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Stolpersteine in München

Seite 2

Süddeutsche Zeitung vom 22.. 06.2004

"Eine Schändung der Gedenksteine"

Zuschriften zu "Ein falscher Weg des Erinnerns" über die Stolpersteine
in der SZ vom 17. Juni




Es ist schier unglaublich, wie die Weltstadt München von einem Napf in den anderen "stolpert". Von (Fett)-"Näpfchen" kann man schon nicht mehr sprechen.

Christel Fieseler, München

Ich habe gehofft, dass sich unser Stadtrat für eine Genehmigung der Stolpersteine entscheidet. Leider hat sich München wieder einmal blamiert. Mit dieser Aktion wäre eine ganz individuelle Form des Erinnerns im Gegensatz zu den staatlich verordneten Gedenktagen geschaffen worden, die doch kaum mehr jemand ernst nimmt. Man hätte Gelegenheit bekommen, unmittelbar etwas über die jüngere Münchner Geschichte zu erfahren. Mit welcher Rechtfertigung wird eigentlich von oben herab entschieden, dass die "Stolpersteine" eine falsche und "unerträgliche" Form wären, wenn die Nachkommen betroffener Familien selbst sich dafür aussprechen?

Andreas Schosser, München

Als Tochter einer Auschwitz-Überlebenden und einer Frau, die ihr Lebenswerk darin gesehen hat, sich aktiv gegen das Vergessen zu stemmen, habe ich die Meinung von Frau Knobloch zu den Stolpersteinen mit großem Entsetzen gelesen. Ich finde es äußerst respektlos gegenüber den Angehörigen der Opfer, die diese Form der Erinnerung ausdrücklich wünschen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, mit der Trauer umzugehen, und es steht niemandem zu, ihnen die eigene Meinung aufzuzwingen. Um so mehr, als diese Form der Gedenksteine in einigen anderen Städten Deutschlands durchaus willkommen ist.

Ich bin zutiefst erschüttert, dass ich als Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde so etwas von unserer Vorsitzenden lesen muss. Anstatt Fürsprecherin der Anliegen von Holocaustopfern und deren Angehöriger zu sein, stellt sie sich gegen sie. Wer soll das noch verstehen?

Dr. med. vet. Ruth Rosenberg, München

Die Meinung von Frau Knobloch ist vielleicht noch nachzuvollziehen, obwohl ich glaube, dass sehr viele Menschen eben nicht einfach auf den Stolpersteinen "herumtreten", sondern stutzen, schauen und nachdenken werden. Genau das, was ja wohl in den anderen Städten ständig geschieht.

Dieter Kespohl, Würzburg

Ich halte es für geboten, dass Bürgerinnen und Bürger aktives Engagement zeigen, wenn sich die Politik verrennt wie im Falle der Stolpersteine. Den Gegnern des Projekts kann nicht verborgen geblieben sein, dass zahlreiche Juden in München eine, zurückhaltend ausgedrückt, gewisse politische Distanz gegenüber der Israelitischen Kultusgemeinde und ihrer Präsidentin an den Tag legen und sich eher durch Dr. Salomon Korn, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, repräsentiert sehen, der das Projekt der Stolpersteine ausdrücklich begrüßt hat. Ist die Zeit im "deutschjüdischen" Verhältnis immer noch nicht reif für die Einsicht, dass auch Juden unterschiedliche Ansichten vertreten wie andere Menschen? Ich halte es für völlig unangemessen, dass sich etwa Herr Monatzeder mit seiner Argumentation hinter Frau Knobloch versteckt. Und das zitierte Sprichwort "Wo man stolpert, liegt bestimmt ein Jud'" ist ein Eigentor. Selbst die flüchtige Kenntnis der zeitgeschichtlichen Literatur hätte genügt zu verstehen, dass doch genau dies das Problem der Deutschen während der Nazizeit war: Wenn sie nichts von Auschwitz gewusst haben, dann haben sie miterlebt, wie ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus ihren Wohnungen herausgerissen und deportiert wurden. Daran zu erinnern, ist die Idee der Stolpersteine.

Dr. Reiner Bernstein, München

Anfang Juni 2004 waren wir in Berlin bei der Einweihung von Stolpersteinen, die ich für ermordete jüdische Angehörige gespendet habe. Es war sehr feierlich, engagierte Schüler hatten in den original NS-Unterlagen recherchiert. In München wurden verlegte Stolpersteine mit Beschluss vom Stadtrat wieder entfernt. Dies ist meiner Meinung nach eine Schändung von Gedenksteinen! Diese Art der Erinnerung und des Gedenkens an die NS-Opfer ist bundesweit angesehen und glaubwürdig. Wie will OB Ude jetzt dem aus München geflohenen Überlebenden Peter Jordan entgegentreten? Ich bin entsetzt, wie schlecht gegen diese Steine argumentiert wird. Verheimlicht wird auch, dass die Stolpersteine für alle NS-Opfer-politische Gegner, Euthanasieopfer, Homosexuelle ... und auch Juden - verlegt werden. Deswegen kann die Israelitische Kultusgemeinde nicht für alle NS-Opfer sprechen, und nicht, wie Stadtrat Marian Offman, als Alternative zu den Stolpersteinen im jüdischen Friedhof andere Gedenksteine anbieten. Der Mut zum "Münchner Weg" ist peinlich für die Millionenstadt München. Dies ist ein Rückschritt in die versuchte Vergangenheitsbewältigung in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung".

