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Stolpersteine in München

Bayerischer Rundfunk, 17.06.2004

Kommentar: Stolpersteine

Über Geschmack kann man nicht streiten, so lautet ein kluges römisches Sprichwort. Jeder Mensch erlebt die Welt anders und er hat auch ein Recht darauf. Das gilt auch für die Stolpersteine. So ist es ganz natürlich, dass manche Menschen begeistert von der Idee sind, mit kleinen Messingtafeln an NS-Opfer zu erinnern dort wo sie gewohnt haben. Und ebenso natürlich ist es, dass manche Menschen es unpassend finden, die Namen von NS-Opfern in den Straßenschmutz zu legen.

Wie so oft gibt es Argumente dafür und dagegen, und jeder darf seine Meinung haben.

Meine Meinung ist: Der Stadtrat hat gestern eine törichte und taktlose Entscheidung ohne Augenmaß getroffen. Eine Entscheidung, die auch Münchens Ruf als liberale Stadt in der Welt gefährdet. Denn in meinen Augen halten die Argumente der Stadt einer näheren Betrachtung nicht stand.

Nächstes Argument: Die Gegner glauben, dass die Stolpersteine den NS-Terror verharmlosen, weil für 4500 jüdische Opfer möglicherweise nur ein paar Dutzend Erinnerungs-Steine gelegt werden.

Ich halte dagegen: In Berlin haben über 50 tausend Juden den Holocaust nicht überlebt, also mehr als 10 Mal soviel wie in München, Berlin hat sich trotzdem für die Erinnerungs-Aktion entschieden. Inzwischen liegen dort 600 Steine und ständig werden es mehr. Jeder von ihnen erinnert nicht nur an ein ein persönliches Schicksal, sondern steht für viele Opfer.

Nächstes Argument: Es könnten Neonazis ihre Springerstiefel an den Steinen abwischen oder sie gar zerstören.

Ich halte dagegen: Es sind von den insgesamt 3500 Steinen nur gut ein Dutzend geschändet worden - der Künstler hat sie alle wieder ersetzt - und zweitens müsste man dann alle jüdischen Friedhöfe schließen, alle Gedenktafeln abhängen und dürfte auch das geplante Jüdische Zentrum am Jakobsplatz nicht eröffnen. Denn dass Ewiggestrige ihren verbohrten Antisemitismus in Taten umsetzen, ist leider ein Faktum. Das darf aber die Gesellschaft nicht daran hindern, für Erinnerung und ein liberales Miteinander einzutreten.

Nächstes Argument: Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde hat sich einstimmig gegen die Stolpersteine ausgesprochen. Vorstandsmitglied und CSU-Stadtrat Marian Offmann sagte gestern im Stadtrat, er fände es unerträglich, wenn die Namen seiner jüdischen Großeltern in den Straßendreck gemeißelt würden.

Ich halte dagegen: Erstens braucht Offman keine Steine für seine Großeltern zu setzen und zweitens stelle ich mir die Frage, ob die Israelitische Kultusgemeinde für alle Münchner NS-Opfer sprechen kann. Die Nazis haben schließlich nicht nur Juden ermordet, die ihren Glauben praktizierten und Mitglieder der Kultus-Gemeinde waren, sondern auch nicht-gläubige Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, Widerstandskämpfer oder schwerbehinderte Menschen. Selbst die Münchner Juden sind alles andere als einer Meinung. So sagte der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer wörtlich: "Wenn die Stolpersteine legal sind bin ich sofort dabei", die liberale jüdische Gemeinde Münchens hat auch kein Problem damit und viele nichtorganiserte Juden begrüßen die Stolperstein-Aktion ebenfalls. Bei allem Respekt vor den Gefühlen von Marian Offmann und anderen Gegnern der Stolpersteine: Ich bin der Meinung, weder die Stadt noch die Kultusgemeinde sollte es Überlebenden verwehren, an ihre Angehörigen in einer Form zu erinnern, die sie als würdig und längst überfällig empfinden. Wäre es nicht eine liberale Lösung gewesen, daß Stolpersteine nur dann gelegt werden dürfen, wenn die Angehörige dem zustimmen?

Die Stadt hat jetzt genau das gemacht, was sie eigentlich verhindern wollte. Sie hat die beiden Steine einfach rausgerissen und damit geschändet. Sie hat sich nicht darum gekümmert, ob es für den 80jährigen Sohn der beiden Opfer ein Schlag in die Magengrube ist, ob es für ihn möglicherweise so ist, als würde München seine Eltern symbolisch zum zweiten Mal deportieren. Er durfte nicht im Stadtrat seine Meinung vertreten wie Marian Offmann, und die Stadt hat ihn nicht einmal zartfühlend darauf vorbereitet, was mit den Steinen passiert. Das ist taktlos und wird keineswegs der Verantwortung gerecht, die München als ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" hat.

Ulrich Trebbin

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