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Stolpersteine in München

TZ vom 06.08.2004

Das große tz-Sommerinterview mit dem OB - Teil 2

Käpt’n umschifft die seichte Kunst

Sommer, Sonne und der zu einem knappen Viertel gefüllte Badesee auf der BUGA, der beinahe die Farbe der Ägäis hat. Da musste Fotograf Klaus Haag Oberbürgermeister Christian Ude nicht lang zu einer Schiffferlfahrt bitten. Sehr lange durfte Ude aber nicht herumpaddeln, dann tauchte ihn Rathausreporterin Barbara Wimmer tief in die Stadtpolitik. In der heutigen Folge des tz-Sommerinterviews geht es um Kulturthemen - einige haben in den letzten Monaten hohe Wellen geschlagen. Und der SPD-OB musste Fragen zu seiner Partei beantworten, die angesichts sinkender Umfragewerte dem Untergang nahe scheint.

Die Stadt wollte die Münchner Symphoniker wegrationalisieren. Das Orchester wird jetzt durch den Zuschuss der Stadtsparkasse gerettet. Wird dieses Beispiel von Kultursponsoring Schule machen?

Christian Ude: Hier muss man zwei Vorgänge auseinander halten. Die Stadt ist in Zeiten der Finanznot nicht in der Lage, neben den Philharmonikern und anderen Orchestern auch noch die Symphoniker zu finanzieren. Die treten überwiegend außerhalb Münchens auf, sind also gar keine spezifisch kommunale Angelegenheit, Deswegen musste sich die Stadt aus diesem Bereich zurückziehen, und es bleibt dabei. Es freut mich aber sehr, dass die Sparkasse meine Anregung aufgegriffen hat, die Symphoniker als Kultursponsor zu unterstützen. Das Orchester hat sich nicht nur musikalisch enorm gesteigert, sondern auch großartige Sparbeiträge erbracht. Sowas darf nicht vergeblich sein.

Gibt es auch andere Beispiele von Unternehmen, die sich als Sponsor im kulturellen Bereich engagieren?

Zum Glück ja. wir hatten vor kurzem eine Zusammenkunft mit den 30 größten Unternehmen der Stadt. Alle haben ihre Aktivitäten im Bereich des Kultursponsoring dargelegt, und wir haben gemeinsam nachgedacht, was wir aus Anlass der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 unternehmen können. Es ist unglaublich, was Münchner Unternehmen an kulturellen Aktivitäten ermöglichen.

Welche denn?

Die Unterstützung vollzieht sich in sehr unterschiedlichen Formen. Die Siemens-Stiftung stellt Preise zur Verfügung, BMW engagiert sich beim Spielmotor und ermöglicht Theaterfestivals. Die Sparkasse hat einen Bildende-Kunst-Preis gestiftet und engagiert sich zum Beispiel bei Tollwood. Die Hypo Vereinsbank hat mit der Kunsthalle die Münchner Ausstellungslandschaft bereichert wie sonst kein Privatunternehmen. Auch junge Unternehmen, die relativ neu in der Stadt sind, wie Microsoft, sind schon wichtige Kultursponsoren geworden. Wir werden dies im nächsten Jahr gebündelt der Öffentlichkeit mitteilen, damit dieses unglaublich starke und erfreuliche Engagement wahrgenommen und gewürdigt wird.

Die Planungen für das Rahmenprogramm der WM sind also auch auf gutem Wege?

Ja. Die Stadt selber hat ja sehr frühzeitig damit begonnen. Ich freue mich, dass es aus dem Bereich der Münchner Wirtschaft Ankündigungen gibt, sich ebenfalls zu engagieren, und zwar in Absprache mit der Stadt. Das ist natürlich nicht nur karitativ gedacht, sondern auch ganz im eigenen Interesse. Die Unternehmen haben hier die Gelegenheit, sich weltweit hervorragend zu präsentieren -aber es ist gut für den Standort München, wenn sie's auch tun.

Es war vor kurzem zu lesen, dass OB Ude bei der Münchner Kulturszene an Beliebtheit eingebüßt hat. Empfinden Sie das so?

Ich habe diese Beobachtung noch nicht machen können, allerdings bei vier, fünf Münchner Kulturjournalisten festgestellt, dass sie diesen Zustand unbedingt herbeischreiben möchten. Es gab einige wenige Konfliktfälle - genau drei -, wo man halt unterschiedliche Meinungen hatte, was manche Leute nicht auszuhalten scheinen.

