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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 15.06.2004

Nun entscheidet der Stadtrat über die "Stolpersteine"

Sitzung des Ältestenrats bleibt ohne Ergebnis

Grüne unterstützen die Kunstgedenkaktion von Gunter Demnig

von Anne Goebel

Über die Verlegung von "Stolpersteinen" auf Münchner Gehwegen entscheidet morgen der Stadtrat. Der Ältestenrat, der gestern über die Gedenktafeln für NS-Opfer des Künstlers Gunter Demnig beriet, hat keine Empfehlung für die Beschlussfassung ausge-sprochen. "Es gab keine Festlegung. Aber die einmütige Meinung, dass sich die Stadt zu der Angelegenheit verhalten muss. Das wird in öffentlicher Sitzung geschehen", so Rathaus-Sprecher Stefan Hauf.

Demnigs "Stolpersteine" sind Messingtafeln, in die Namen von Opfern des Holocaust eingraviert und die in das Pflaster vor den Häusern eingelassen sind, aus denen die Menschen deportiert wurden. Deutschlandweit hat Demnig mehr als 3500 Steine in nahezu allen Großstädten verlegt. Für München hatte der Ältestenrat dem Projekt bereits vor einem Jahr eine Absage erteilt. Nachdem Demnig, unterstützt von einer Schüler-Gruppe des Luisengymnasiums, vor einem Monat zwei Steine ohne Genehmigung verlegt hatte, beriet der Ältestenrat auf Initiative von Grünen-Fraktionschef Siegfried Benker das Thema erneut.

Die Münchner Grünen unterstützen die "Stolpersteine". Man halte das Projekt für eine "qualitativ überzeugende, sehr persönliche Art des Erinnerns" und lasse das Argument des Oberbürgermeisters von einer "Inflationierung der Ge-denkstätten" nicht gelten, so Grünen-Chef Florian Roth. Benker kündigte an, man werde morgen einen längeren Diskussionsprozess anregen. "Es gibt ein starkes Interesse der Bürger. Und es sollte eine öffentliche Veranstaltung geben, auf der das Für und Wider diskutiert wird." Gebe es dafür im Stadtrat keine Mehrheit, werden die Grünen sich "ten-denziell für die Verlegung aussprechen". Die Grünen nähmen die Argumente der Gegner ernst - die jüdische Gemeinde betrachtet die am Boden befindlichen Steine als Entwürdigung der Opfer -, aber: "Hier geht es um individuelles Erinnern. Die Stimme der Kultusgemeinde hat für uns sehr großes Gewicht. Doch sie sollte kein völliges Hindernis sein für die jüdischen Bürger, die sich die Steine wünschen."

Die CSU bleibt bei ihrer ablehnenden Haltung. Richard Quaas: "Man sollte das nicht genehmigen. Es geht um die Würde der Opfer." Die Akzeptanz des Projekts in anderen Städten habe "keine Vorbildwirkung" . Für die SPD sagte Michael Leonhart, man bleibe bei der 2003 vom Ältestenrat beschlossenen Ablehnung. "Es sind die Bedenken der israelitischen Kultusgemeinde, die wir ernst nehmen." Es gebe keine Pläne, was mit den verlegten Steinen geschehen solle. Gunter Demnig zeigte sich enttäuscht von München. "Ich hätte mir gewünscht, die Möglichkeit zu bekommen, mein Projekt zu erklären. Ich bin nie gefragt worden."

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 15.06.2004

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