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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 26.05.2004

Die Stolpersteine - ein "Denk mal" im wahrsten Sinne

Leserzuschriften zu dem Artikel in der SZ vom 26. Mai über das Erinnerungsprojekt "Stolpersteine"
des Künstlers Gunter Demnig

Oberbürgermeister Ude ist ein intelligenter Mensch, und ich nehme seine Äußerung ernst, wenn ich mich frage, warum er im Zusammenhang mit den Stolpersteinen von einer "Inflation" der Gedenkstätten in München spricht, warum er einen Begriff aus der Wirtschaftssprache benutzt. Der übertragene Gebrauch des Begriffes drückt eine - wohl unbewusste - Haltung aus, die das Gut des Gedenkens gleichsetzt mit wirtschaftlichen Gütern. Auf Friedhöfen in Europa wird mit Familien- und Einzelgräbern der Toten und der gefallenen Soldaten individuell gedacht. Empfindet der Oberbürgermeister auch das als "inflationär"? Menschen in allen Kulturen haben das Recht auf eine individuelle Stätte für ihre Toten. Warum diffamiert OB Ude das Werk des Künstlers Gunter Demnig als "Inflation der Gedenkstätten"? Wo und wann beginnt "Inflation"? Wenn auf zwei kleinen Messingtafeln im Pflaster der Münchner Bürger Paula und Siegfried Jordan gedacht wird, die nach Kaunas deportiert und dort spurlos ermordet wurden?

Ein Friedhof für die im Dritten Reich Ermordeten kann nur im Kopf und in der Seele der Nachgeborenen entstehen. Wer vor Demnigs "Stolpersteinen" steht, begreift, dass der Mord an Millionen Menschen lange vor ihrer physischen Liquidierung in den KZs stattfand. Ausgegrenzt, der Menschenwürde beraubt, einem Mangel an Mitgefühl in der Gesellschaft ausgeliefert zu sein und aus dem Haus gejagt zu werden - das war der Tod, den jedes Opfer individuell starb. Die zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln bezeichnen den Ort und den Namen eines Menschen, der hier den Tod erlebte, bevor man ihn als Nummer der industriellen Vernichtungsmaschine auslieferte und physisch liquidierte. Ist das "inflationär" in einer Zeit, in der wir täglich darüber informiert werden, wie dünnhäutig Zivilisation und wie verletzbar der Schutz der Menschenwürde ist?

Herr Oberbürgermeister, lesen Sie die Äußerungen von Peter Jordan, dem überlebenden Sohn von Paula und Siegfried in der Süddeutschen Zeitung vom 26.5. nach, und machen Sie mit Ihrer Familie einen Spaziergang durch die Mauerkircherstraße, stolpern Sie vor der Hausnummer 13 über den kleinen Friedhof für das Ehepaar Jordan, lassen Sie sich von ihm in seiner Schlichtheit beeindrucken und als Kunst im öffentlichen Raum erleuchten. Shalom.

Peter Weismann, München

Der Artikel hat mich sehr berührt, da meine Großmutter dort wohnte. Sie war Jüdin, und es ist ihr gelungen, sich zu verstecken und den Krieg zu überleben. Im selben Haus lebte auch ein Kammersänger an der Münchner Oper, seine Tochter kam mit dem Kindertransport nach England. Ich bin mit meinem Mann kürzlich extra in die Mauerkircherstraße geradelt, um mir die Messing-Platten im Pflaster anzusehen. Wir fanden beide, dass die kleinen Plaketten sehr unaufdringlich und geschmackvoll gemacht sind. Wir verstehen die negativen Reaktionen nicht. Diese Tafeln führen dazu, dass die Menschen sich erinnern - und dass sie Fragen stellen. Ich denke, das ist sehr wichtig. Ich bin dankbar für diese Initiative.

Joanna Woodman, Pullach


Es ist ja nicht so, dass sich die Stadt München nicht ihrer Vergangenheit stellen würde. Aber in der Stolpersteinfrage hat sich die Stadtspitze heillos verrannt und argumentiert auch reichlich unbeholfen. Wie wäre es, einmal darüber nachzudenken, ob die Stolpersteine nicht eine "Inflationierung der Gedenkstätten", sondern viel eher eine "Basisverbreiterung" des Gedenkens von durchschlagender, unmittelbar ans Herz greifender Wucht sind. Hier gibt's keinen Umweg über den Intellekt, keine Anonymität der großen Zahl; das ist unmittelbare, emotionale Kommunikation. Ich kenne kaum ein ergreifenderes Denkmal, als das für Kurt Eisner, auch wenn es täglich "mit Füßen getreten" wird. Aus Gesprächen weiß ich übrigens, dass längst nicht alle Gemeindemitglieder so denken wie ihre Vorsitzende Fernsehköchin. Damit es möglichst viele Stolpersteine in München gibt, kann mich das Ordnungsamt schon mal als potenziellen Übeltäter vormerken.

Prof. Klaus Fleischmann, Riederau

Für mich ist es unfassbar, dass man sich von offizieller Seite in München gegen die "Stolpersteine" wehrt und sie nicht dankbar von Gunter Demnig annimmt und ihn - auch im Sinne der vielen, die sie wollen - dabei unterstützt. Am unbegreiflichsten sind mir die Äußerungen von OB Ude und Frau Knobloch. Was soll das mit der "Inflationierung der Gedenkstätten" und der "Unerträglichkeit, die Namen von NS-Opfern auf dem Boden zu lesen", wo auf ihnen herumgetreten werde? Das ist doch Humbug - vielleicht machen die Herrschaften mal einen Besuch in Köln - der leiseste Vorwurf, der mir dazu einfällt, ist Ahnungslosigkeit! Hier in Köln und besonders da, wo ich lebe (in Ehrenfeld) gibt es viele dieser schlichten Messingplatten vor den Häusern, aus denen die Opfer verschleppt wurden, mit allen Daten, soweit vorhanden. Und das ist gut so: Man kann nachlesen, und sie gehören dazu - und was kann man heute für die Unglücklichen Besseres tun, als sie ins Alltagsleben einzubeziehen? Ich finde die Leistung von Gunter Demnig großartig, ich habe die größte Hochachtung vor ihm und bin ihm dankbar. Und so sollte es allen gehen!