Zum einen meinen Sie den Streit um die Aktion Stolpersteine. Warum ist hier ein Ende der Debatte nicht in Sicht?

Die Stolpersteine sind für mich wirklich eine bedrückende Erfahrung. Wir haben im Stadtrat seit Jahrzehnten die Übereinkunft, dass man Fragen der Ehrung und des Gedenkens einvernehmlich löst und nicht auf dem Marktplatz streitig austrägt. Dann kam der Vorschlag eines Kölner Künstlers, für die Opfer des Holocaust bald sechs Jahrzehnte später am Haus des letzten Wohnsitzes im Gehweg eine kleine Messingplatte einzulassen. Das wird tatsächlich in vielen Städten praktiziert und kann vielleicht auch Nachdenklichkeit auslösen. In der Kunstkommission hat niemand einen künstlerischen Wert erkennen können, die Gedenkstättenkommission hat abgelehnt. Ich finde es bemerkenswert, dass manche, die sonst immer sagen, der Stadtrat muss ohne Wenn und Aber ausführen, was Fachgremien fordern, in diesem Fall die Voten einfach verschweigen.

Nicht nur die genannten Gremien war ja dagegen, sondern auch die Israelitische Kultusgemeinde...

Die Kultusgemeinde hat sich klar geäußert, dass sie Ehrungen im Straßenschmutz für unangemessen hält, dass das sogar als verletzend und herabsetzend empfunden




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werden kann. Es ist mir unbegreiflich, dass dieses Votum der Kultusgemeinde von einigen einfach vom Tisch gewischt wird, als ob die offizielle Vertretung der Jüdinnen und Juden in München bei Fragen der Erinnerung an den Holocaust nichts mitzureden hätte. Die Stolperstein-Initiatoren tun so, als ob sie betroffener wären als die Gemeinschaft der Juden selber.

Es gibt aber auch Mitglieder der Kultusgemeinde, die für die Stolpersteine sind...

Bei den Juden gibt es unterschiedliche Meinungen wie bei jedem Verein, jeder Partei, jeder Kammer. Aber die erklärten Stolperstein-Gegner und -Kritiker sind bei den Wahlen vor einigen Tagen eindrucksvoll wieder an die Spitze gewählt worden. Das darf man nicht vom Tisch wischen. Ich würde auch keine Ehrung des Katholizismus vornehmen, ohne mit den offiziellen Repräsentanten der katholischen Kirche eine Übereinkunft zu erzielen. Ich finde es es bemerkenswert, dass hier weiterhin etwas durchgeboxt werden soll, was nun mal auf einhellige Ablehnung stößt.

Noch ein Kunstthema: Mae West. Viele Münchner haben nicht verstanden, dass ausgerechnet Sie als kunstbeflissener Mensch dafür waren, die Skulptur auf dem Effnerplatz einfach zu streichen - nur weil sie Ihnen wie ein überdimensionaler Blumenständer vorkam!

Bei Mae West ist die Diskussion spannender, das gebe ich zu, denn hier hat die Kunstkommission sich positiv für das Vorhaben ausgesprochen. Ich habe den ersten Entwurf kritisiert, weil er, wie es die SPD-Stadträtin Constanze Lindner-Schädlich formuliert hat, exakt ausschaute wie das Gerüst eines Kühlturms. Diese Kritik war ganz offensichtlich berechtigt, denn die Künstlerin selber hat daraufhin ihren Entwurf grundlegend überarbeitet. Er ist jetzt acht Meter niedriger und wesentlich schlanker. Aber auch nach dieser grundlegenden Umgestaltung ist das Kunstwerk höher als 50 Meter, das bedeutet, es erfordert einen Bebauungsplan. Den muss nun mal der Stadtrat erlassen, und dann steht er dafür auch in der Verantwortung. Dabei geht's überhaupt nicht um die Frage, ob mir ein Werk gefällt oder nicht, darauf darf es wirklich nicht ankommen. Es geht vielmehr um die Frage: Ist dieses Kunstwerk so beschaffen, dass man hierfür eigens einen Bebauungsplan aufstellt?

Sie sind aber mit Ihrer Haltung im Stadtrat unterlegen...

