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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 29.07.2004 - Leserbriefe

Stolpern auf dem Weg der Erinnerung

Gedenktafeln zur Judenverfolgung lösen kontroverse Reaktionen aus:

Zur Berichterstattung über die "Stolpersteine"

Über die Haltung der Initiative für die "Stolpersteine" kann ich mich nur wundern. Als ob es nur diese eine Form gäbe, dezentral und nah auf das Schicksal der einzelnen entrechteten und verschleppten jüdischen Mitbürger aufmerksam zu machen, werden die Gegner des Projekts moralisch abgewertet, als seien sie gegen individuelles Erinnern. Die Bedenken der Israelitischen Kultusgemeinde in München, vertreten von Frau Charlotte Knobloch, werden, statt ernst genommen, mit dem bloßen Hinweis abgetan, sie würden nicht von allen Münchner Juden geteilt, hätten möglicherweise nicht einmal die Mehrheit der Münchner Juden. Es muss aber doch reichen, dass nur einige von ihnen diese Bedenken haben. Horror empfinden bei der Vorstellung, dass wieder Stiefel über am Boden im Straßenschmutz liegende Erinnerung trampeln, um welche Mehrheit auch immer dafür sei - von dem Projekt Abstand zu nehmen. Wir können die Toten nicht befragen; wir können nur sensibel mit ihren überlebenden Angehörigen umgehen, das heißt, ohne jemanden zu verletzen. Und welche Mehrheit haben denn die Initiatoren? Und was ist das für ein Künstler, der mit einem einzigen Kunstprojekt flächendeckend von Stadt zu Stadt reist? Ich kenne sonst nur Künstler, die mehrere Werke schaffen.

Ich habe mich umgehört, warum denn nicht diese "Stolpersteine", die ja weder zum Stolpern noch Steine sind, sondern Messingplatten, an Häuserwänden angebracht werden können. Die Verschleppten und Gemordeten haben ja nicht auf der Straße, sondern in Häusern gewohnt. Das Einzige, was ich in Erfahrung bringen konnte, war, dass die Hauseigentümer damit nicht einverstanden seien, weil eventuell der Wert ihrer Häuser darunter leiden könnte. Sauber!

Brigitte Gmelin, München



Warum kann nicht endlich Schluss sein mit der Diskussion über die Einsetzung von Stolpersteinen. Beinahe jeden Tag müssen wir in Ihrer Zeitung eine neue Meldung lesen, in der irgendjemand die Diskussion neu anstoßen und sich nicht mit der getroffenen Entscheidung des Stadtrates abfinden will.

Wie anders geht man mit Gedenktafeln um, die an Deutschen begangenes Unrecht erinnern sollten. Die Gedenktafel in Dresden, die der zahlreichen Opfer des Bombenterrors der Alliierten gedachte, wurde beim Besuch von Königin Elisabeth in Dresden abgehängt mit der Begründung, dies stehe ja alles im Baedeker.

Verschonen Sie uns doch mit ständig neuen "Pro-Meinungen" von Leuten, die sich auf diese Weise profilieren wollen, weil sie sonst nichts zu bieten haben.

Ich glaube nicht, dass es irgendein Land in der Welt gibt, das auf seine Schandtaten mit so vielen Einrichtungen und Gedenkstätten aufmerksam macht wie Deutschland. Dies sollte man doch einmal anerkennen und nicht immer neue Forderungen stellen.

Kurt Burger, München

Die Stadtspitze ist wohl grenzenlos verbohrt. Nachdem der OB es nicht lassen konnte, bei der Grundsteinlegung für das neue jüdische Zentrum noch einmal kurz nach den "Stolpersteinen" zu treten, bringt es der Ältestenrat auch nicht fertig, über den Schatten des "Münchner Holzwegs" zu springen.

Bei dem Ehepaar Siegfried und Paula Jordan und anderen jüdischen Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten, handelt es sich nicht um "normale" Tote, derer auf Friedhöfen gedacht wird. Auch das Erwähnen ihrer Namen in Gedenkbüchern, auf Gedenkwänden, wo auch immer, verschlossen hinter Türen (z.B. am Jakobsplatz, gut abgeschirmt von der Polizei!) und in Schubladen, erreicht nicht die unmittelbare "Wucht" des Erinnerns durch die Stolpersteine. Dort, wo sie vor aller Augen verschleppt wurden, wo das Schreckliche ihres weiteren Weges anfing, wo keiner, der vorbeigeht, sich erziehen kann, beginnt das Gedenken.

