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Stolpersteine in München

Neue Diskussion über die "Stolpersteine"

Heute berät der Ältestenrat über eine Kunstaktion, die an NS-Opfer erinnert

von Anne Goebel




Die Diskussion um die "Stolpersteine" geht in eine neue Runde. Rathauspolitiker haben ihre ablehnende Haltung offenbar noch einmal überdacht. Heute stimmt der Ältestenrat erneut über das deutschlandweit erfolgreiche Kunst-Projekt ab. Die Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln im Straßenpflaster vor Wohnhäusern, aus denen Opfer des NS-Terrors deportiert wurden.

Die ersten "Stolpersteine" in München hat der Kölner Künstler Gunter Demnig bereits vor drei Wochen in Bo-genhausen verlegt. Eine Schüler-Initiative des Luisengymnasiums hatte das Schicksal des jüdischen Ehepaars Siegfried und Paula Jordan erforscht, das von den Nazis aus dem Haus in der Mau-erkircherstraße 13 verschleppt und in den Tod geschickt wurde, und Geld für eine "Stolperstein"-Patenschaft gesammelt. Die Verlegung erfolgte ohne behördliche Genehmigung. Ausdrücklich gewünscht war sie von Peter Jordan, dem aus England angereisten Sohn des ermordeten Ehepaars. Inzwischen gibt es zahlreiche Anfragen von Bürgern sowie Überlebenden, die sich Gedenktafeln für ihre getöteten Familienmitglieder wünschen.

Der erste Anlauf, das in so gut wie allen deutschen Großstädten seit einigen Jahren erfolgreiche Projekt in München zu etablieren, scheiterte im Juni vergangenen Jahres am abschlägigen Beschluss des Ältestenrats. Negativ beurteilt auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, diese Form des Gedenkens. Wiederholt bezeichnete Knobloch es als "unerträglich", die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen "herumgetreten" werde. Im Gespräch mit der SZ bekräftigte sie ihre Haltung. Sie gehe zwar davon aus, dass die kleinen Messing-Gedenktafeln "gut gemeint" seien und billige "jedem zu, dazu eine andere Meinung zu haben als ich". In ihren Augen aber werde das Gedenken an die Opfer auf diese Weise "geschändet und beschmutzt". Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, befürwortet dagegen das Projekt. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel bezeichnete Demnigs Steine in einem Brief an den Künstler als "wonderful project", als wunderbares Projekt.

Oberbürgermeister Christian Ude begründet seine Ablehnung mit der Befürchtung einer "Inflationierung der Gedenkstätten". Er verweist außerdem auf das geplante Jüdische Museum und bestehende Formen der "Erinnerungsarbeit", etwa "die alljährliche Gedenkfeier für die Opfer der Reichspogromnacht oder die alljährliche Feier im Konzentrationslager Dachau". Die Grünen unterstützen die Stolpersteine, der Vorsitzende Florian Roth lobt den "exzeptionellen Charakter dieser Gedenkform". Gunter Demnig sagte im Gespräch mit der SZ: "Feierlichkeiten zu Jahrestagen oder ein Museum kann man besuchen - oder auch nicht." Er aber bringe das Erinnern "genau da hin, wo die Ausgrenzung begonnen hat -am letzten Wohnort der Opfer".

Bisher hat Demnig mehr als 3500 der zehn mal zehn Zentimeter großen Tafeln in 34 Städten verlegt. Aus München erreichten ihn und den Koordinator des Projekts, Peter Hess, stets neue Anfragen. Demnig nannte es "undemokratisch", sollte die Stadtspitze in München trotz des Interesses von Bürgern und Angehörigen bei ihrer Ablehnung bleiben. Stefan Palm, Pressesprecher der Stadt Köln, sagte auf Anfrage, in Köln stießen die Steine auf große Resonanz. "So ein Projekt hängt von der Akzeptanz der Menschen ab. Und die Akzeptanz ist da."

In Freiburg hat sich der Stadtrat im November 2002 einstimmig für die Stolpersteine ausgesprochen. "Die Verwaltung befürwortet, auch auf dem Hintergrund der positiven Erfahrungen in anderen Städten, die Realisierung", heißt es in der Beschlussvorlage.

Matthias Reichelt von der "Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst" in Berlin hat Demnigs Arbeit bereits 1996 gemeinsam mit dem städtischen Kunstamt im Rahmen der Aktion "Künstler forschen nach Auschwitz" vorgestellt. An der Aktion waren auch Künstler wie Art Spie-gelman und die Münchnerin Beate Pas-sow beteiligt. Inzwischen wurden in Berlin zahllose Stolpersteine verlegt, die, so Reichelt, "die Menschen im Alltag abholen". Demnig führe bewusst "weg vom pompösen Gedenken". Auf breite Unterstützung stößt die Aktion auch in Hamburg. Der Erste Bürgermeister Öle von Beust (CDU) hat sich in einem Brief an Peter Hess für die Verlegung der Steine bedankt. "Ich betrachte die Initiative als eine beispielgebende Aktion, die uns daran erinnert, dass wir durch Duckmäuserei dem Terror den Weg geebnet haben."









In Berlin sind schon zahllose Stolpersteine verlegt, in München werden sie noch sehr skeptisch beurteilt. Foto: AP


Kommentar

Steine mit wichtiger Botschaft

Von Anne Goebel

Wenn sich der Ältestenrat heute erneut mit den Gedenk-Tafeln für Opfer des Nazi-Terrors befasst, so wird es nicht allein um die Frage gehen, was mit den bereits verlegten Steinen geschehen soll. Das Gremium hat sich auch damit auseinanderzusetzen, dass sich immer mehr Bürger die Stolpersteine für ihre Stadt wünschen.

Es sind Menschen, die einen persönlichen Beitrag leisten wollen, die Erinnerung an die Schreckensherrschaft wachzuhalten. Es sind Schüler, die sich weit über den Geschichtsunterricht hinaus engagieren und das Schicksal jüdischer Familien in München erforscht haben. Und es sind Angehörige der Ermordeten, denen die schlichten Messingtafeln viel bedeuten. Immer wieder kann man lesen, dass für viele Überlebende des Holocaust erst durch die Gedenksteine vor dem Haus, das sie in schlimmen Zeiten verlassen mussten, der Gedanke an einen Besuch, an eine Art Heimkehr in ihr einstiges Zuhause überhaupt erträglich wird. Das ist die tröstliche und sehr persönliche Botschaft von Gunter Demnigs Kunst. Wer sich von ihr nicht angesprochen fühlt, sollte denjenigen, die anders empfinden, den Zugang nicht verwehren.

Dass sich München mit Erinnerungsstätten und -feiern seiner Verantwortung für die Schrecken der NS-Vergangenheit stellt, hat der Oberbürgermeister zurecht betont. Wer der Stadtspitze das Gegenteil unterstellt, vergreift sich im Ton. Doch Gunter Demnigs künstlerische Arbeit will mehr als an eine abstrakte Vergangenheit erinnern. Jeder Stolperstein, den er im Straßenpflaster verlegt, drückt aus: Es passierte vor aller Augen. Was geschah, konnte geschehen, weil es Mitläufer gab, Duckmäuser, Denunzianten. In jeder Stadt, womöglich in jeder Straße. Das macht die Stolpersteine so verstörend. Und das macht sie so wichtig.

Anne Goebel

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