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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 17.06.2004

"Ein falscher Weg des Erinnerns"

Stadtrat lehnt "Stolpersteine" zum Gedenken an den Holocaust ab
illegal verlegte Tafeln sollen entfernt werden

Von Anne Goebel

Der Stadtrat hat gestern mit großer Mehrheit die "Stolpersteine" für München abgelehnt. Der Antrag, die Gedenkplatten für NS-Opfer "nicht zu realisieren und keinen öffentlichen Straßengrund zur Verfügung zu stellen", wurde von Oberbürgermeister Christian Ude sowie den Fraktionen von SPD, CSU und FDP angenommen. Dagegen stimmten sieben Mitglieder von Grüne/Rosa Liste, darunter Fraktionschef Siegfried Benker, und Brigitte Wolf von der PDS. Der Beschluss werde nach Worten von Ude als "Richtschnur" dienen im Umgang mit den bereits vorhandenen Steinen, die der Künstler Gunter Demnig ohne Genehmigung in der Mauerkircherstraße verlegt hat. Die Tafeln zum Gedenken an ein jüdisches Ehepaar, das dort aus seiner Wohnung deportiert wurde, müssten demnach entfernt werden.

Gewichtiges Argument der Gegner war die ablehnende Haltung der Israelitischen Kultusgemeinde. OB Ude sagte, er halte Demnigs Konzept für eine "kreative, nachdenkenswerte Idee", könne aber die Argumente der Befürworter nicht teilen. Er befürchte eine "Banalisierung des Gedenkens" durch die Stolpersteine und bezweifle, dass weite Teile der Münchner Bevölkerung das Projekt überzeugend finden. Der Beschluss der Kultusgemeinde müsse respektiert werden. Für die SPD-Fraktion sagte Michael Leonhart, dies könne zwar eine "bewegende Form des Gedenkens" sein, wecke aber unter jüdischen Bürgern auch "Ängste, über die sich der Stadtrat nicht hinwegsetzen darf". Leonhart befürchtet ein "Zwei-Klassen-Gedenken", da die Tafeln über Paten finanziert würden, was zur fragwürdigen "Auswahl" aus den 4500 Münchner jüdischen Holocaust-Opfern führe. In den Städten, wo das Projekt auf Resonanz stoße, gebe es dafür "ehrenwerte Gründe". Man müsse aber Mut zu einem "Münchner Weg" haben.

Die Bedenken der Israelitischen Kultusgemeinde machte Marian Offman deutlich, CSU-Stadtrat und Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. Für Vorstand und zahlreiche Mitglieder sei der Gedanke unerträglich, "dass Neonazis den Schmutz ihrer Springerstiefel an den Stolpersteinen abwischen". Es seien zwölf der rund 3600 von Demnig deutschlandweit verlegten Tafeln geschändet worden. Offman dankte der Stadt für bereits geleistete Erinnerungsarbeit und für das geplante jüdische Zentrum als Stätte der Begegnung. Die Stolpersteine seien der falsche Weg des Erinnerns, da sie sich "im Straßenschmutz" befänden und allenfalls ein "flüchtiges Gedenken" ermöglichten. Siegfried Benker (Grüne) nannte die Ablehnung der Kultusgemeinde einen für die Debatte "wichtigen Beschluss", erinnerte aber an Zustimmung für das Projekt, etwa durch die liberale jüdische Gemeinde Münchens oder den Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer. Überzeugend sei das Interesse junger Menschen an dem Projekt, die sich so mit der NS-Zeit auseinander setzten.

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 17.06.2004

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