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Stolpersteine in München

Kommentar

SZ Nr. 63 vom 16.03.2004

Geschichtsunterricht auf der Straße
Münchner Schülerinnen engagieren sich für das Projekt "Stolpersteine", das an Opfer des Holocaust erinnern will



Anya und Lucia wollen nicht zulassen, dass die Jordans vergessen werden. Siegfried Jordan und seine Frau Paula, die in der Mauerkircherstraße wohnten und in der Prinzregentenstraße 30 Jahre lang eine Kunstgalerie besaßen. Siegfried, den alle Fritz nannten, der die Berge liebte und das Skifahren, Paula, die es mehr mit Musik hatte und mit Literatur. "Sie waren verschieden, vielleicht waren sie gerade deshalb verheiratet", sagen Anya und Lucia. Am 20. November 1941 wurde das jüdische Ehepaar deportiert und fünf Tage später im litauischen Kaunas erschossen. Das Schicksal der Jordans ist den Schülerinnen Anya Deubel und Lucia Hundt in Gestalt von Ursula Gebhardt begegnet. Sie ist die Nichte der Ermordeten, sie hat den Holocaust als Halbjüdin überlebt. Und sie hat den Mädchen ihre Familiengeschichte erzählt. Diese Geschichte, finden Anya und Lucia, sollen alle Münchner erfahren. Zumindest die, die an der Mauerkircherstraße Nummer 13 vorübergehen. "Hier wohnten Fritz und Paula Jordan. Ermordet am 25.11.1941 in Kaunas", soll auf dem Pflaster zu lesen sein.

"Diese Weise des Erinnerns ist sehr konkret. Sie berührt uns ", sagen die Schülerinnen Lucia Hundt) und Anya Deubel. Sie wünschen sich, dass auch in München Stolpersteine möglich werden.

"Stolpersteine" heißt die Straßenkunst-Aktion von Gunter Demnig, mit der der Kölner an alle, nicht nur die jüdischen Opfer des Naziterrors erinnert. Die im Bürgersteig verlegten Messingplatten mit Namen und Daten der Deportierten gibt es mittlerweile in allen deutschen Großstädten, insgesamt sind es mehr als 3000. Finanziert werden sie über Paten, den Kommunen entstehen keine Kosten. Dass München bisher die Ausnahme bildet, dass der Ältestenrat Demnigs Antrag abgelehnt hat, stößt auf Widerstand in der Stadt. Bei einer Informationsveranstaltung vor sechs Wochen haben sich Besucher spontan zu Patenschaften bereit erklärt. Und Lucia, 17, und Anya, 16, kämpfen um den Stein für die Jordans. Die Mädchen besuchen die 11. Klasse am Luisengymnasium und haben Menschen für die Idee der Erinne-rungs-Platten begeistert: Mitschüler, Lehrer, Eltern, Freunde. 350 Unterschriften haben sie gesammelt und 190 Euro für die Steine in der Mauerkircherstraße. Beides wollen sie heute Oberbürgermeister Christian Ude überreichen. Die Schülerinnen verstehen das als Beitrag ihrer "Arbeitsgruppe Stolpersteine" zur gerade laufenden "Woche gegen Rassismus". "Sehr geehrter Herr Ude", heißt es in ihrem Begleitbrief, "nach gründlicher Überlegung sind wir überzeugt von der Idee, durch Gedenksteine im Pflaster der Münchner Opfer des Holocaust zu gedenken. Daraus könnte ein Projekt für viele Jugendliche unserer Stadt entstehen." Natürlich wisse sie aus dem Unterricht Bescheid, was während der Nazizeit passierte, sagt Anya. Dass aus München fast 3000 Juden in den Tod geschickt wurden. "Aber was ich über die Jordans erfahren habe, ist konkret. Es berührt mich."

In einem Schreiben an Demnigs Agenten Peter Hess hat Ude seine und des Ältestenrats Ablehnung begründet. Er bezweifle, ob eine "Inflationierung der Gedenkstätten zu einer Ausweitung der Erinnerungsarbeit führt", heißt es darin. Ude verweist auf das geplante Jüdische Zentrum am Jakobsplatz und das künftige NS-Dokumentationszentrum: München sei sich seiner "historischen Verantwortung" bewusst. Für Hess geht es aber gerade darum, die Erinnerung "weg zu holen von den Gedenkstätten, von den Museen" und buchstäblich "auf die Straße zu bringen". Eine Idee, die offenbar viele Menschen anspricht. Florian Roth, Chef der Münchner Grünen, gehört ebenso zu den Unterstützern wie der Künstler Wolfram Kastner. Und immer wieder schicken Angehörige von Holocaust-Opfern Briefe an Peter Hess. "Nach der Steinsetzung in Hamburg für meine Eltern und Geschwister habe ich jetzt das Gefühl, endlich Ersatz für die mir unbekannten Begräbnisstätten meiner Familie gefunden zu haben", schreibt Schlomo Schwarzschild aus Haifa. Al Koppel aus den USA hat durch den Naziterror seine Mutter und vier Geschwister verloren. Ihr letzter Wohnort: München, Maximilianstraße 15. Koppel wünscht sich einen Stein für sie. Der Münchner Werner Grube würde gerne an Leopold Goldlust erinnern, Hausmeister der Synagoge an der Herzog-Max-Straße und eine Vaterfigur für ihn. Barbara Zeiller war als Kind mit Thea Heilbronner befreundet. Eines Tages sei sie heimgekommen, erzählt die alte Dame, und die Heilbronners waren verschwunden. "Ich wollte mich schon immer irgendwie um sie kümmern," sagt Barbara Zeiller. "Jetzt weiß ich, was ich tun kann."

