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Stolpersteine in München

ART 01.09.2004

Stolpersteine - ein Denkmal sucht Paten

Über 3700 seiner Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig bislang vor Hauseingänge in Deutschland und dem übrigen Europa gesetzt. Jeder einzelne erinnert an ein Menschenleben, das dem Nazi-Terror zum Opfer fiel. Für 95 Euro kann jeder die Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen, symbolisch oder auch ganz gezielt für ein bestimmtes Opfer des Naziregimes. Mit dem Geld werden die Planung, die Fertigung und das Verlegen finanziert. Der Beitrag gilt als Spende und kann steuerlich abgesetzt werden.

Schier endlose Diskussionen, Expertenbefragungen, Kolloquien hat es gekostet, bis in Berlin für 27 Millionen Euro ein monumentales Stelenfeld als zentrales Denkmal für die ermordeten Juden Europas entstehen konnte. Gunter Demnigs Mahnmal hat keine Kommission beschlossen, es wächst gewissermaßen aus dem Volk heraus.

Informationen: Gunter Demnig, Richard-Wagner-Straße 16, D-50674 Köln, Tel.: +49.221.251489, Fax: +49.221.2585194

Der Spurenleger

Ein Bericht von Nicolaus Neumann

Erinnerung als Schwerstarbeit: Mit Meißeln und Bosch-Hämmern, mit Kabeltrommeln und Zement tourt der Kölner Künstler Gunter Demnig, 57, im Transporter durch Deutschland, um "Stolpersteine" gegen das Vergessen zu setzen. Quadratische Würfel aus hochverdichtetem, im Wasserbad gehärtetem Estrichbeton. Auf der Kopfseite mit Baustahl fixierte Messingplatten, in die Demnig mit Schlagbuchstaben knappe, aber folgenreiche Mitteilungen einhämmert. Zum Beispiel: "Hier wohnte Dr. Joseph Carlebach - Jg. 1883 - Deportiert 1941 Riga - Ermordet 1942 Riga". Und vor dem Haus Hallerstraße 76 in Hamburg, wo der letzte Oberrabbiner der Hansestadt lebte, bis ihn die Nazis ins KZ Jungfernhof bei Riga verschleppten und ermordeten, verlegt Gunter Demnig im Bürgersteig den Gedenkstein. Fünf neben sechs weiteren an dieser Stelle, für die Eheleute Carlebach und drei ihrer Töchter.

Erschüttert verfolgt die 82-jährige israelische Professorin Miriam Gillis-Carlebach - die älteste Tochter der Carlebachs war als 16-jährige Touristin nach Palästina gereist und so dem KZ entkommen -, wie Gunter Demnig die Gedenksteine festklopft und das Kiesbett rundherum glättet. "Ich bin überfordert, wenn ich meine Gefühle zu den Steinen ausdrücken soll. Sie erinnern an die Geschichte und daran, dass in diesem Haus einmal Menschen sehr glücklich gelebt haben."

Die alte Dame ist für diesen Augenblick, den sie einen "Gnadenblick vom Himmel" nennt, eigens aus Israel angereist. Anschließend lernt sie in der Kirche St. Michaelis einige der rund 600 "Paten" kennen, die für jeweils 95 Euro einen der 870 Stolpersteine "gekauft" haben, die Demnig inzwischen in Hamburg verlegt hat. Geehrt wird dieses Engagement mit dem Max-Brauer-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Mit dem Preisgeld von 15000 Euro sollen ein Hamburger Stolperstein-Stadtplan und eine Dokumentation über Demnigs Kunstaktion finanziert werden.

3700 solcher Stolpersteine zum Gedenken an alle Opfer der Nationalsozialisten - an Juden, Sinti und Roma, an Homosexuelle, Kommunisten und Sozialdemokraten - hat Gunter Demnig bis heute von Berlin bis Zwickau, von Köln bis Eberswalde verlegt. Und immer noch wächst die Zahl von Städten und Gemeinden, von Schulen und Bürgerinitiativen, die ihren einstigen Mitbürgern, Nachbarn, Hausgenossen, Klassenkameraden, deren plötzliches Verschwinden damals angeblich keiner bemerkte, ein Erinnerungszeichen setzen wollen. Was der politisch engagierte Bildhauer Demnig 1997 als begrenzte Aktion begonnen hat, ist zu einem beeindruckenden Aufbruch in die Vergangenheit geworden, der nicht nur von deutschen Zeitungen und TV-Sendern, sondern auch im Ausland von der "New York Times" bis zur BBC aufmerksam verfolgt wird.

Schon lange ist Gunter Demnig nicht mehr in der Lage, dieses aufrüttelnde Stück politischer Land Art alleine zu bewältigen. Seit 2002 organisiert seine Lebensgefährtin Uta Franke die Logistik, ordnet Demnigs kaum noch überschaubaren Terminkalender und führt die Gespräche mit Stadtverwaltungen und Bauämtern. Außerdem besorgt die politische Publizistin, die in der DDR wegen "staatsfeindlicher Hetze" zwei Jahre im Gefängnis saß, die fotografische und schriftliche Dokumentation des Projekts. Ein Netzwerk von freiwilligen Helfern in ganz Deutschland recherchiert die Opferdaten, wirbt Paten, informiert Bewohner und Besitzer der Häuser, vor denen Steine verlegt werden sollen.

