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Stolpersteine in München

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Süddeutsche Zeitung vom 18.06.2004

"Stolpersteine" sind ausgebaut

Baureferat entfernt Gedenktafeln nach Stadtratsvotum

Mauerkircherstraße 13: Ein heller Fleck erinnert daran, dass im Pflaster zwei Messingtafeln eingelassen waren zur Erinnerung an die jüdischen NS-Opfer Paula und Fritz Jordan. Die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig sind am frühen Mittwochabend entfernt worden, unverzüglich nach dem ablehnenden Stadtrats-Votum. Jürgen Marek, Sprecher des Baureferats, sagte gestern: "Uns war klar, wie die Debatte ausgehen würde. Es stand nichts auf der Kippe. Wir haben den Beschluss abgewartet und die Steine ausgebaut." Sie seien auf dem jüdischen Friedhofs "in würdevoller Weise" in den Boden gelassen worden. Demnig hatte die beiden Gedenksteine ohne Genehmigung verlegt.

Marian Offman, CSU-Stadtrat und Vorstands-mitglied der israelitischen Kultusgemeinde, war überrascht vom raschen Vollzug. Ihm sei weder bekannt gewesen, dass die Steine bereits entfernt, noch, wo sie hingebracht wurden. Allerdings habe, teilte Offman später mit, Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG,

"von dem Beschluss gewusst und ihm zugestimmt." Die Kultusgemeinde lehnt Demnigs Projekt ab.

Peter Jordan, Holocaust-Überlebender und Sohn der Ermordeten, ist nicht informiert worden, dass der Gedenkstein für seine Eltern entfernt wird. Man habe nicht gewusst, wie er zu erreichen sei, sagte Offman. Jordan lebt seit der Emigration in England und wurde von seiner Cousine Ursula Gebhardt, die in München wohnt, informiert. "Es ist entsetzlich. Ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll", sagte Ursula Gebhardt. Jordan, der zur Verlegung der Steine nach München gereist war, ist erschüttert. "Warum konnten sie diese Tafeln für meine Eltern nicht einfach lassen?" Sie hätten ihm erstmals das Gefühl gegeben, wieder in München daheim zu sein. In einem Brief an Charlotte Knobloch habe er vor der Verlegung versucht, sich mit der Kultusgemeinde zu einigen, aber keine Antwort erhalten. "Ich wünsche nicht, dass die Tafeln auf dem Friedhof bleiben. Ich möchte sie bei mir haben", sagt er.

Anne Goebel

Kommentar

Falsches Nein

Die Entscheidung des Münchner Stadtrats, die "Stolpersteine" abzulehnen, ist verständlich, aber falsch. Sie ist verständlich, weil es gute Gründe gibt, sich nicht mit den Funktionären der israelitischen Kultusgemeinde anzulegen. Erstens sind diese in ihr Amt demokratisch gewählt. Zweitens ist nachvollziehbar, dass die Stadt angesichts des großen Bauvorhabens am St. Jakobsplatz gerne Einigkeit mit denen zeigt, die dort einen neuen kulturell-religiösen Mittelpunkt bekommen. Falsch ist die Entscheidung aber aus historischer Sicht. Mit den Steinen soll der ermordeten Insassen der KZs gedacht werden. Dort aber wurden nicht nur konservative Juden umgebracht, sondern viele Menschen, die ins Juden-Schema der Nazis passten. Angehörige sehen, das zeigen zahllose Reaktionen auf "Stolpersteine" in anderen Städten, in diesen Kunstwerken ein angemessenes "memento mori". Dass nur wenige Stunden, nachdem der Stadtrat seinen Beschluss gefasst hat, die illegalen Münchner Steine bereits entfernt waren, ist Indiz dafür, wie wenig Gefühl die Verantwortlichen bei diesem Prozedere zeigten. Hauptsache, es gibt keinen Ärger.

Karl Forster

Süddeutsche Zeitung vom 18.06.2004

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