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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 23.12.04

Sensibles Thema, scharfer Ton

Stolpersteine: Knobloch nennt Befürworter "Gedenk-Täter"
von Anne Goebel


Der Ton in Sachen Stolpersteine wird schärfer. Als "Gedenk-Täter" hat Charlotte Knobloch bei einer offiziellen Feier auf dem Jakobsplatz die Befürworter der Erinnerungstafeln bezeichnet. Bei der Entzündung des achten Lichts im Rahmen des Chanukka-Wochenfests nutzte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde ihre Ansprache, um scharfe Kritik an den Unterstützern der Stolpersteine zu üben. Dabei verwendete sie den Täter-Vergleich. Bei der Feier war auch Oberbürgermeister Christian Ude als Redner geladen. Er lehnt, ebenso wie Charlotte Knobloch, die Verlegung von Gedenktafeln für NS-Opfer ab.

Die Mitglieder des "Initiativkreises Stolpersteine München" reagierten mit Entsetzen auf Knoblochs Formulierung. Die Präsidentin habe Menschen "auf unerträgliche Weise rhetorisch niedergemacht", die sich für eine individuelle Form des Gedenkens engagierten, so Reiner Bernstein, Sprecher der Initiative. Er empfinde die Rede der Präsidentin als "Attacke" und "Denunziation". Initiativen-Mitglied Peter Weismann sagte, mit dem Täter-Vergleich werde Münchner Bürgern unterstellt, "sie handelten in der symbolischen Absicht, die Opfer der Shoa ein zweites Mal zu ermorden". Das sei eine "ungeheuerliche Unterstellung". Von Knobloch selbst war eine Stellungnahme nicht zu erhalten.

Nicht alle jüdischen Bürger der Stadt sind mit Charlotte Knoblochs vehementer Ablehnung der Stolpersteine einverstanden. Die Mitglieder der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom unterstützen die Idee des Künstlers Gunter Demnig, dort, wo die Nazi-Opfer zuletzt gewohnt haben, kleine gravierte Messingplatten als Erinnerungstafeln einzulassen. Mit offiziellen Stellungnahmen zu politischen Themen halte man sich zwar zurück, sagte der Vorsitzende der liberalen Gemeinde, Jan Mühlstein, im Gespräch mit der SZ, "aber ich kenne niemanden in der Gemeinde, der die ablehnende Haltung der Kultusgemeinde zu den Stolpersteinen teilen würde". Er selbst halte das Projekt für eine überzeugende Form, um individuell und eindringlich an das Schicksal der Opfer zu erinnern. "Man muss neue Wege gehen in Zeiten, in denen die Generation der Zeitzeugen, der Augenzeugen bald nicht mehr lebt. Die üblichen Gedenkveranstaltungen, die versteckten Denkmäler reichen nicht mehr aus."

Dass sich in München die Befürworter der Stolpersteine auf der einen Seite, die Präsidentin der Kultusgemeinde und der Stadtrat mit seinem ablehnenden Votum auf der anderen Seite scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen, hält Mühlstein angesichts des sensiblen Themas für bedauerlich. "Mein Wunsch wäre, dass die Diskussion in München sachlich und auf breiter Basis geführt wird. Und dass die Stadt sich nicht auf ihre einmal getroffene Entscheidung zurückzieht, sondern mit den Befürwortern ein offenes Gespräch beginnt."

Der Stadtrat hatte die Stolpersteine im Sommer dieses Jahres mit großer Mehrheit abgelehnt. Die Grünen hatten für das Projekt gestimmt, bei dem an alle Opfer des Naziterrors, an Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte erinnert werden soll.

Der Künstler Gunter Demnig hat bisher in vielen deutschen Großstädten mehrere tausend Steine verlegt, so zum Beispiel in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln. Am 27. Januar 2005 bekommt Demnig bei einer Feier im Abgeordnetenhaus in Berlin für sein Engagement den "Obermayer German Jewish History Award". Der Preis ist eine der höchsten internationalen Auszeichnungen, die von jüdischen Organisationen in den USA vergeben werden. Er wird für "herausragende Beiträge zur Dokumentation der jüdischen Geschichte und der jüdischen Kultur in Deutschland" verliehen.

Anne Goebel - Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 23. Dezember 2004

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