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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 05.07.2004

Enttäuschte Liebe

Das Verhältnis von Christian Ude zur Kulturszene der Stadt ist merklich abgekühlt

Es ist noch nicht lange her, da war er das Hätschelkind der Kulturszene. So ein toller Oberbürgermeister! Eloquent sei er, so hieß es, witzig und sogar selbstironisch könne er sein, und Kunst und Kultur lägen ihm sehr am Herzen. Kein Wunder, schließlich schreibe er doch selbst Satiren, und wenn die Kultur im politischen Lager Unterstützung brauche gegen kleinliche Sparkommissare oder sture Bürokraten, dann habe sie in ihm immer einen verlässlichen Anwalt. Oberbürgermeister Christian Ude sonnte sich in diesem Ruhm, und einmal jährlich lud er seine Bewunderer aus der Szene zum Kulturempfang, wo er dann Bilanz zog über das abgelaufene Jahr und von den großen Erfolgen der Kunststadt München berichtete.

Ja, das waren glanzvolle Zeiten. Heute Abend ist wieder so ein Kulturempfang, diesmal im Volkstheater, aber so unbeschwert-heiter wie in früheren Jahren wird es wohl kaum zugehen dort. Denn das Verhältnis des OB zur Kulturszene ist merklich abgekühlt. Zum Einen liegt das an seinen Verteidigungsreden für die ungeliebte Kulturreferentin Lydia Hartl, der er in Zeiten der Not stets zu Hilfe eilt wie Ivanhoe, der edle Ritter. Das ist zwar sein Job, als Hartls Chef - aber in der Szene nimmt man ihm das trotzdem übel und glaubt viel lieber, Udes Schützenhilfe für die Referentin rühre daher, dass Hartl privat gut befreundet ist mit der Gattin des OB und bisweilen sogar mit den beiden Udes urlaubt.

Das freilich ist es nicht allein. "Unsäglich populistisch" finden viele, was Ude in jüngster Zeit speziell zum Thema zeitgenössische Kunst äußert, und vergessen dabei, dass der Oberbürgermeister vielleicht ganz einfach wirklich so denkt. Er ist ja nun kein Kunstsachverständiger und das weit verbreitete Misstrauen des Kleinbürgers gegen moderne Kunst scheint ihm nicht ganz fremd zu sein: Ist das da wirklich ein Kunstwerk, oder will einem da nicht ein frecher Scharlatan für irgendeinen Quatsch bloß viel Geld aus der Tasche ziehen?

Diese Frage steht unausgesprochen häufiger dahinter, wenn sich Ude mit der zeitgenössischen Moderne auseinander setzt. Und manchmal endet das dann peinlich, wenn er etwa eine vorgeschlagene Kunstaktion des Mexikaners Santiago Sierra, Shooting-Star der internationalen Kunstszene, nicht so recht versteht und deshalb von seiner Stadtratsmehrheit ablehnen lässt. Oder wenn er, am kommenden Mittwoch in der Vollversammlung des Stadtrats, die monumentale Großskulptur "Mae West" der Amerikanerin Rita McBride für den Effnerplatz kippen wird, weil sie ihm angeblich nicht gut genug gefällt und zu teuer ist in diesen Zeiten ... Im Grunde zwei merkwürdige Argumente: Angesichts des Elends in der Welt dürfte man dann ja niemals auch nur einen Cent für Kunst ausgeben, und dass der Kunstgeschmack des obersten Verwaltungschefs entscheidend sein soll, gehört wohl eher zu einer spätbarocken Auffassung von Regierungsführung. In Demokratien hat man, sogar in München, für solche Entscheidungen Fachjurys.

Mit Demokratie und Kunst hat auch die jüngste Verstimmung zu tun. An die 150 Münchner hatten in einer Anzeige in der SZ gegen die Ablehnung der "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig durch den Stadtrat protestiert. Ude antwortete ihnen in einem vierseitigen Brief mit scharfen Worten und warf den Unterzeichnern ein falsches Demokratieverständnis vor, weil sie die Entscheidung des Stadtrats nicht akzeptierten. Udes dünnhäutige Reaktion erstaunte Unterzeichner wie den Schriftsteller Friedrich Ani doch ziemlich: "Eine andere Meinung öffentlich zu vertreten, halte ich für vollkommen legitim." Man sieht: Künstler und Intellektuelle verhalten sich einfach nicht so willfährig und brav wie die SPD-Rathausfraktion, und damit hat der OB anscheinend momentan seine Schwierigkeiten.

Kann also sein, dass Udes gewiss wieder sehr launige Ansprache beim heutigen Kulturempfang nicht ganz so heftig beklatscht werden wird wie sonst immer. Das liegt dann wohl weniger an der Rede. Bei Kulturschaffenden kommt Udes Humor ja bestens an. Schwierig wird es bisweilen aber, wenn er's ernst meint.

FRANZ KOTTEDER


Süddeutsche Zeitung vom 05.07.2004


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