Einer der erfolgreichsten Stolperstein-Aktivisten ist der Hamburger Kunstsammler Peter Hess. Der Sohn eines aktiven Nationalsozialisten fühlt sich zwar nicht schuldig, aber doch "in einer gewissen Weise verantwortlich für die Gräuel der Nazis". Die Steine, sagt Hess, können natürlich nichts wieder gutmachen, aber sie sind ein Symbol der Aussöhnung. Hess hofft, dass die Stolpersteine eines Tages das größte

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"dezentrale Mahnmal Europas" sein werden - auch wenn sich einige unserer Nachbarländer im Moment noch gegen Gedenksteine vor der Haustür wehren. In Paris bekam Demnig zu hören, dass man zwar bereit sei, vor dem Haus eines Widerstandskämpfers einen Stolperstein zu akzeptieren, freilich nur für den, nicht aber für dessen Ehefrau, die von den Nazis deportiert und in Auschwitz ermordet wurde.

Dass die Stolpersteine auch bei uns für viele eher Steine des Anstoßes sind, damit hat Gunter Demnig von Beginn seiner Aktion an gerechnet. Überrascht ist er allerdings, dass der Widerstand nicht - wie befürchtet - aus der rechtsradikalen Szene kommt. Nur 18 der 3700 Steine sind bislang bewusst zerstört worden. Überraschender sind die oft scheinheiligen Abwehrargumente der politisch korrekten Deutschen. Da ist ein Arzt, der seinen Patienten nicht zumuten möchte, nur über so schreckliche Erinnerungen seine Praxis betreten zu können. Ein Rechtsanwalt befürchtet, dass der Wert seines Hauses durch Demnigs Messingplatten beeinträchtigt wird. Und Leipzig schreit Plagiat: Die Stadt wirft Demnig vor, mit den Stolpersteinen lediglich die Sterne für die Filmstars auf dem Hollywood-Boulevard in Los Angeles zu kopieren.

Hinter derart gewundenen Ablehnungen steckt ein einfaches Problem. Im Gegensatz zu vielen offiziellen Erinnerungsaktivitäten ist Gunter Demnigs Aktion eine mit schmerzhaften Widerhaken. Sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordete Juden - eine unfassbare Zahl. Man kann sie zwar öffentlich festschreiben und den Opfern Gedenkstätten errichten, doch das ungeheuerliche Verbrechen bleibt abstrakt. An festgelegten Tagen werden Reden gehalten und Kränze niedergelegt. Diesen eingeübten, schmerzfreien Umgang mit der Erinnerung lassen Demnigs Stolpersteine nicht zu. Sie tun weh, man kann ihnen nicht so leicht entkommen. Sie erinnern an einzelne Menschen, Leid wird fassbar, Mitleid möglich. Auch Reue wie beispielsweise die der ehemaligen BDM-Führerin Angelika Biesenbender aus Hamburg, die heute ein schlechtes Gewissen hat, weil sie damals auf der Seite der Mörder stand. Im vergangenen Jahr stiftete sie einen Stolperstein für ihre ehemalige Klassenkameradin Anita Ledermann, die 1943 mit ihrer Familie deportiert und ermordet wurde. "Ich habe mir meinen unschuldigen Glauben damals nicht nehmen lassen wollen." Und das nimmt sie heute offenbar als eine Schuld an.

Die Trampelpfade von Terrorismus, Völkermord, Krieg nachzeichnen - das ist die künstlerische Aufgabe, der sich Gunter Demnig seit vielen Jahren verschrieben hat: "Ich möchte Spuren sichtbar machen und damit Dinge und Ereignisse dem Vergessen entreißen." In den siebziger Jahren wurde Demnig in Berlin verhaftet, weil er auf einer amerikanischen Flagge die 51 Staatssterne durch Totenköpfe ersetzt hatte. Das war der Beginn einer kompromisslosen Karriere als politischer Künstler. 1985 schlug Demnig zur Hamburger Friedensbiennale rund 1200 Friedens- und Freundschaftsverträge von 2260 vor Christus bis ins 20. Jahrhundert in eine 12 Meter lange, dünne Rolle aus Dachdeckerblei. In den neunziger Jahren irritierte er mit archaischen Gesetzestafeln. 120 Übersetzungen des 1. Artikels der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte übertrug er mit Hilfe der Kölner Universität in die internationale phonetische Lautschrift und prägte das Ganze mit speziellen Lettern in Tontafeln.

Beherrscht man diese Lautschrift, kann man die Texte zwar lesen, aber dennoch nicht verstehen. Babylonische Sprachverwirrung als Spiegel einer wortreichen, aber zugleich sprachlosen Gesellschaft.

