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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 24.05.04

Nachgefragt
Was bezwecken Ihre Stolpersteine?



Die "Stolpersteine" zur Erinnerung an Opfer des NS-Regimes werden in so gut wie allen deutschen Großstädten vor den früheren Häusern der Deportierten verlegt. In München haben der Ältestenrat und OB Christian Ude die Zustimmung zu dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig verweigert. Das Interesse der Münchner an der Aktion besteht aber weiter. Ein Gespräch mit Demnigs Agenten Peter Hess.

SZ: Eine Gymnasialklasse hat sich beim OB für Ihr Projekt stark gemacht, es wurde die Interessengruppe "Stolpersteine München" gegründet - gibt es auch konkrete Patenschafts-Zusagen?

Peter Hess: Ja. Seit unsere Aktion, die in Städten wie Hamburg, Berlin und Frankfurt seit Jahren erfolgreich ist, auch in München bekannt wurde, melden sich immer wieder Interessenten bei mir. Ich habe feste Zusagen für mehr als 40 Steine und mindestens zehn weitere konkrete Anfragen. Aber ich habe leider keine Genehmigung der Stadt.

SZ: Der Oberbürgermeister verweist auf das geplante Jüdische Museum und bereits bestehende Gedenkstätten.

Hess: Richtig, aber das ist eine andere Sache. Die Stolpersteine sind eine sehr direkte Form der Erinnerung, auf die Passanten zufällig stoßen - und innehalten, ohne dass sie eine Gedenkstätte bewusst aufsuchen müssen. Das ist uns wichtig. Es entstehen Diskussionen zwischen den Menschen, das habe ich in Hamburg immer wieder erlebt. Jedes Gespräch, auch ein kontroverses, ist in unserem Sinne. Es fördert die Beschäftigung mit Geschichte. Und die Steine bringen größere Projekte in Gang.

SZ: Welche Projekte sind das?

Hess: In Hamburg hat man zum Beispiel mit der Aufarbeitung der Geschichte jüdischer Ärzte begonnen. Mich rief ein Mediziner an, der von den Steinen gehört hatte, und sagte: ,Wir haben angefangen, hier an der Klinik zu diskutieren, was mit Hamburgs jüdischen Ärzten geschah, wie viele es gab, ob sie überlebt haben. Können Sie uns helfen?' Wir haben begonnen zu recherchieren, inzwischen gibt es eine Magisterarbeit zu dem Thema. Und aus dem Kreis der Ärzte habe ich Patenschaften für die von den Nazis ermordeten Kollegen gewonnen. Dass die Steine so etwas bewegen können, ist ein großer Erfolg. Bewegend für mich persönlich war die Bekanntschaft mit einem nach Israel emigrierten Juden, der zuerst sagte, er wolle Deutschland nie wieder betreten. Dann kam er doch zur Verlegung eines Steins für seine Familie nach Hamburg. Und er zeigte seinen Söhnen die Stadt, in der er aufgewachsen ist.

SZ: In München gibt es Vorbehalte aus der jüdischen Gemeinde. Blockiert das Ihr Projekt?

Hess: Ich habe den Eindruck: Ja. Obwohl ich von jüdischen Bürgern Münchens Anfragen für Steine habe. Auch von einem Mann, der in die USA auswanderte. Er hat mir geschrieben und wünscht sich einen Stein für seine Familie, die aus München deportiert wurde. Ich würde diese Wünsche gerne erfüllen.

Interview: A. Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 24.05.04

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