Charlotte Knobloch, 72, ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, dazu Vizepräsidentin des Zentralrats der deutschen Juden und des Jüdischen Weltkongresses. - SZ 12./13. Februar 2004

SZ: 60 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges debattiert die deutsche Politik vor allem über Rechtsradikale. Fürchten Sie, dass die Extremisten das Gedenken an das Kriegsende überlagern könnten?

Charlotte Knobloch: Es geht nicht allein um das Ende eines Krieges. 1945 war das Jahr der Befreiung - und zwar der Befreiung des gesamten deutschen Volkes vom nationalsozialistischen Joch. Daran müssen wir erinnern. Für Überlebende des Holocaust bedeuten 60 Jahre Befreiung, verbunden mit Namen wie Auschwitz, Dachau, Bergen-Belsen, auch ein böses Erinnern. Kaum zu verarbeiten ist daher, was sich in München immer noch abspielen kann. Treffen von Rechtsradikalen wie kürzlich in Pasing, vor allem aber der verhinderte Anschlag auf unser Gemeindezentrum - für mich war das ein Schock. Aber der Rechtsradikalismus ist kein jüdisches Thema, er geht alle Münchner und alle Deutschen an. Wir alle müssen jetzt Entscheidendes leisten, um diese rechtsradikalen Halunken wieder auf Null zu bringen. Dazu braucht es aber nicht nur schöne Reden.

SZ: Was stellen Sie sich vor?

Knobloch: Alle, und damit meine ich die Kirchen, die Gewerkschaften, die Universitäten, die Vereine und Verbände, also alle gesellschaftlichen Kräfte müssen sich zusammentun und zeigen, dass das deutsche Volk dem Treiben der Extremisten nicht einfach zusieht. Die evangelische Kirche hat ja erfreulicherweise bereits den Anstoß zu so einem Bündnis gegeben, in dem wir überlegen, wie wir unsere gegenwärtige Ohnmacht gegenüber den Rechtsradikalen überwinden. Hier in München hat der Oberbürgermeister schon vor einiger Zeit ein Bündnis gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus gegründet. Jetzt ist es Zeit für alle diese Kräfte, aufzustehen und zu zeigen, dass die braunen Horden bei uns keine Chance haben.

SZ: Sehen Sie im Zusammenschluss der rechten Szene vom radikalen Schläger bis zum Salon-Antisemiten eine neue Qualität der Bedrohung?

Knobloch: Dass die Extremisten die Absicht haben, sich zusammenzuschließen, ist natürlich eine enorme Gefahr. Dem wird man entgegenwirken müssen. Den harten Kern der Szene wird man dabei nicht zur Einsicht bewegen können. Umso wichtiger ist es, dass man die Wähler davon überzeugt, nicht hinter braunen Rattenfängern herzulaufen.

SZ: Könnten Verbote helfen?

Knobloch: Auch. Natürlich müssen wir in den Schulen und Vereinen durch Aufklärung und Angebote zu verhindern versuchen, dass junge Menschen sich in den Netzen der Radikalen verfangen. Aber wenn das so nicht gelingt, sind Verbote von Organisationen, die eine Gefahr für die Demokratie sind, angebracht.

SZ: Ministerpräsident Edmund Stoiber hat Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgeworfen, die hohe Arbeitslosigkeit sei wie 1932 ursächlich für das Erstarken der Rechtsextremen. Was halten sie von diesem historischen Vergleich?

Knobloch: Auch wenn man mit historischen Vergleichen vorsichtig sein sollte, bin ich persönlich durchaus der Meinung, dass sich Geschichte wiederholen kann. Deswegen müssen wir besonders aufpassen, dass das nicht geschieht. Einerseits darf man nicht den Anschein erwecken, es sei aus Unzufriedenheit mit den Verhältnissen legitim, rechtsextreme Parteien zu wählen. Andererseits muss man den Unzufriedenen auch Perspektiven anbieten, die sie davon abhalten, den Parolen und haltlosen Versprechen von Feinden der Demokratie hinterherzulaufen. Da werden freilich nicht nur Worte genügen. Aber hier Wege zu finden, ist natürlich mühsam.

SZ: Wie sollte die Stadt mit den öffentlich auftretenden Extremisten umgehen?

Knobloch: Am liebsten wäre es mir gewesen, man hätte die Rechtsextremen totschweigen können. Aber das geht nicht. Man muss ihnen offensiv entgegentreten und mit allen gesetzlichen, womöglich erst noch zu schaffenden Möglichkeiten versuchen, solche Auftritte zu unterbinden. Wichtig ist, dass die Extremisten nie das Gefühl bekommen, sie könnten ungehindert marschieren. Wie gesagt: Alle im Land müssen Front machen gegen die Rechtsextremisten.

SZ: Kann auch das neue Gemeindezentrum ein Zeichen setzen?

Knobloch: Natürlich. Es bedeutet für uns, dass wir aus der Hinterhofatmosphäre, die unser jetziges Zentrum ausstrahlt, endlich zurückkommen in die Mitte der Stadt. Die Menschen können dann sehen: Es gibt Juden in dieser Stadt, sie sind Teil dieser Stadt. Auch das wird helfen, Vorurteile abzubauen.

SZ: Was bedeuten Ihnen die Spenden, die Sie von Münchnern für den Bau erhalten?

Knobloch: Es kommen kleine Spenden, und es ist vor ein paar Tagen eine sehr große Spende gekommen. Für diese Großspende von Herrn Professor Burda bin ich sehr dankbar. Sie setzt ein Zeichen, zumal der Oberbürgermeister an die Firmen, die sich bisher sehr zurückgehalten haben, appelliert hat, sich ein Beispiel zu nehmen. Wir brauchen das Geld für unseren Bau. Ich bin aber auch sehr glücklich über die kleineren Spenden, weil sie zeigen, wie sehr den Münchnern an einem Zentrum jüdischen Lebens im Herzen ihrer Stadt gelegen ist.

SZ: Was bedeutet denn Münchner Juden der Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Israel?

Knobloch: Es war ja nicht der erste Staatsbesuch eines Bundespräsidenten. So ein Austausch fördert Respekt und Toleranz. Ich würde mir nur wünschen, dass auch der Bundeskanzler einmal nach Israel käme. Er würde sicher mit positiven Eindrücken zurückkommen.

SZ: Noch einmal zur oft umstrittenen Form des Gedenkens an den Holocaust: Sie haben ja den Versuch, mit so genannten "Stolpersteinen" im Straßenpflaster an die Opfer des Massenmords zu erinnern, massiv abgelehnt und als Werk von "Gedenktätern" bezeichnet. . .

Knobloch: Ich habe nicht die Leute, die hinter den Stolpersteinen stehen, als Gedenktäter bezeichnet, sondern solche, die mit Gewalt Gedenken hervorrufen wollen. Ich persönlich sehe nicht, dass die Stolpersteine so wirken, wie sich das die Initiatoren denken. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie Menschen mit Füßen getreten wurden. Und ich möchte die Opfer nicht noch einmal unter Füßen sehen. Man sollte ihrer würdevoll gedenken, und das geschieht mit den Stolpersteinen nicht.

SZ: Wann waren eigentlich für Sie persönlich Krieg und Verfolgung zu Ende?

Knobloch: Das geht nie zu Ende. Die Erinnerung daran kann auch nicht zu Ende gehen. Ich hoffe sogar, dass sie bleibt, selbst wenn es einmal keine Überlebenden des Holocaust mehr geben wird, und dass die junge Generation die Verantwortung dafür übernehmen wird, das Gedenken lebendig zu erhalten.

Interview: Jan Bielicki

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