Die berühmten Feiern, von denen beklagt wird, dass "so wenige kommen " haben einen Beigeschmack von Abhaken, Entsorgen, notwendiger, aber unangenehmer Pflichterfüllung.

Vielleicht kann die Münchner Stadtspitze das ganze Thema noch einmal aufrollen. Vielleicht kann sie die Schulklasse einmal hören, die sich so engagiert hat. Wir überlegen doch andauernd, wie man junge Menschen dazu bringt, sich zu engagieren. Hier ist eine große Chance.

Heike Fleischmann, Riederau



Sollten Sie noch einmal Leserbriefe zur Stolperstein-Affäre bringen, bitte ich um Aufnahme des Folgenden: Zu der unsäglichen Stolperstein-Affäre kommen mir zwei Münchner Grundwahrheiten in den Sinn. Die erste formuliert von Erich Kuby: "München bricht allem die Spitze ab." Die zweite von Maxim Biller. "Der Nationalsozialismus ist aus München nicht wegzudenken." Das schafft man im Kopf nicht - und die Verfechter des glatten Pflasters, auch wenn sie das möchten, bewirken das Gegenteil.

Enno Patalas, München



Es scheint, dass der Münchner Stadtrat nur unzureichend informiert war über die positive Reaktion aus anderen Städten wie z. B. Hamburg und Köln. Da München als "Hauptstadt der Bewegung" in Erinnerung ist, so hinterlässt dieser Beschluss des Stadtrates einen besonders fatalen Eindruck. Man kann nur hoffen, dass eines Tages aufgeschlossenere Menschen im Münchner Stadtrat diesen beschämenden Beschluss rückgängig machen. Halten wir diese Hoffnung aufrecht!

Elisabeth Beck, München

Was ich in den letzten Wochen zum Thema "Stolpersteine" in München lesen und hören konnte, hat mich im höchsten Maße verärgert, ja, Empörung hervorgerufen, vor allem der barbarische Akt der Entfernung einiger bereits verlegter Platten.

Wenn die Ablehnung vollmundig mit "Inflationierung der Gedenkstätten" begründet wird, war dann die Tötung von Millionen Mitmenschen im staatlichen Auftrag nicht auch eine Inflationierung der Mordtaten? Warum also nicht diese ungeheure Anzahl von Einzelschicksalen durch verstreut verlegte Tafeln an Ort und Stelle sichtbar werden lassen?

Wenn die Befürchtung, einige hirnlose Zeitgenossen könnten auf den Tafeln herumtreten, zur Ablehnung herhalten sollte, dann müsste man alles ablehnen, was einer Schändung anheimfallen könnte. Werden nicht Friedhöfe geschändet, indem man Grabsteine mit vergangenen Symbolen beschmiert oder sie reihenweise umwirft? Im Elsass hat man in der einzigen KZ-Gedenkstätte in Natzwiller-Struthof an einigen Baracken Feuer gelegt, um sie abzufackeln. Ist es nicht denkbar, dass in Berlin das Stelenfeld von niederträchtigen Zeitgenossen als Bedürfnisanstalt missbraucht wird? Schändung findet also überall statt, ist möglieh, deshalb ist dieses Argument total untauglich.

Eine Erinnerung aus dem persönlichen Umfeld: Im Winter 1941 lebte in der Rumfordstraße 38 im 3. Stock/l in einem Zimmer ein junges Ehepaar mit ihrem Baby (Name unbekannt). Kurze Zeit später sind sie abgeholt worden, wovon in bedrückender Weise von einem Familienmitglied berichtet wurde. Elend zugrunde gegangen zu sein und dann später durch beschämend kleinliche Argumente zu verweigern, den Ort des Daseins und des Verschwindens dieser Menschen durch ein kleines messingfarbenes Täfelchen anzuzeigen, dem Vergessen zu entreißen, was ist das für ein armseliges Gebaren von den "Offiziellen" dieser Stadt!

