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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 07.06.2003

Der Erinnerer
"Stolpersteine": Gunter Demnigs Aktion für Nazi-Opfer

Von Anne Goebel

Maximilianstraße 9: Doris, Wilhelm und Eva Hirsch, deportiert am 20. November 1941. Ainmillerstraße 26: Adolf und Adele Durst mit den Kindern Fritz und Paul Richard, von einem Erschießungskommando umgebracht am 25. November 1941. Giselastraße 6: Die Schwestern Elsa Baibier und Karoline Adler, getötet im litauischen Kaunas. Lindwurm-Straße 125, Rgb.: Josef und Elisabeth Schäler, ermordet in Auschwitz, Josef Schachno, umgekommen in Theresienstadt, Hedwig Schachno, umgekommen in Auschwitz. "Morgen verlassen wir München, um nach Theresienstadt zu kommen", schreibt Josef Schachno vor der Deportation an seine Tochter. "Von unserer Wohngemeinschaft sind wir 14 Personen, die zusammen die Reise machen, und sind lauter nette Menschen." In den Jahren 1941 bis 1945 wurden 2991 Juden aus München deportiert. Nur wenige haben überlebt. An den Häusern, in denen sie zuletzt lebten, erinnert nichts an das Schicksal der ehemaligen Bewohner. Kein Hinweis an den Fassaden der Mietskasernen, der Bürgerhäuser oder Vorstadtvillen auf die Tragödien, die sich dort abspielten, vor sechzig Jahren und unter den Augen der Nachbarn. Gunter Demnig will das ändern. "Stolpersteine" heißt die Aktion des Kölner Künstlers, mit der er nicht nur an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden erinnert, sondern an alle Opfer des Hitlerregimes: Für politisch Verfolgte und Homosexuelle, für Euthanasieopfer, Sinti und Roma setzte und setzt der 58-Jährige Mahn-Zeichen. In Köln und Frankfurt, in Hamburg, Berlin, Freiburg. Und, sobald die Behörden zustimmen, demnächst in München. Demnigs "Stolpersteine", das sind kleine Betonquader, in die eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafel verankert ist. Mit Hammer und Schlagbuchstaben treibt Demnig Worte in das Metall. "Hier wohnte", darunter Vor- und Nachname, Todesort und -datum. Den Stein lässt er vor der letzten Wohnung des Opfers ins Pflaster ein. "Die Schrift", heißt es im Prospekt zu der Aktion, "bleibt unauslöschlich in das Metall geprägt". Furcht, im Wortsinne zu stolpern, braucht dabei keiner zu haben. "Die Blöcke werden plan verlegt", sagt der Künstler. Doch der Blick bleibt hängen, an den Namen, an den Orten der Vernichtungslager. Der Terror, sagen die Stolpersteine, begann hier, in dieser Straße, in diesem Haus. Seit 1997 senkt Gunter Demnig die Erinnerungs-Blöcke in Bürgersteige deutscher Städte, mehr als 2400 Exemplare sind es bisher. Am 2. März diesen Jahres ging der Brief an Christian Ude raus mit der Bitte, auch in München "Steine setzen" zu dürfen, wie Demnig das nennt. Drei Monate sind vergangen, die Sache ist noch nicht entschieden. Man habe erst einmal diverse Gutachten erstellen lassen, erklärt Stadtdirektorin Gertraud Loesewitz. "Das ist kein Vorhaben, das man an einem Tag entscheiden kann." Sollten alle Papiere rechtzeitig vorliegen, werde der Altestenrat in seiner Sitzung am 27. Juni Über die Anfrage beraten. Dabei könnten, so Loesewitz weiter, "die Weichen gestellt werden". Welche Haltung die bereits vorliegenden Gutachten vertreten, will sie nicht sagen. Immerhin: Im Frühjahr hatte man Demnig mitgeteilt, der OB habe sein Angebot "mit Interesse zur Kenntnis genommen". Es stünde München beileibe nicht schlecht an, neben der neuen Abteilung des Stadtmuseums, neben dem geplanten NS-Dokumentationszentrum sich für diese scheinbar unspektakuläre und sehr konkrete Form des Erinnerns zu entscheiden: In der Hauptstadt der Bewegung, so ist in Ernst Pipers Geschichte Münchens nachzulesen, wurden die zahllosen Erlasse, mit denen Juden seit 1938 im täglichen Alltag diskriminiert wurden, besonders gründlich umgesetzt.

Gunter Demnig, gebürtiger Berliner ("Meine Kunst war immer politisch") geht bei den "Stolpersteinen" bewusst den Weg über die offiziellen Stellen. Die Blöcke werden im öffentlichen Grund verlegt, "weil dann kein Hausbesitzer etwas dagegen haben kann". Denn nicht immer werden die Menschen gern erinnert. Zwar hat sich das Projekt erfolgreicher entwickelt, als er zu hoffen wagte. Am Anfang, sagt er, "war das nur so'n Traum von mir". Am Anfang waren es 250 Steine, inzwischen hat sich die Zahl beinah verzehnfacht, gepflastert wird in Metropolen, in Kleinstädten, sogar Dörfer fragen an. Aber es gibt auch Skepsis, und es gibt Ablehnung. Sie schlug ihm in Berlin entgegen, wo Demnig sich am Trottoir zu schaffen machte, als ein Passant rief, "dass mit dem Thema endlich Schluss sein muss". Anderswo sieht einer den Wert seiner Immobilie gemindert und wehrt sich per Anwalt gegen die Steine. Und es gibt die guten Geschichten. Von den Gesprächen, die sich auf dem Gehsteig zwischen wildfremden Menschen ergeben; von den Hausbewohnern, die plötzlich anfangen, die Historie ihrer Straße zu erforschen; von dem Mann, in dessen Familie es ein Euthanasieopfer gibt und dem das öffentliche Andenken daran nicht geheuer war. Eines Tages rief er bei Demnig an und sagte: "Ich will den Stein."

Die Stolpersteine werden über Paten finanziert - eine Patenschaft kostet 75 Euro - und gehen als Schenkung in den Besitz der Kommune ein. Keinerlei Kosten also für die Stadt, da Demnig die Verlegung selbst übernimmt. Für die Recherche über die Deportations-Opfer ist er auf die Hilfe örtlicher Archive oder Vereine angewiesen. Die Unterstützung, sagt er, sei ungeheuer groß. Gleichwohl ist ihm bewusst, dass er niemals an alle Opfer wird erinnern können. "Sechs Millionen, det schaffste nicht", habe ihm ein befreundeter Berliner Pfarrer gesagt. Aber Demnig bleibt dran. Das offiziöse Gedenken, die Erinnerungs-Monumente sind seine Sache nicht. Um die Gedenkstätte in Auschwitz, um das geplante Berliner Holocaust-Denkmal könne man einen Bogen machen. Die Stolpersteine sind einfach da. "Ich hole", sagt Demnig, "die Namen zurück".

Anne Goebel

Süddeutsche Zeitung vom 07.06.2003

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