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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 22.06.2004

Scham und Bedauern

Reaktionen auf die Entscheidung gegen "Stolpersteine"

Von Anne Goebel

Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Josef Schuster, hat seine Unterstützung für die Stolpersteine bekräftigt. "Ich bedaure inhaltlich die Entscheidung der Stadt München", sagte Schuster gestern im Gespräch mit der SZ. Überzeugend finde er am Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, dass es "Erinnern plastisch macht". Viele Besucher von Gedenkstätten und Museen seien "in Anführungszeichen die falschen Adressaten", da sie sich ohnehin freiwillig mit dem Holocaust auseinandersetzten. Die Stolpersteine konfrontierten die Menschen unmittelbar und in einer "geschichtsfreien Zone" mit der NS-Vergangenheit. Jugendliche würden durch die Steine in vielen Städten zur Beschäftigung mit der Historie angeregt. "Wer sich mit Geschichte vertraut macht, kann aus ihr lernen. Und nur so hat Geschichte für die Zukunft einen Sinn", sagte Schuster.

Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München mit Präsidentin Charlotte Knobloch lehnt die Steine ab, was laut Schuster zu keinerlei Verstimmung geführt hat. "Dass Frau Knobloch und ich beide in jüdischen Gremien Funktionen haben, muss nicht bedeuten, dass wir die gleiche Meinung haben." Die divergierenden Ansichten zu den Stolpersteinen machten deutlich "dass es nicht eine jüdische Stimme gibt".

"Wir sind erschrocken über die umstandlose Beseitigung der zwei Messingtafeln für Paula und Siegfried Jordan in München. Wir hoffen, dass andere bayerische Städte ihren Bürgern diese Form der Erinnerung nicht verwehren", heißt es in einer Mitteilung des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau. Der Lehrer am Luisengymnasium, dessen Schülerinnen Geld für die Münchner Stolpersteine gesammelt hatten, Wunibald Heigl, sagte: "Der Versuch der Schüler, eine jugendgemäße Initiative für ein Gedenken ,von unten' aus der Taufe zu heben, wurde von den politisch Verantwortlichen, die häufig das Desinteresse der Jugend beklagen, barsch zurückgewiesen. Wir schämen uns für München." Zwischen den Rathaus-Grünen und ihrem Bürgermeister gibt es in Sachen "Stolpersteine" keine gemeinsame Argumentation. Während Fraktionschef Siegfried Benker das negative Votum des Stadtrats in einer Presseerklärung ausdrücklich bedauert, verteidigt Bürgermeister Hep Monatzeder die von ihm mitgetragene Absage. Monatzeder kritisierte das ungenehmigte Verlegen der inzwischen entfernten Gedenktafeln. Es könne nicht angehen, dass "die Benutzung des öffentlichen Raums allein in das Belieben bestimmter Gruppen gestellt wird". Dann könnten dieses Recht nämlich auch "Gruppen ganz anderer politischer Couleur" für sich einklagen. Benker sagte, die Grüne Fraktion hätte es angemessener gefunden, statt der Ablehnung "eine ruhige Debatte über das Für und Wider der Stolpersteine mit der Öffentlichkeit zu organisieren". Eine solche Diskussion würde nach Benkers Einschätzung ergeben, "dass es deutlich mehr Befürworter" gibt.

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 22.06.2004

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