Dr. Brigitte Althoff, Köln

"Stolpersteine" - eine wunderbare Notwendigkeit auch im Alltag, über die Fehler der Vergangenheit zu "stolpern", um sie so in der Gegenwart nicht zu vergessen und in Zukunft zu vermeiden. Leider aber brauchen manche immer wieder den "Pathos" des großen "Gedenkens", damit auch noch der Letzte mitkriegt, wie sehr sie sich doch ständig erinnern und gedenken. Dabei ist das lediglich über einen "Stein stolpern" und zum Nachdenken kurz innehalten allemal ehrlicher, als die leider oft scheinheiligen "Betroffenheitskundgebungen" an den zahlreichen "offiziellen Gedenkstätten" Die Stolpersteine sind ein "Denk mal" im wahrsten Sinne des Wortes!

Jean Louis Schlim, München

 

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Ich habe Oberbürgermeister Ude gewählt damit er mich als Bürger dieser Stadt vertritt. Und ich bin, wenn ich das einmal so sagen darf, stolz darauf, dass München so einen Bürgermeister hat. Dass er jedoch gegen die Stolpersteine ist, verstehe ich nicht. Wieviel Zeit hat man denn, im täglichen Erwerbsleben an Millionen Morde zu denken? Und in der Freizeit denkt man noch weniger gern daran. Die monumentalen Gedächtnisstätten und Gedächtnistermine, sie bringen es nicht. Platz der Opfer des Nationalsozialismus, Reichskristallnachtgedächtnis-veranstaltung - diese Art des Erinnems heißt: Termin wahrgenommen, Aufgabe erfüllt. Offizielles abgearbeitet - ich bin ja nicht schuld am Tod von Millionen. Ich bin jedoch verantwortlich: Mir gegenüber, meiner Stadt München, meinem Land, den Toten, ihren Angehörigen. Waren es denn in erster Linie Juden? Nein, es waren Mitmenschen. Bürger der Stadt. Deutsche. Europäer. Ich denke, daß die "Hauptstadt der Bewegung" sich der Idee der Stolpersteine nicht verschließen darf. Denn: "Die Erlösung heißt Erinnerung".

Gerd Bergmann, München

Als (in München aufgewachsener) Hamburger hat mich die Nachricht verblüfft und erschreckt, dass sich die Stadt München offenbar hartnäckig der Verlegung von "Stolpersteinen" durch Gunter Demnig widersetzt. Was auch immer dafür die wahren Gründe sein mögen: Vielleicht sollte sich Christian Ude (der kürzlich einen fulminanten Kabarett-Auftritt in einem Hamburger Theater gab) noch einmal etwas genauer in Hamburg umsehen und -hören. Einige Stadtteile Hamburgs sind inzwischen wahrlich mit "Stolpersteinen" bepflastert. Auch wenn sich anfangs manche Hausbewohner gegen die Verlegung von Steinen vor ihrem Grundstück sträubten: Die Aktion hat seit ihrem Beginn für viel Beachtung, viel Gesprächsstoff und insbesondere bei jüngeren Hamburgern zu Anstößen geführt, über die Verbrechen der Nazizeit anhand von konkreten Daten aus der unmittelbaren Nachbarschaft (erneut) nachzudenken. Schulklassen haben sich auf Spurensuche gemacht, Aufsätze geschrieben und wurden dafür mit Preisen bedacht. München blamiert sich mit seiner Ablehnung -bis auf die Knochen.

Dr. Matthias Wegner, Hamburg


Bei der Verlegung der ersten beiden Stolpersteine in der ehemaligen "Reichshauptstadt der Bewegung" war ich zugegen. Als ich beim Lesen der Namen Jordan auf den Stolpersteinen lesen musste, dass beide in Kaunas ermordet wurden, ist mir die Gedenktafel für die Toten von Kaunas in den Sinn gekommen - sie befindet sich im Neuen Rathaus. Besichtigung nur an Werktagen bis Büroschluss, an Sonn- und Feiertagen nie! Was die unverständliche Ablehnung der Stolpersteine betrifft, so stimmt mich die Jugend, vor allem die Schulklasse des Luisengymnasiums hoffnungsvoll. Dieses Engagement würde auch den Verantwortlichen der Stadt gut stehen. Im übrigen kann man mich schon mal als Täter vormerken lassen, weil ich von Herrn Demnig auch "Stolpersteine" verlegen lassen werde.

Werner Grube, Zeitzeuge, München

Ich empfehle dem Ältestenrat eine Ortsbegehung und hoffe auf eine Sensibilisierung zumindest so vieler Personen, dass ein anderes Mehrheitsverhältnis zustande kommt. Nicht nur eine Entfernung der Steine wäre peinlich, die Argumentation von Herrn Ude zur Begründung des Verbots ist es bereits. Er argumentiert unter anderem mit einem "NS-Dokumentationszentrum", das wir aber bis heute nicht haben, und spricht von einer "Inflationierung der Gedenkstätten". Ich finde das ziemlich zynisch den Opfern des "Dritten Reiches" und ihren Hinterbliebenen gegenüber.

Milena Finus, Herrsching

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