Meine persönliche Meinung, die ich mir erlaubt habe, muss der Stadtrat ja nicht teilen. Ich finde das Werk jedenfalls nur dekorativ, sehr glatt und gefällig, aber ohne künstlerischen Anspruch, der eine längere intensive Auseinandersetzung provozieren könnte. Im Stadtrat sind wir von CSU und Grünen überstimmt worden. Das ist bei der CSU sehr lustig, denn die ersten Protestversammlungen gegen Mae West in Bogenhausen sind alle von der CSU einberufen worden.

Mit welchem dritten Kulturthema haben Sie sich noch unbeliebt gemacht?

Das liegt schon länger zurück, und da bin ich mir meiner Sache noch sicherer. Es ging um den Vorschlag der Kunstkommission, die Platten eines Gehwegs unter Aufsicht eines Archäologen zwischen zwei Straßenseiten auszuwechseln, und zwar so, dass der Bürger, der Passant es nicht erkennt. Ich bin der Meinung, für solche Gags, die es jetzt in der Kunstgeschichte seit bald 100 Jahren gibt, muss der Steuerzahler nicht zur Kasse gebeten werden. "Unsichtbare Kunst" ist ein Gag, der am Anfang sehr kreativ war, aber jetzt nur noch eine Wiederholung darstellt.

Sie sind nach wie vor der beliebteste bayerische Politiker - Glückwunsch! Ihre SPD aber sinkt in den Umfragen auf ständig neue Tiefpunkte, und das nicht nur im schwarzen Freistaat. Ist die Sozialdemokratie denn noch zu retten?

Sie ist ohne Frage in einer ganz schweren Krise. Ich rechne es unserem grünen Koalitionspartner in München ganz hoch an, dass er selber daran erinnert hat, dass zunächst die Grünen die großen Verlierer der rot-grünen Koalition waren. Sie haben 16 Landtagswahlen in Folge verloren, und zwar deshalb, weil die neue deutsche Außenpolitik mit Einsätzen der Bundeswehr in fernen Ländern mit dem pazifistischen Grundverständnis vieler Grüner unvereinbar war. Die wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen der Bundesregierung jetzt laufen immer auf soziale Kürzungen hinaus, das ist für das Selbstverständnis der SPD, ihre Mitglieder und Wähler eine herbe Zumutung. Ohne Frage ist das eine strukturelle Krise, die unabhängig von Personen und Inszenierungen ist, die weh tut und die Sozialdemokratie im Kern trifft. Trotzdem glaube ich, dass sich die SPD wieder derrappeln kann. Die Grünen haben es ja auch geschafft, einige Jahre nach ihrer existenziellen Krise die besten Umfragewerte ihrer Geschichte zu erreichen, als endlich andere Themen angesagt waren.

Wo finden Sie die Bundespolitik Ihrer Partei gut?

Ich halte die Außenpolitik von Gerhard Schröder für hervorragend - vor allem, wenn man sie mit der Haltung der Union vergleicht. Die Rolle von Angela Merkel beim Beginn des Irak-Kriegs war im Wortsinn furchterregend. Langsam spricht sich auch in der Bevölkerung herum, was die Unionsparteien bei der Gesundheitsreform vorhaben: dass jeder Pförtner und jede Krankenschwester genauso viel zahlen muss wie der Generaldirektor. Die Union ist als Opposition derzeit in einer glücklichen Situation. In ganz Europa ist die Bevölkerung sauer auf die jeweilige Regierung, ob rot oder schwarz, ist völlig egal. Keine kann jetzt Wohltaten austeilen, sondern muss im Gegenteil Wohltaten einsammeln. Das ist unpopulär. Wenn die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt und die Reformen greifen, wird sich das Blatt wieder wenden.

Sie wirken seit Jahren an vorderster Front beim Bayerischen und Deutschen Städtetag mit. Was ist dran an dem Gerücht, dass Sie der Nachfolger der Präsidentin des Deutschen Städtetags, Petra Roth, werden?

Ich bin in Bayern über ein Jahrzehnt Stellvertreter des Städtetagsvorsitzenden Dick Deimer gewesen und werde Stellvertreter seines Nachfolgers bleiben. Auf Bundesebene steht der SPD bei den Neuwahlen im Frühjahr 2005 ein Vorschlagsrecht zu - und: Ja, ich habe das Gerücht auch schon vernommen.

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