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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 26.05.2004

Unerwünschter Denkanstoß

Der Künstler Gunter Demnig verlegt in der Mauerkircherstraße "Stolpersteine" - gegen den Willen der Stadt

Von Anne Goebel

Peter Jordan steht jetzt ein wenig abseits und scheint innezuhalten. Ein kleiner, zierlicher Mann, dezent gekleidet, der so wirkt, als wolle er für ein paar Augenblicke allein sein. Jetzt, wo es still geworden ist, wo sich die Schulklasse verabschiedet hat und die Blumen am Boden schon welk werden von der Sonne. Peter Jordan wird später sagen, dieser Dienstag sei einer der wichtigsten Tage seines Lebens. In diesem Moment, als er auf die Hauswand vor sich blickt, verrät sein Gesicht davon nichts. Er sieht in sich gekehrt aus, vielleicht, weil Herr Jordan aus Manchester stumme Zwiesprache hält mit seinen Eltern. Ihre Existenz als Menschen endete vor mehr als sechzig Jahren an dieser Stelle, danach war ihr Leben nichts mehr wert in den Augen der Nazis, die sie schließlich umbrachten. Ihre Geschichte, die Geschichte des jüdischen Ehepaars Fritz und Paula Jordan, soll nie vergessen werden. Deshalb ist Peter Jordan heute hier.

Rückblende, die Mauerkircherstraße in Bogenhausen am frühen Vormittag. Eine Gruppe Menschen hat sich vor dem Haus Nummer 13 versammelt. Prominente Bewohner, erzählt man sich, gebe es in dem villenartigen Anwesen. Um den Moderator, um den Ex-Boss aus der Musikbranche soll es aber nicht gehen an diesem Tag. Sondern um den Mann, der am Boden kniet in schmutziger Arbeitshose und mit Lederhut auf dem Kopf. Gunter Demnig bei der Arbeit. Der Künstler aus Köln hantiert mit Hämmern und Maurerwerkzeug, er verlegt "Stolpersteine". So nennt er die Erinnerungs-Platten aus Messing, die er vor Häusern in das Trottoir einlässt, wo Menschen Opfer der Nazis wurden. In Straßen, aus denen Juden, Homosexuelle, Sinti, Roma in den Tod geschickt wurden. In den Stein ist der Name des Opfers eingraviert, der Geburtstag, das Datum der Ermordung. Demnig gießt jetzt Wasser über die verfugten Platten und poliert sie mit einem Tuch. Der Applaus der Umstehenden kommt verhalten. Peter Jordan legt zwei weiße Fliederblüten neben die goldglänzenden Quadrate. "Hier wohnte Paula Jordan, geb. Frank, Jg. 1889. Deportiert 1941. In Kaunas ermordet 25.11.1941." Und: "Hier wohnte Siegfried Fritz Jordan, Jg. 1889. Deportiert 1941. In Kaunas ermordet 25.11.1941."

"Stolpersteine" gibt es in so gut wie allen deutschen Großstädten und in vielen kleinen. Überall da, wo man sie haben will. In München will man sie nicht, zumindest nicht von offizieller Seite. Der Ältestenrat hat die Anfrage des Stolpersteine-Koordinators Peter Hess negativ beschieden. Oberbürgermeister Christian Ude hat Hess geschrieben, man wolle in München nichts verdrängen, aber auch keine "Inflationierung der Gedenkstätten". Weil Demnig bei der Vorstellung seines Projekts an der hiesigen VHS auf Interesse stieß, weil sich bei Hess Anfragen häuften von Menschen, die Patenschaften für Steine in München übernehmen wollen, auch von Überlebenden betroffener Familien - aus diesen Gründen hat sich Demnig entschieden, "exemplarische Steine" zu verlegen, ohne Genehmigung der Stadt. Die Aktion verläuft störungsfrei, und der Künstler hofft nun, dass die Platten an ihrem Platz bleiben. "Wenn die Stadt die Steine entfernen lassen würde, wäre das eine Peinlichkeit", findet Demnig - und betont, er wolle seine Aktion als neuerlichen "Denkanstoß für München" verstanden wissen, nicht als "konfrontativen Akt". Die Reaktion aus dem Rathaus wird am späten Nachmittag per Pressemitteilung kommen. Man bleibe bei seiner Haltung. Und: "Die heutige Verlegung zweier Stolpersteine ist von der Stadt nicht gebilligt worden. Es wird geprüft, welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollen." Peter Jordan steht inzwischen inmitten von Schülerinnen und Schülern des Luisengymnasiums und erzählt, dass er im dritten Stock des Hauses gewohnt habe. Ihm sei, anders als den Eltern, 1939 die Emigration nach London gelungen. Die 10. Klasse und ihr Lehrer Wunibald Heigl gehören zu den Unterstützern der beiden ersten Münchner Steine. Vor allem Anya Deubel und Lucia Hundt haben sich engagiert, Geld gesammelt und Kontakt mit Jordans Münchner Cousine Ursula Gebhardt aufgenommen, die auch gekommen ist. "Es ist gut, zu sehen, dass sich junge Menschen um die Stolpersteine kümmern", sagt Jordan und winkt Anya und Lucia zum Abschied nach. Die Ablehnung der jüdischen Gemeinde München enttäusche ihn. Für deren Sprecherin Charlotte Knobloch ist der Gedanke "unerträglich", Opfer-Namen auf dem Boden zu lesen, wo man auf ihnen, sei es in böser Absicht oder zufällig, "herumtrete". Jordan wirkt nicht wie ein Mensch, der solche Gefühle einfach abtäte. Doch das Vorhandensein der Steine im Alltag ist es gerade, was ihn überzeugt. "Wenn nur ein paar Leute stehenbleiben, sich Gedanken machen, ist viel gewonnen." Und dann wäre da noch sein eigenes Gefühl. "Es wird nie wieder so sein, dass ich München als meine Heimat empfinden kann. Aber durch die Steine fühle ich mich zum ersten Mal wieder ein wenig daheim."

(Bayern 2 sendet heute um 18.30 Uhr die Sendung "Nahaufnahme" zum Thema, die Initiative "Stolpersteine München" ist erreichbar über die Faxnummer 1488 2558 89)

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 26.05.2004

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