Zur Erinnerung an die Deportation der Roma und Sinti aus Köln im Jahr 1940 zog er eine Kreidespur durch Köln, die den Weg der Deportierten nachzeichnete. "Die Kreidespur, mit der besten Fassadenfarbe gezogen, war natürlich trotzdem irgendwann weggewaschen. Um die Spur wenigstens an einigen Stellen symbolisch zu konservieren, habe ich sie als Schriftzug in Messing geprägt, der jetzt an 21 Stellen im Kölner Stadtgebiet verlegt ist." Dieses Projekt gilt als Vorläufer der "Stolpersteine", seiner bekanntesten Arbeit.

Die Erinnerungskraft von Demnigs steinernen Botschaften versöhnt. Aber sie verschreckt auch diejenigen, die überzeugt sind, ihrer historischen Verantwortung längst gerecht geworden zu sein. In einem drei Seiten langen Schreiben rechtfertigt Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, warum der Ältestenrat des Münchner Stadtrats sich gegen die Verlegung zweier "sogenannter Stolpersteine" entschieden hat. Zwei Seiten braucht der Sozialdemokrat, um die vielen Gedenktaten der Stadt München und seiner Verwaltung aufzulisten. Auf der dritten verwahrt er sich gegen die Vorwürfe, die ihm von den Münchner Zeitungen und einem Förderkreis der Demnig-Aktion wegen der Ältestenratsentscheidung gemacht werden: "Ich finde es höchst befremdlich, dass der Stadt München in ebenso ahnungslosen wie unduldsamen Briefen abverlangt wird, zusätzlich zu allen bisherigen Gedenkstätten auch noch eine Form des Gedenkens zu wählen, die von den Betroffenen als abscheulich, entsetzlich und unerträglich empfunden wird." Damit bezieht sich Christian Ude auf Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die es "unerträglich" findet, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen herumgetrampelt werde - im Gegensatz zum Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, der Demnigs Kunstaktion befürwortet. Auch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel hat man nichts gegen die Steine, im Gegenteil: "a wonderful project", teilte man dem Künstler mit.

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Dennoch ließ die Stadt München zwei bereits im Mai verlegte Steine entfernen und entsorgte sie ausgerechnet auf dem jüdischen Friedhof. Dort liegen sie nun mit den für diesen Ort sicherlich nicht gedachten Zeilen: "hier wohnte …". Peter Jordan, der in London lebende Sohn von Siegfried und Paula Jordan, für deren Gedenksteine eine Schülerinitiative des Münchner Luisengymnasiums das Geld gesammelt hatte, äußert sich verbittert über die Vorgänge in München. Den behördlich angeordneten Umzug der Steine nennt er eine "zweite Deportation".

Christian Ude hätte sich ein Beispiel an seinem christdemokratischen Kollegen Ole von Beust nehmen sollen. Hamburgs Erster Bürgermeister betrachtet Gunter Demnigs Kunstprojekt als "beispielgebende Aktion, die uns daran erinnert, dass wir durch Duckmäuserei dem Terror den Weg geebnet haben".

Dass der "Spurenleger" Demnig sich bei seinen politischen Markierungsarbeiten von irgendwelchen Ältestenräten aufhalten lässt, ist nicht zu erwarten. Er wird weiter Stolpersteine ausgießen, mit Messingplaketten versehen und an den Orten verlegen, wo Menschen sich erinnern wollen. Eine körperlich und seelisch gleichermaßen schwere Arbeit. Solange sein Rücken das aushält, will er weitermachen.

30. 8. 2004

München: "Stolpersteine" vom Friedhof geholt

Der Kölner Künstler Gunter Demnig, 57, erinnert mit seinen "Stolpersteinen" (ART 9/2004) an von den Nationalsozialisten ermordete Juden. Es sind quadratische Würfel aus hochverdichtetem Estrichbeton mit Messingplatten, in die Demnig knappe, aber folgenreiche Mitteilungen einhämmert. Zum Beispiel: "Hier wohnte Dr. Joseph Carlebach - Jg. 1883 - Deportiert 1941 Riga - Ermordet 1942 Riga". Diesen und andere Stolpersteine verlegt Demnig vor den ehemaligen Wohnhäusern der Toten.

Stolpersteine verschrecken anscheinend diejenigen, die überzeugt sind, ihrer historischen Verantwortung längst gerecht geworden zu sein, zum Beispiel Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Die Stadt München ließ zwei Steine vorm Haus Mauerkircher Straße 13, dem ehemaligen Wohnsitz von Siegfried und Paula Jordan entfernen und entsorgte sie ausgerechnet auf dem jüdischen Friedhof.

Peter Jordan, der in London lebende Sohn der Jordans, äußerte sich verbittert über die Vorgänge in München. Den behördlich angeordneten Umzug der Steine nennt er eine "zweite Deportation". Jetzt erreichte die ART-Redaktion die Nachricht, dass die im Neuen Israelitischen Friedhof verlegten Steine von der Rechtsanwältin von Peter Jordan und Ioana Cisek von "Stolpersteine München" abgeholt worden sind. Sie werden, Peter Jordans Bitte entsprechend, vorläufig bei seiner Kusine Ursula Gebhardt aufbewahrt.

ART/Petra Bosetti

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