Norwin Aisdorf, Deisenhofen



Ich schreibe als Angehöriger der Generation, die die Verhältnisse in Deutschland in den Jahren von 1933 bis 1945 aus eigenem Erleben kennt. Ich habe mit eigenen Augen die eingeschlagenen Schaufenster jüdischer Geschäfte gesehen und erlebt, dass Mitschüler plötzlich nicht mehr zur Schule durften. Wenn ich mich nicht täusche, war Herr Jordan ein Mitschüler in der Parallelklasse am damaligen Alten Realgymnasium (später Oberschule für Jungen an der Siegfriedstraße, heute Oskar-von-Miller-Gymnasium). Doch nun zu den Stolpersteinen. Mir ist unbegreiflich, dass die Jüdische Gemeinde in München diese einmalige Form eines Denkmals und Mahnmals ablehnt. Mit diesen Stolpersteinen wird die vergangene furchtbare Zeit im Sinn des Wortes nahe gebracht. Die Stolpersteine fordern und mahnen die Menschen zum Überlegen: "Hier in diesem Haus lebte eine glückliche Familie, eine wie du und ich sie habe, mit allen Sorgen und Freuden des Lebens. Sie wurden abgeholt, abtransportiert und vernichtet. Dazu waren Menschen fähig!" Diese persönlichen Denkanstöße durch die Stolpersteine würden doch viel mehr durch den direkten Bezug auf den Ort wirken als eine Gedenkstätte in Dachau oder Buchenwald in ihrer Anonymität!

Ferdinand Hansotto Jung, Lenggries


Ist es wirklich wahr, was ich in der Anzeige gelesen habe? Der Stadtrat von München habe in seiner Sitzung vom 16. Juni die Verlegung von Stolpersteinen untersagt und sogleich bereits verlegte Steine wieder ausbuddeln lassen? In meiner Straße in Bonn, der Kurfürstenstraße, gehe ich Tag für Tag an drei solcher kupfernen Steine vorbei. Vater, Mutter und Tochter Strauß sind deportiert worden und 1942 in Minsk umgekommen. Immer wieder geht der schüchterne Blick auf die Tür des Hauses. Sie könnte noch die gleiche sein, an die in der Frühe eines Tages im Jahr 1942 zwei schlapphutbewehrte Ledermäntel wummerten und den verwirrten, erschrockenen Bewohnern bedeuteten, in kürzester Zeit mit einem kleinen Koffer mitzukommen. Haben sie dann den schwarzen Mercedes 170 bestiegen, der mit laufendem Motor auf der Straße wartete? Sind sie gleich auf dem Bonner Bahnhof verladen worden? Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, wie das vor sich gegangen sein mag. Mitten aus dem Leben, friedliche Bürger, was hatten sie wem angetan? Man erfährt an diesem kleinen Beispiel die Auswirkung der großen Geschichte. Man teilt das Entsetzen der Stunde, das Erschrecken vor der plötzlichen Zäsur im Leben. Wie war das noch? München - die Hauptstadt der Bewegung? Ist aus der "Bewegung" der Starrsinn geworden, den Opfern der Gewalt das Quäntchen Achtung und Gedenken zu verwehren, das ihrer Würde gebührt?

Dr. Goetz-A. Martius, Bonn



Der Ältestenrat sieht die Protest-Anzeige gegen die verbotenen und entfernten Stolpersteine "ins Leere gehen". Eine merkwürdige Metapher! Die Stolpersteine hätten auch in München die Lücke bewusst machen können, die die Deportierten an ihren Orten hinterließen. Darauf zielten die Unterzeichner, die mehrheitlich andernorts Stolpersteine als einprägsame Signale der Verlassenheit kennen gelernt hatten. Das Alternativangebot der Ältesten, listenweise für kollektivierte Erinnerung zu sorgen, steht der Eindringlichkeit von Günter Demnigs Idee diametral entgegen. Will man wirklich den Bürgern die individuelle Zuständigkeit für frühere Bewohner der jeweiligen Adresse ersparen? Lässt sich die Erinnerung "kasernieren" - aus dem alltäglichen Lebensraum ins Museum, in einen der dunklen Rathausgänge verbannen? Wie lange lässt sich der OB noch auf so widervernünftig-bürokratische Konzepte ein? Welchen Interessen gibt er statt?

Dr. Ulrich Dittmann, Seefeld


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