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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 04.09.2004

Tagtägliche Vergangenheit

Sechs Berliner Autoren erzählen, wie und wo sie in ihrer Heimatstadt ständig auf die Spuren des Dritten Reichs stoßen - ohne ein Kino auch nur zu betreten - Beitrag von Tim Staffel

Kaum informiert man mich, die Faszination des Dritten Reiches höre nicht auf, kaum bittet man mich, nach Spuren im Berliner Alltag zu fahnden, erblicke ich auf einer Titelseite, neben einem grobkörnigen Abbild Adolf Hitlers, den Hinweis, die neue Serie über die letzten Bunkertage beginne heute. Ist es die Organisation, der Massenwahn, sind es die Persönlichkeiten, ist es der Krieg, sind es die Lager oder die Auswirkungen, von denen man angeblich fasziniert ist. Sobald ich aus der Haustür trete, fällt mein Blick auf vier, zwischen Pflastersteine gesetzte, gravierte Messingplatten am Rand des Bürgersteigs. Der Schriftzug - Hier wohnte MARIA KESSLER Geb. Sekler Jg 1892 Deportiert 1943 Ermordet in Auschwitz - ist in die erste graviert, in die anderen die Namen ihrer drei Kinder, die mit ihr gingen. Manchmal liegt Hundekacke auf den Platten; wir, die wir heute in dem Haus wohnen, haben eine kleine Schippe, mit der wir die Hundekacke entfernen. Aufgefordert, Ausschau zu halten, bekenne ich, nicht dem Dritten Reich zu begegnen, sondern den Folgen, die in die Gegenwart reichen.

Wir passen Umwelt der Funktionsweise unseres Bewusstsein an, dessen Gegenwart ein Jetzt ist, das nicht länger als drei Sekunden anzudauern vermag, ehe es sich mit neuem Inhalt füllt. Deshalb benötigen wir Erinnerung. Gedächtnis befähigt uns, zu lernen, aber "lernen" bedeutet nicht "verstehen". Meist existiert keine persönliche Erfahrung mit dem zu Verstehenden - die Kommunikation darüber bestimmt den Prozess, der Austausch von Information. Wissen wird weitergeleitet, doch die Information verarmt mit der Dauer; ein früheres Wissen entschwindet heute in einer nicht mehr zu verstehenden Vergangenheit; es verliert seine Bedeutung. Ob wir wollen oder nicht, durch haltloses Fortschreiten und ein zunehmendes Zuviel befreien wir uns zugleich von diesem Zuviel durch die Umgestaltung überlieferter Information in der Überlieferung - auf dem freien Markt der Event- oder Unterhaltungsinformation. Dort wird ihr Wert erhöht, im Drei-Sekunden-Takt. Neben den roten T-Shirts mit den schwarzen Che-Guevara-Aufdrucken in den Second-Hand-Läden und Souvenir-Shops gibt es jetzt die roten T-Shirts mit den schwarzen Adolf-Hitler-Aufdrucken - gäbe es keine Neo-Nazis, die man im alltäglichen Berlin zum Beispiel in Lichtenberg besichtigen kann, die vielleicht auch nur Werbeträger einer Merchandisemaschine sind, die rechtzeitig zum Start eines Kostümfilms angeworfen wird. Eine Erinnerung, die abrufbar im Gedächtnis gespeichert werden soll, muss attraktiv gestaltet sein, um dann in einem Jetzt bestehen zu können. Also wird sie angepasst. Doch je attraktiver die Gestalt ist, desto mehr verliert sich darin das zu Gestaltende.

Dem Propheten Mohammed wurde Recht verliehen, Ungläubige durch Gewaltanwendung zum Glauben zu bekehren; es wurde zur heiligen Pflicht der Islamisten; die Gefahr bestimmt die Gegenwart und wird unterschätzt, ebenso wie seinerzeit die Ideologie des Dritten Reiches; die praktische Anwendung entzog sich der Vorstellungskraft noch während sie an einem vollzogen wurde - so kann man das sehen. Das Dritte Reich, eben noch als Hit des Infotainments dabei in der Welt der Unterhaltung zu verschwinden, reicht erst als Vergleich mit einer gegenwärtigen Bedrohung wieder an die Zukunft heran.

Wenn ich die Aufmerksamkeit richte, sehe ich die alltäglichen Spuren und Zeichen im Drei-Sekunden-Takt, der mein Bewusstsein füllt. Doch so sehr ich mich auch mühe, die Faszination bleibt mir verschlossen. Mein Weg führt mich wieder nach Hause - ein kurzer Blick, und ich bin froh, die Schippe nicht holen zu müssen.


Hier wohnte ADOLF KESSLER Jg 1921
Deportiert 1943 Ermordet in Auschwitz

Hier wohnte BETTY KESSLER Jg 1924
Deportiert 1943 Ermordet in Auschwitz

Hier wohnte MORITZ KESSLER Jg 1926
Deportiert 1943 Ermordet in Auschwitz


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Tim Staffel wurde 1965 in Kassel geboren, in Gießen studierte er Angewandte Theaterwissenschaft. Er hat neben Hörspielen und Kurzgeschichten auch zahlreiche Theaterstücke verfasst. Nach seinem Debütroman "Terrordrom" (1998) folgten "Heimweh" (2000) und zuletzt "Rauhfaser" (2002). Seit 1993 lebt Staffel in Berlin.


Süddeutsche Zeitung vom 04.09.2004

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