Dr. Evelyn Grollke, Pullach

Ich kann es nicht verputzen, wenn mir und anderen vorgehalten wird, meine Ansicht sei "ein falscher Weg des Erinnerns". Ich schäme mich vor allen Betroffenen, Angehörigen, Freunden, die diese persönliche Form des Erinnerns und Gedenkens für die einzig mögliche und angemessene in ihrem jeweiligen "Fall" ansehen. Die Totschlag-Argumente "Zwei-Klassen-Gesellschaft", "Auswahl" u.a. kann ich nicht gelten lassen, weil die "Selektion" ja bereits stattgefunden hat. Geht es nicht eher um ein öffentliches Gedenk-Monopol, um Gedenk-Rechthaberei? Mir sagen "meine Leute", dass ihre Trauer, ihr Gedenken, nicht abgedeckt ist durch politische Deklarationen und pompöse Gedenkstätten.

Dr. Willibald Karl, Weßling



Seite 2 der Leserbriefe














































Wie in dieser Stadt mit dem Gedenken an deportierte und ermordete ehemalige Bürger umgegangen wird, schockiert mich zutiefst. Gunter Demnig hat mit seiner einfachen, aber sehr wirkungsvollen Idee "Stolpersteine" einen Weg des tagtäglichen Erinnerns an die Grausamkeiten, die in diesem Land begangen wurden, gefunden. Dass diese Gedenktafeln den Steuerzahler keinen Pfennig Geld kosten und durch das Engagement von Bürgern, z.B. auch von Schülern, ermöglicht werden, spricht für dieses geniale Projekt. Ich bin absolut für ein Jüdisches Zentrum im Herzen unserer Stadt, da, wo es hingehört. Aber was spricht gegen dezentrale Gedenktafeln als Erinnerung an unsere ehemaligen Mitbürger?

Volker Klein, München

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland billigt ausdrücklich das Verlegen von Stolpersteinen. Diese werden in Groß- und Kleinstädten verlegt, und - etwa in Offenburg in Baden -veranstalten Städte sogar Gedenkstunden, und Bürgermeister nehmen an der ersten Verlegung teil. Nur in München scheinen die Uhren anders zu gehen. Hier warnt der Oberbürgermeister vor einer "möglichen" Inflationierung der Gedenkstätten.

Ernst und Werner Grube, Überlebende des Holocaust, München

Es geht den Gegnern dieses Projekts, zu denen ich mich zähle, darum, dass die "Stolpersteine" in Gehwege eingelassen werden. Dabei handelt es sich nicht um eine brillante Idee, den Mord an Juden in Erinnerung zu bringen. Vielmehr war es eine Notlösung, da die betreffenden Häuser zum größten Teil gar nicht mehr bestehen, auf jeden Fall die meisten Eigentümer solcher Häuser ihre Zustimmung zur Anbringung von Schildern verweigerten. Sowohl Frau Knobloch wie auch ich fühlen ein Unbehagen, Namen von ermordeten Angehörigen unserer untergegangenen Gemeinde auf Gehsteigen wiederzufinden. Leider lässt sich Unbehagen nicht mit den griffigen Slogans wie sie die Befürworter der "Stolpersteine" verwenden, ausdrücken.

Uri Siegel, München

Nie wieder dürfen wir Mitmenschen - wie in der Vergangenheit real geschehen - mit unseren Füßen treten, erst recht nicht deren Andenken an sie. Ich wünsche mir ein stärkeres Erinnern an den Orten, an denen jüdische Mitbürger einst unter uns wohnten, aber auf andere Art und Weise.

Gertraud Konradt, München

Zwei-Klassen-Auswahl - was soll denn dies bedeuten? Alle Stolpersteine, die bisher verlegt wurden, erinnern an Menschen, Juden, die entrechtet, deportiert, ermordet wurden. Wie kann es unter ihnen zwei Klassen geben? Und wenn Frau Knobloch befürchtet, dass Neonazis auf die Stolpersteine treten, dann sollte sie dafür sorgen, dass in Berlin am Ho-locaustmahnmal rund um die Uhr an jeder Stele ein Polizist steht. Es ist überaus traurig, dass eine wunderbare Idee und das Engagement junger Menschen so vom Tisch gefegt werden! Dass diese Aktion vollkommen ohne staatliche Zuschüsse auskommt, von Bürgern freiwillig und mit Freude finanziert wird, spielt in unserem Schuldenstaat ohnehin gar keine Rolle. Und dass diese Entscheidung des Stadtrats den Unbelehrbaren neue Argumente liefert in ihrer Überzeugung, dass die Juden in unserem Land bereits wieder zu mächtig sind, wohl auch nicht.