Dass es vielen Menschen "ein Herzenswunsch ist, eine Patenschaft zu übernehmen", hat Hess auch Charlotte Knobloch geschrieben. Anders als der Stolpersteine-Unterstützer Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, hat sich die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München dagegen ausgesprochen. Sie könne die Vorstellung "nicht ertragen", dass man "mit Schuhen auf Namen von Opfern herumtrete". Anya Deubel und Lucia Hundt sagen, dass sie das Argument zwar verstehen. Andererseits: "Wenn jemand stehen bleibt, sich bückt, um den Stein zu lesen, ist das doch wie eine Verbeugung vor dem Opfer", finden sie. Auch die Angst, der Stein könne beschmiert oder beschädigt werden, dürfe nicht den Ausschlag geben. Das hieße, sich den braunen Kräften zu beugen. Für sie wäre der Stein in der Mauerkircherstraße ein Stück Verantwortung, sagt Anya. "Ich würde 'rüberfahren nach Bogenhausen und immer mal nachsehen: ,Wie sieht er aus, mein Stein?'"

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung Nr. 63 vom 16.03.04

Kommentar

Eine Sache des Gefühls

Emotionen sind eine Sache, Argumente eine andere. Emotionen sind nicht steuerbar, sie sind einfach da, man muss sie tolerieren. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, ist gegen das Projekt "Stolpersteine". Sie findet den Gedanken unerträglich, dass Passanten achtlos auf die Gedenksteine treten, auf denen die Namen von Holocaust-Opfern verzeichnet sind. Dies ist eine sehr emotionale Haltung, an der keine Kritik geübt werden soll und darf. Und doch wäre es falsch, wenn deshalb gute Argumente keine Chance haben dürften. Es spricht so viel für das Projekt des Kölner Künstlers Günter Demnig, dass alle Gegner noch einmal in Ruhe über ihre Meinung nachdenken sollten.

Die Wirkung dieser Steine ist schlichtweg überwältigend - das weiß jeder, der sie einmal erlebt hat. Man spaziert, in Freiburg vielleicht, durch eine Straße, blickt in Schaufenster, registriert die Passanten - und plötzlich blitzt im grauen Einerlei des Bürgersteigs eine kleine Messingplatte auf. Ein Name. Eine kurze Information: Wer in diesem Haus gewohnt hat, wann er deportiert wurde. Keine Anklagen, keine langen Worte. Man schaut auf, sieht sich das Haus an, den Eingang, die Fenster. Hier also war das. Genau hier ist es passiert. Der Alltag, das Getöse der Gegenwart hält für einen Moment den Atem an. Und in genau diesem Moment spürt man, dass diese unfassbaren Ereignisse kein Fall fürs Geschichtsbuch sind. Keine Untaten von fernen Nazi-Verbrechern mit anonymen Opfern. Hier war das. Dieser Mensch wurde umgebracht. Und der Kerl, der ihn abgeholt hat, war vielleicht sein Nachbar.

Auch das ist Emotion. Womöglich macht es gerade die ungeheure Kraft dieses Projekts aus: Nicht der Intellekt wird angesprochen, sondern das Gefühl. Kein "Memobuch" mit Opfer-Biographien muss in der Stadtbibliothek pflichtschuldig durchgeblättert werden - der Stolperstein ist nicht Pädagogik, er ist Kunst.

Die Schüler eines Münchner Gymnasiums haben Unterschriften für die Aktion gesammelt. Jugendliche, deren Großeltern die Nazi-Zeit miterlebt haben, finden es wichtig, die Erinnerung an die Verbrechen lebendig zu halten. In vielen deutschen Städten gibt es Patenschaften, um die "Stolpersteine" zu etablieren. Nur in München wird die Aktion abgelehnt.

Gegen diese Haltung sprechen viele Argumente. Und viele Emotionen.

Arno Makowsky

SZ Nr. 63 vom 16.03.2004

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