Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          

zurück

Auswahl
 Presse
Dokumente
Stolpersteine in München

Neue Züricher Zeitung vom 22.06.2004

Keine Stolpersteine für München

Kunstprojekt als Mahnmal für den Holocaust

slz. München, 21. Juni

Hamburg und Berlin haben gleich mehrere hundert, auch Neuruppin, Schwalmstadt und Brühl sowie ungefähr dreissig andere deutsche Städte besitzen einige ganz spezielle «Stolpersteine» - doch München will sie nicht. Und wollte sie schon vor einem Jahr nicht, jene kleinen Messingplättchen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, auf denen die Namen von deportierten und später ermordeten Juden eingraviert sind. Verlegt werden die Stolpersteine immer direkt ins Trottoir vor dem Haus, in dem die Person früher gewohnt hatte, als Mahnmal für den Holocaust. Das grausame Schicksal der Deportierten will Demnig sichtbar machen im Alltag für uns heute, die wir beim Einkaufen, Flanieren oder auf dem eiligen Nachhauseweg mit den Augen oder Füßen über das Plättchen stolpern und so an die unfassbare Katastrophe erinnert werden sollen.

Messingplättchen im Trottoir

Doch der Ort dieses Mahnmals, der Bürgersteig, ist der Stein des Anstosses, warum München keine Stolpersteine will. Die hiesige Israelitische Kultusgemeinde (IKG) lehnte von Beginn an diese Art des Mahnmals ab, weil für sie der Gedanke unerträglich war, dass heute, Jahrzehnte nach dem Morden, Neonazis mit ihren Springerstiefeln über die Messingplättchen trampeln und so erneut Juden beleidigen könnten. Auch dass normale Menschen den Schmutz ihrer Schuhe unabsichtlich an den Namen ermordeter Juden abstreifen könnten, war für die IKG München ein Grund, die Demnig'schen Stolpersteine abzulehnen. Und ihr hatte sich bereits vor einem Jahr der Ältestenrat des Münchner Stadtrats angeschlossen, ebenso wie die städtischen SPD, CSU und FDP. So erteilte die Stadt München Demnig damals eine Absage, wie bereits Kassel und Leipzig vor einigen Jahren - aber ganz im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Städten. Insgesamt hat Demnig schon über 3500 seiner Messingplättchen verlegt, und sogar in Paris will er demnächst Stolpersteine für französische Widerstandskämpfer ins Trottoir einlassen.

Aber Entscheide von Behörden anderer Städte sind für München überhaupt kein Grund für Zustimmung. Oberbürgermeister Christian Ude begründete kürzlich seine Ablehnung mit verschiedenen Argumenten. Zum einen sei die Auswahl der namentlich zu nennenden Opfer ein grosses Problem, denn schliesslich seien aus München 4500 Juden deportiert und umgebracht worden. Wer sollte mit einem Stolperstein gewürdigt werden, und wer sollte darüber entscheiden? Ausser-dem habe München schon zweimal harsche Kritik über sich ergehen lassen müssen, weil man die Gedenktafeln für den ersten Ministerpräsidenten Bayerns, den Juden Kurt Eisner, sowie für die beim Marsch der Nazis auf die Feldherrenhalle 1923 ermordeten Polizisten in den Bürgersteig habe einlassen müssen. Damals sei dies im In- und Ausland als unwürdiger Ort kritisiert worden. Zudem hat für Ude die Ablehnung der IKG Vorrang. Da Ude sich in seiner zehnjährigen Amtszeit immer wieder für das Erinnern an den Holocaust und für Wiedergutmachung und Versöhnung eingesetzt hat, kann man ihm auf keinen Fall eine grundsätzliche Ablehnung von Holocaust-Mahnmalen oder Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern vorwerfen.

Zweimalige Ablehnung

Doch Demnig hatte sich 2003 mit der ersten Absage nicht abfinden wollen, und er verlegte vor einigen Wochen zusammen mit einer Schülergruppe in der Mauerkircherstrasse östlich des Englischen Gartens zwei Stolpersteine zum Gedenken an das hier früher wohnhafte jüdische Ehepaar Paula und Siegfried Jordan. Darauf befasste sich der Stadtrat erneut mit Demnigs Mahnmalidee, doch auch diesmal wurde sie abgelehnt. Nur die Grünen unterstützten das Projekt, weil es eine qualitativ überzeugende und sehr persönliche Art des Erinnerns sei.

Kurz nach dem Entscheid des Stadtrats wurden übrigens die zwei bereits verlegten Stolpersteine von Bediensteten des Baureferats entfernt und auf dem jüdischen Friedhof in den Boden eingelassen, allerdings ohne dass der in England lebende Sohn des Ehepaars Jordan darüber vorab informiert worden wäre.

Neue Züricher Zeitung vom 22.06.2004

zurück