Renate Seitz, München

Die Entscheidung des Münchner Stadtrats ist enttäuschend und zeigt, dass kein Interesse an wirklicher Erinnerungsarbeit besteht. Gerade München als ehemaliger "Stadt der Bewegung" hätte eine Entscheidung für eine vielfältige Kultur der Erinnerung gut zu Gesicht gestanden. Das Projekt Stolpersteine reduziert bewusst nicht auf eine Opfergruppe, sondern will auch andere Opfergruppen, wie Sinti und Roma, politisch oder religiös Verfolgte und Euthanasieopfer in die Erinnerung einbeziehen. Durch die Reduzierung des Blicks auf jüdische Opfer vollzieht der Stadtrat also selbst schon eine Auswahl, welche er am Projekt aber kritisiert. Die Würde der Opfer als Argument dafür zu verwenden, die Beseitigung von Stolpersteinen zu rechtfertigen, ist gelinde gesagt ein Affront. Für Peter Jordan war der Tag der Verlegung einer der "wichtigsten seines Lebens". Welches Fingerspitzengefühl ist diesem Stadtrat zu eigen?

Silke Reichert, Wolfratshausen

Was soll eigentlich der "Wirbel" um diese Stolpersteine von einer Größe 10x10 Zentimeter? Seit Jahrzehnten gehen täglich zig Menschen in der Kardinal-Faulhaber-Straße über einen quadratmeter-großen "Stolperstein", und niemand regt sich auf darüber. Es handelt sich hierbei um das "Denkmal" an die Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten K. Eisner am 19. Februar 1919. Gegen diesen "Gitterrost" sind kleine Messingplättchen ein "Juwel".

Edmund Gnandt, München

Beifall dem Herrn Oberbürgermeister und seinen Bautrupps! Seit Freitag ist die Mauerkircherstraße wieder judenerinnerungsfrei. Es ist beschämend, in welch großer Koalition sich München gegen diese Geste privater Erinnerung gewehrt hat. Aber der Stadtrat führt eine moralische Autorität ins Feld, nämlich die erzkonservative Israelitische Kultusgemeinde, die die Alleinvertretung in Sachen Judentum für sich beansprucht. Durch die Nacht- und Nebelaktion sei die Ungerechtigkeit aufgehoben, dass mit den Stolpersteinen nur einzelner Opfer der Shoa gedacht werde. Richtig! Es wird niemals genügend Stolpersteine für alle die Menschen geben, die mitten aus unserer Stadt heraus ermordet worden sind. Aber ist exemplarisches Gedenken nicht besser als keines?

Michael Petery, Ismaning

Das Abstimmungsergebnis zu den Stolpersteinen in München war leider vorauszusehen. Die Art des Vollzugs hätte noch einigen Spielraum erlaubt. Dass der Stadtrat die Stolpersteine für Paula und Siegfried Jordan aus dem Gehweg an der Mauerkircherstraße 13 reißen und auf einen Friedhof verlegen ließ, finde ich erschütternd. Die Inschrift auf den Stolpersteinen vor den letzten Wohnorten der Ermordeten beginnen mit "Hier wohnte" - also haben Jordans schon bei ihrer Deportation im Friedhof gewohnt? Sich anzumaßen, die Steine in den Jüdischen Friedhof zu verlegen, steht dem Stadtrat nicht zu, zumal er sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, mit den Angehörigen oder den Schülerinnen zu sprechen. Wenn die Repräsentanten der Landeshauptstadt München noch einen Funken guten Geistes in sich verspüren, schicken sie jemanden, der die Steine ins Handgepäck nimmt und sie auf Kosten der Stadt Herrn Jordan nach Manchester bringt.

loana Cisek, München

Eine Aktion, die bundesweit zur eingehenden Beschäftigung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten geführt hat, von oben herab als "falschen Weg des Erinnerns" zu bezeichnen, ist unverfroren. Die betreffenden Stadträte, allen voran der Oberbürgermeister, sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie kein Meinungsmonopol besitzen. Ich bitte die Verantwortlichen eindringlich, dem Eindruck, München sei wieder die Stadt einer ganz eigenen, merkwürdigen Bewegung, entgegenzutreten - und die Stolpersteine auch in München zu realisieren.

Dr. Martin Ruch, Offenburg

Mit welchem Recht maßen sich eigentlich Stadtrat und Israelitische Kultusgemeinde an, über die Gefühle von allen Opfern des Nationalsozialismus und ihrer Nachfahren - also auch solcher, die der Kultusgemeinde entweder nicht angehören oder deren Auffassung nicht teilen - verbindlich zu entscheiden? Für mich ist die Entscheidung des Stadtrats (der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung") ein Ausdruck von Spießertum. In zahlreichen Städten konnten die sinnvollen "Stolpersteine" verlegt werden, ohne dass es dort Probleme gab - und ausgerechnet in München werden sie, noch dazu in stilloser Weise, "entfernt". Der Stadtrat sollte noch einmal in sich gehen und eine "salomonische" Entscheidung dahingehend treffen, dass die Nachfahren der Opfer jeweils für sich entscheiden, in welcher Weise ihrer umgebrachten Angehörigen gedacht werden soll.

Dr. Gerd Teerstegen, München

Süddeutsche Zeitung vom 22.. 06.2004


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