Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          

zurück

Auswahl
 Presse
Dokumente
Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung Nr. 164, Montag, den 19. Juli 2004 , Seite 39

Der Schmerz hat eine Adresse:
Maximilianstraße 43

AI Koppel lebte hier, bis die Nazis seine Familie zur Ermordung nach Kaunas schickten - eine leidvolle Reise in die Vergangenheit

von Anne Goebel

An einem Herbsttag des Jahres 1997 reiste AI Koppel bei Kaffee und Cookies in die Vergangenheit. Schon oft hatte er, wenn er von seiner Heimat Colorado zu einer Kurzvisite in seine verlorene Heimat München flog, das Haus in der Maximilianstraße 43 besucht. Das heißt, er hatte es von außen betrachtet, die Fassade, den Eingang, die Klingelschilder. 1997 läutetete er im zweiten Stock. Dort hatte AI Koppel die ersten elf Jahre seines Lebens verbracht. Von dort wurde eine Münchner jüdische Familie, seine Mutter Carla, 38, die Geschwister Günther, 17, Hans, fünfeinhalb, die vierjährige Ruth und die zweijährige Judis im November 1941 abgeholt und in den Tod geschickt. Diese Geschichte erzählte AI Koppel an jenem Nachmittag den Menschen, die inzwischen in dem Haus lebten. Seine Worte, erinnert sich der Amerikaner, "machten die Menschen sprachlos".

Sie servierten Kaffee und Kekse und konnten es nicht fassen. Ebenso wenig die Mitarbeiter der Anwaltskanzlei, die Koppel wenig später besuchte. Da sich die Einteilung der Etagen nach dem Krieg offenbar geändert hatte, betrat Koppel erst am nächsten Tag das Apartment im dritten Stock, die Räume seiner Kindheit. "Der lange Flur, die Messing-Beschläge an Türen und Fenstern, es war noch wie damals. Ich habe alles wiedererkannt". Koppel erinnerte sich an ein kleines Fenster, das vom Bad in den Flur ging. Die Anwälte schafften die raumhoch aufgetürmten Kartons zur Seite in dem als Abstellkammer genutzten Zimmer. Da war das Fenster.


- Vergebliche Bitte an den OB -


AI Koppels Spurensuche begann vor zehn Jahren, und heute kann er nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, warum gerade zu diesem Zeitpunkt. Sein Vater war damals schon lange tot, Carl Koppel, der am Morgen des 10. November 1938 nach der Reichspogromnacht aus der Wohnung in der Maximilianstraße abgeholt worden war und dem 1940 noch die Emigration nach New York gelang. Nach dem Tod des Vaters fand AI Koppel einen Schuhkarton voller Briefe, die Carla ihrem Mann aus München nach Amerika schickte. Darüber, dass sie immer verzweifelter wurde, dass die Situation für Juden immer bedrohlicher wurde, dass sie Angst hatte. Carla Koppel schaffte es nicht, ihrem Mann mit den Kindern rechtzeitig nachzufolgen. Sie waren unter den 1000 Münchner Juden, die deportiert und im litauischen Kaunas erschossen wurden. AI und seinen jüngeren Bruder Walter hatten die Eltern schon 1938, nach der Pogromnacht, in Sorge um die Kinder, nach Berlin zu Verwandten geschickt. Von dort glückte den Buben 1941 eine abenteuerliche Flucht in die USA.

Um zu erfahren, wo und wie seine Mutter, seine Geschwister starben, schrieb AI Koppel Mitte der Neunziger einen Brief an den Münchner Oberbürgermeister Christian Ude. Das Stadtarchiv half, von Andreas Heusler erfuhr Koppel, dass seine Familie zuerst in das Sammellager Milbertshofen gebracht, in den Zug nach Litauen verfrachtet und dort ermordet wurde. Koppel begab sich auf schmerzliche Fahrten, er besuchte das so genannte Fort IX in Kaunas, er machte den Besuch in der Maximilianstraße, hielt einen Vortrag über den Holocaust am Wilhelmsgymnasium. Im November 2000, als im Münchner Rathaus eine Tafel zum Gedenken an die in Kaunas ermordeten Juden enthüllt wurde, war Koppel dabei. Er plant, aus den Briefen seiner Mutter Carla ein Buch zu machen.

Und er selbst hat auch wieder einen Brief geschrieben nach München, an den Oberbürgermeister. Anlass ist die Ablehnung der "Stolpersteine" durch den Stadtrat. Koppel hatte vor einiger Zeit von dem Konzept der Erinnerungstafeln vor den Wohnhäusern von Nazi-Opfern gehört. "Jetzt habe ich erfahren, dass das Verlegen von Stolpersteinen in München verboten ist." Er sei "sehr erregt über das, was in München geschieht", sagt Koppel.

Er bat Ude in zwei Schreiben um die Erlaubnis für fünf Stolpersteine für Carla, Günther, Hans, Ruth und Judis Koppel. Ein Antwort hat er nie bekommen. In seinen Augen sind die kleinen Messingtafeln, die in München für so großen Wirbel sorgen, eine überzeugende und berührende Form der Erinnerung. "Sie geben den Ermordeten ein Gesicht, eine Geschichte durch den Namen, das Geburtsdatum, das Todesdatum", schreibt Koppel, der noch immer gut deutsch spricht, aber manchmal nach Worten suchen muss. Er selbst hat sich in Amerika eine erfolgreiche Existenz aufgebaut, er hat Kinder, Enkel. Ein solches Leben hätte er auch seiner Mutter gewünscht und den Geschwistern. "Mehr als 60 Jahre sind vergangen, seit in der Maximilianstraße 43 ihr Sterben begann. Dabei hätten sie in all dieser Zeit ihr Leben zur Erfüllung bringen sollen."

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung Nr. 164, Montag, den 19. Juli 2004 , Seite 39

zurück