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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 13.12.2004

München soll von Köln lernen

Diskussion um "Stolpersteine" lebt erneut auf

Von Anne Goebel

"Ich freue mich, dass ich zu diesem wichtigen und schönen Thema sprechen darf." Das Thema von Angela Spizig, der Kölner Bürgermeisterin, ist für ihre Kollegen in München offiziell keines mehr: Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer des Nazi-Terrors, im Bürgersteig eingelassene Gedenktafeln vor der letzten Wohnung der Deportierten. Der Münchner Stadtrat hat das Projekt abgelehnt, in 58 anderen Städten wurden bereits 4500 Steine verlegt - dass davon an diesem Abend gemeinsam mit Angela Spizig noch einmal die Rede ist, geht auf eine Initiative der Petra-Kelly-Stiftung zurück. Die Organisation hat zu einer Informationsveranstaltung geladen unter dem Motto "Von Köln lernen - München überzeugen - Aller Opfer gedenken".

Dass es in München "nicht der Widerstand der Bevölkerung war, der die Stolpersteine verhindert hat", glaubt Moderator Florian Roth, Chef der Münchner Grünen. Die Fraktion seiner Partei hatte im Sommer für eine Genehmigung gestimmt - zumindest für eine breitere öffentliche Diskussion des Kunstkonzepts. Die Grünen konnten sich nicht durchsetzen, und es habe, berichtet Stadträtin Lydia Dietrich, auch innerhalb der Partei "heftige Diskussionen" gegeben über das sensible Thema. Immerhin hatte es deutliche Worte von der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, gegeben: Es sei ihr unerträglich, dass auf den Namen von Opfern "herumgetreten" wird. Dietrich: "Das können wir nicht vom Tisch wischen." Ihre Fraktion halte aber die "individuelle Form des Gedenkens" nach wie vor für überzeugend.

In Köln hat die 3. Bürgermeisterin Angela Spizig miterlebt, dass es zwei Jahre dauerte, bis alle Genehmigungen für den Künstler Gunter Demnig durch waren. In München habe es "sehr schnell emotionale Reaktionen gegeben. Das hat vielleicht dazu geführt, dass man sich nicht hinreichend mit dem Konzept auseinander gesetzt hat." Am Anfang des Konzepts stand in Köln Demnigs Idee, den Leidensweg der mitten durch die Stadt zum Bahnhof und in die Deportation getriebenen Sinti und Roma mit einer Kreidespur zu kennzeichnen. Die Spur wurde später in Messing gelegt. Dazu kamen nach und nach die metallenen Stolpersteine vor Häusern, aus denen Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Euthanasieopfer, politisch Verfolgte abgeholt wurden unter den Augen ihrer Nachbarn. Es gebe große Akzeptanz in der Bevölkerung für die Tafeln, "viele Jugendliche und Schüler spenden und verlegen Steine". Unterstützung komme auch von der als durchaus konservativ bekannten Kölner Synagogen-Gemeinde. "Sagen Sie in München, wir stehen dem Konzept sehr positiv gegenüber", habe ihr die Gemeinde mit auf den Weg gegeben, so Spizig.

Eines macht der Abend der Kelly-Stiftung deutlich: Sollte München doch noch Stolpersteine bekommen - in Bad Tölz und Dachau haben die Gemeindeverwaltungen in diesen Tagen ihre Zustimmung gegeben - ist das auch eine Chance, an diejenigen Opfer, zu erinnern, die bisher wenig im öffentlichen Bewusstsein präsent sind. Erich Schneeberger, Vorsitzender des Dachverbands Bayern der Sinti und Roma, signalisiert seine Zustimmung zur Verlegung der kleinen Gedenkplatten. Weil das öffentliche Erinnern an Nazi-Opfer "die Homosexuellen jahrzehntelang ausgeklammert" habe, markieren für Albert Knoll vom Forum Homosexualität und Geschichte die Stolpersteine einen wichtigen Schritt. "Wessen Name auf einem Stein zu lesen ist, der wird nicht mehr totgeschwiegen", so der Leiter des Archivs der Gedenkstätte Dachau. Zum Schluss ein Appell an die Kultusgemeinde von Judith Bernstein, die ihre Großeltern in Auschwitz verlor und deren "Initiativkreis Stolpersteine München" weiter für eine Realisierung kämpfen will. "Ich erwarte, dass man unsere Form der Erinnerung respektiert. Auf die Art des Gedenkens gibt es kein Monopol."

Anne Goebel

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