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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung Nr. 143 vom 24.06.2004, S. 39

Kleine Steine mit großer Wirkung

Künstler Gunter Demnig über die offizielle Ablehnung seiner "Stolpersteine" und die Solidarität mit dem Projekt

Seine "Stolpersteine" sorgen für Debatten: Gunter Demnigs Projekt, vor den Häusern der Ermordeten an NS-Opfer zu erinnern, wurde vom Stadtrat abgelehnt. Gleichzeitig machen sich Bürger für die Gedenk-Tafeln stark. In einer SZ-Anzeige äußern sich Befürworter "entsetzt" über den "beschämenden" Stadtratbeschluss. Unterzeichnet haben den Aufruf Schauspieler wie Josef Bierbichler und Jörg Hube, Schriftsteller wie Friedrich Ani, Harry Rowohlt, Asta Scheib, Richard Chaim Schneider, Tilman Spengler und Uwe Timm, der Musiker Hans Well von der Biermösl Blosn, aber auch die stellvertretende SPD-Landeschefin Ulrike Mascher, die dem Förderverein der KZ-Gedenkstätte Dachau vorsteht oder der Lager-Überlebende Ernst Grube.

SZ:
Die Stadtrat hat Ihr Projekt abgelehnt und die bereits verlegten Steine entfernen lassen. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Gunter Demnig:
Ich habe im Ausland davon erfahren. Ich finde traurig, was geschehen ist. Es ist ein Angehöriger gewesen, der sich die Steine ausdrücklich gewünscht hat und der wollte, dass seiner Eltern dort gedacht wird, wo ihr Leidensweg begann, am Wohnhaus. Als ich hörte, dass die Steine herausgenommen wurden, war mein erster Gedanke: Die Menschen sind noch einmal deportiert worden.

SZ:
Die Tafeln wurden auf den jüdischen Friedhof gebracht. Was wird weiter mit ihnen geschehen?

Demnig:
Was ich mir wünsche, ist, dass die Steine dort entfernt und den Schülerinnen übergeben werden, die sie gespendet haben. Oder dass man sie Peter Jordan in Manchester zukommen lässt, damit er sie in Gewahrsam nimmt. Vielleicht kann man, wenn sich die Wogen geglättet haben, noch einmal neu über die Sache nachdenken. Ich gebe zu, die Verlegung der Steine war nicht genehmigt. Ich habe es als eine Art Probeverlegung empfunden, um zu zeigen, wie sie wirken. Dass sie klein und harmlos, aber sehr wirkungsvoll sind.

SZ:
Welche Reaktionen haben Sie aus München bekommen?

Demnig:
Sehr viel positive. Viele Menschen sagen: Jetzt erst recht. Sie verstehen die Ablehnung nicht und wollen nicht aufgeben. Wäre die Sache nicht traurig, würde ich sagen: Schöner kann es nicht sein. Sobald ich die aktuellen Stolpersteine für Frankfurt und Düsseldorf verlegt habe, werde ich dem Oberbürgermeister in Ruhe einen Brief schreiben. Mit der Bitte, die Steine vom Friedhof entfernen zu lassen. Und mit der Bitte um ein Gespräch. Ich habe in München, anders als in anderen Städten, mein Konzept nie offiziell vorstellen können, und das würde ich gerne nachholen. Ich hatte es mehrfach angeboten.

SZ:
Sollte sich jemand aus München konkret einen Stein wünschen - würden Sie ihn verlegen?

Demnig:
In München nein. Da mache ich Pause.

SZ:
Gibt es Anzeichen dafür, dass der Stadtrat seine Entscheidung überdenkt?

Demnig:
Nicht dass ich wüsste. Aber wenn die Stadträte ihre Ablehnung jetzt nicht noch einmal überprüfen, muss ich ihnen beinahe jede Menschlichkeit absprechen. Die Politiker in München müssen doch mitbekommen haben, dass sich die Menschen eben nicht nur jährliche Gedenkfeiern wünschen. Eben keine "Kranzabwurfstellen", sage ich immer. Genau deshalb habe ich die Stolpersteine entwickelt: Aus einem Unbehagen an zentralen, pompösen Gedenkstätten. Die Reaktion auf dieses Konzept ist noch nirgends so extrem gewesen wie in München. Noch nie sind irgendwo Stolpersteine entfernt worden. Mir stehen, ehrlich gesagt, die Haare zu Berge.

Interview: Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung Nr. 143 vom 24.06.2004, S. 39

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