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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 03.02.2004

Stolpern und Nachdenken

Neue Diskussion um jüdische Erinnerungssteine

So schnell gibt Gunter Denmig nicht auf. Ein paar Monate ist es her, dass der Ältestenrat seine "Stolpersteine" ablehnte: Zehn mal zehn Zentimeter kleine Messingplatten mit Namen und Daten ehemaliger jüdischer Nachbarn. Einzementiert ins Pflaster vor Wohnhäusern, in denen die Opfer lebten, bevor sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Jeder Passant soll gedanklich darüber stolpern, aufmerksam werden, nachdenken. Oberbürgermeister Christian Ude sah das anders und befand, das Projekt leiste keine geeignete Erinnerungsarbeit. Inzwischen hat der Kölner Künstler aber Mitstreiter gefunden: die Volkshochschule etwa, die ihm am Montag in Bogenhausen die Gelegenheit gab, das Projekt erstmals vorzustellen. "Die Bürger müssen die Chance bekommen, sich eine Meinung zubilden", so Willibald Karl von der VHS. Das Publikum war begeistert: Schüler und Rentner, Geschichts-interessierte und Angehörige von Holocaust-Opfern wollen die "Stolpersteine" trotz politischer Widerstände nach München holen.

Die Auseinandersetzung soll aber sensibel geführt v/erden - immerhin werden Udes Bedenken, das Andenken der Opfer könne beschädigt werden, wenn Fußgänger achtlos auf die Gedenksteine treten, auch von der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Charlotte Knobloch, geteilt. "Jenseits des offiziellen Standpunkts ist die Meinung unter jüdischen Mitbürgern jedoch gespalten", sagte eine Anwohnerin, selbst Mitglied der Gemeinde. Demnig sind die Vorwürfe, die "Stolpersteine" würden den Opfern nicht gerecht, bekannt. Zwar hat er seit 1993 mehr als 3000 Steine in 30 Städten verlegt, doch war die anfängliche Skepsis überall die gleiche. Verstehen kann er die Kritik nicht. "Wer vor einem Stolperstein stehen bleibt und den Schriftzug liest, verbeugt sich automatisch vor dem Opfer." Von einer Demütigung könne keine Rede sein. Die angebliche Bedrohung durch Vandalismus lässt der 56-Jährige ebenso wenig gelten. Nur zehn Steine seien beschmiert worden - "kein Grund, sich im Vorfeld den rechtsextremen Kräften in dieser Gesellschaft zu beugen."

Wolfram Kastner, Initiator des Erinnerungs-Projekts "Auf einmal, da waren sie weg", stimmt ihm zu. Er erforscht mit Anwohnern das Schicksal jüdischer NS-Opfer in Bogenhausen. In Archiven fand er Namen, ehemalige Adressen, Todesdaten. Die Ergebnisse sollen im Herbst ausgestellt werden. "Mit den Stolpersteinen hätten wir die Möglichkeit, daraus ein dauerhaftes Gedenken zu machen", so Kastner.

Von Ernst Wolowicz, dem Chef des Stadtdirektoriums, gab es gestern nur eine kurze Stellungnahme zu Demnigs Bogenhausener Auftritt, wo bereits zehn Paten für Stolpersteine gewonnen wurden: "Bevor die Ablehnung beschlossen wurde, hat sich niemand in München für das Projekt interessiert. Jetzt wird plötzlich öffentlichkeits-wirksam protestiert." Unterstützung gibt es hingegen von den Grünen. Deren Chef Florian Roth sagte: "Dies ist eine Form der Erinnerung, die die Individuen aus der Anonymität holt und Bürger zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihrer Umgebung führt." Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland habe sich in Person von Salomon Korn positiv geäußert. Roth: "Wir können die Bedenken von. OB Ude hinsichtlich einer Inflationierung der Gedenkstätten nicht teilen. München hat nicht das Problem eines Zuviel an Erinnerungsarbeit."

Kathrin Schicht Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 03.02.2004

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