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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 13.11.04

Schwieriges Erinnern

Warum die Initiative am Projekt Stolpersteine festhält


AI Koppel nennt München "meine versagte Heimat". Um sie zu sehen, hat der 77Jährige eine lange Reise unternommen. Von Fort Collins, Colorado 80525, in zweiundzwanzig Stunden knapp zehntausend Kilometer nach 80538 München, Maximilianstraße. Der Spaziergang durch die novemberkalte Stadt zu dem Haus, in dem er die ersten elf Jahre seines Lebens verbrachte, bevor die Nazis ihn vertrieben und seine Mutter, seine vier Geschwister ermordeten, gehörte natürlich dazu, wie bei jedem Besuch. Aber diesmal ging es noch um etwas anderes, und deshalb sitzt AI Koppel in Anzug und Krawatte am Abend des 11. November auf einem Podium, sieht gefasst und sehr freundlich aus und sagt zum Publikum: "Ich würde hier leben, wie Sie, in dieser schönen Stadt." Wenn nicht das spart er sich, jeder weiß, worum es geht.

Was wäre gewesen, wenn.... Dieser unausgesprochene Satz hätte den ganzen Abend im Spanischen Kulturinstitut bestimmen können, und es ist gut, dass es anders kam. Eine Debatte zu den "Stolpersteinen" also, die in München nach dem Willen der Stadträte nicht sein sollen, die das Gremium, der Oberbürgermeister nicht haben wollen auf den Bürgersteigen der Stadt. Der Initiativkreis, der die Idee der Erinnerungssteine für NaziOpfer unterstützt, hat sich trotzdem nicht aufgelöst, hat die Bürger zu einer Gesprächsrunde eingeladen und vertut die Zeit nicht damit, die Wunden vom Juni zu lecken, als das negative Votum im Rathaus fiel und zwei bereits verlegte Steine für ein deportiertes jüdisches Ehepaar aus Bogenhausen umgehend aus dem Pflaster gegraben wurden. Wie kann es weitergehen mit der Idee der Stolpersteine? Um Konfrontationskurs soll es nicht gehen, das stellt Moderator Reiner Bernstein klar. "Wir maßen uns keine Entscheidung an. Und wir sind nicht das Politbüro der Stolpersteine." Man respektiere den Beschluss des Stadtrats und die ablehnende Haltung von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Aber das "sensible Thema Erinnerungsarbeit" sollte, so die Überzeugung der Initiative, auf breiterer Basis, also mit den Bürgern diskutiert werden. Von ihnen sind gut 120 ins Kulturinstitut gekommen. Und die meisten, das ist keine Überraschung, sind wohl Unterstützer des Projekts. Die Schauspielerin Sunnyi Melles ist darunter, Autorin Amelie Fried, Gisela Stein vom Ensemble des Residenztheaters. Münchner Bürger und Kulturschaffende hatten im Sommer per Zeitungsannonce gegen das Verbot protestiert.

Welches den Schriftsteller Tilman Spengler immer noch fassungslos macht. "Das kann doch alles einfach nicht sein", sagt er kopfschüttelnd oben auf dem Podium. Die Stolpersteine, die quadratischen Messingtafeln vor den Wohnungen von Deportierten regten "auf kleine, aber heftige Weise" zum Nachdenken an. "Es geht darum, dass Bürger an Mitbürger erinnern wollen." Es sei nicht Aufgabe der Stadt, so etwas zu verhindern. Einen indirekten Appell richtet der frühere Stadtdekan Hans Dieter Strack an die Adresse der Kultusgemeinde. "Ich bin ein großer Verfechter dieses Projekts. Wir brauchen ein Miteinander des neuen jüdischen Zentrums am Jakobsplatz und der Stolpersteine. Gerade weil sie die Erinnerung aus der musealen und baulichen Einschränkung herauslösen." Unterstützung auch von MarieLuise SchultzeJahn, die Mitglied der "Weißen Rose" war ("Das ist ein lebendiges Erinnern, man stolpert mental"), von der liberalen jüdischen Gemeinde Münchens, von den Schülerinnen des Luisengymnasiums, die die ersten Steine initiiert haben und für weitere "kämpfen wollen".

Auch AI Koppel kämpft. Er hat die fünf Steine für seine in Litauen ermordete Familie, für die Mutter Carla und die Geschwister Günther, Hans, Ruth und Judis bei dem Künstler Gunter Demnig schon anfertigen lassen. Koppel hofft auf eine Rücknahme des negativen Beschlusses. "Das Ergebnis vom 16. Juni war ungerecht. Viele Menschen wollen die Steine haben. Ich wünschte, Herr Ude wäre ein echter Staatsmann und würde das Verweigern der schlichten Messingplatten zurücknehmen." Dass in dem neuen jüdischen Zentrum am Jakobsplatz die Namen aller Münchner HolocaustOpfer in ein Mahnmal graviert werden sollen, sei kein Ersatz für das individuelle Konzept der Stolpersteine. "Ich verbiete der Stadt, die Namen meiner Familie auf so eine Gedenktafel zu setzen." Er wolle nicht, dass der Toten an einem Ort gedacht werde, der womöglich von der Polizei geschützt werden müsse.

Zu AI Koppels Steinen sollen weitere kommen. Als "anwachsendes Kunstwerk" will die Initiative die von Bürgern zu finanzierenden Münchner Stolpersteine an einem öffentlichen Ort ausstellen, um sie eines Tages verlegen zu können. Gespräche mit Theatern, mit dem Haus der Kunst laufen und Hans Dieter Strack ist zuversichtlich: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einer Millionenstadt nicht genug Paten zusammenkommen." Zumal manche die Stolpersteine an diesem Abend überhaupt erst für sich entdeckt haben. Sunnyi Melles zum Beispiel, die glaubt, man könne gerade bei jungen Leuten, auch bei Kindern "auf diese einfache, berührende Art die Erinnerung wachhalten." Oder Amelie Fried, die just vor wenigen Tagen die Gewissheit bekam, dass Mitglieder ihrer Familie in Konzentrationslagern ums Leben, kamen. Sie hoffe auf einen "Dialog mit der Kultusgemeinde, um diese wunderbare und richtige Art des Erinnerns zu ermöglichen. Das ist jetzt mein starker Wunsch."

Anne Goebel - SZ vom 13./14.11.04

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