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Stolpersteine in München

Süddeutsche Zeitung vom 10.11.01

Stolpersteine gegen das Vergessen
Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig und seine sehr persönliche Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus      von Stefan Lieser



Sechs Millionen. Sechs Millionen Opfer forderten Verfolgung, Deportation und in der Regel Ermordung von Juden, Behinderten, Homosexuellen, Sinti und Roma, politisch Andersdenkenden durch die Nationalsozialisten in Deutschland... Wenn der Mann, in Lederjacke, mit Westernhut, irgendwo in Deutschland mit dem Elektrobohrer an die Arbeit geht, denkt er an diese Zahl, die nicht vergessen werden soll. Zahl für Zahl, jedes einzelne Schicksal. Und Pflasterstein für Pflasterstein. "Stolpersteine" verlegt Gunter Demnig, Bildhauer und Maler in Köln, seit 1992 in die Bürgersteige deutscher Städte. Zehn mal zehn mal zehn Zentimeter groß, mit einer verankerten Messingplatte oben drauf, in die er eine Schrift gehämmert hat. "Hier wohnte Dr. Louise Straus-Ernst Jg. 1893 Deportiert 1944 Tod in Auschwitz." Zum Beispiel. "Hier wohnte Hans Abraham Ochs Jg. 1928 Tod am 30. 9. 1936 Erschlagen von Hitlerjugend." Zum Beispiel Stolpersteine vor dem Haus, in der Straße, in der diese Menschen, Opfer des Nationalsozialismus, lebten. Vorher. "Es sind Steine, die irritieren sollen" , sagt der 54-jährige gebürtige Berliner. 1100 Stück an 240 Adressen hat er seit 1997 allein in Köln verlegt. Mehrere hundert in Berlin. An Schulen in Erkelenz und Leverkusen arbeiten Schulklassen bei der Recherche für ihre Heimatstadt mit. Angefragt wurde beim Senat der Freien und Hansestadt Hamburg - wo sich nach der Kommunalwahl jetzt alles verzögert. Angefragt hat der Landtag von Rheinland-Pfalz - wo der Ältestenrat noch entscheiden muss, ob und wie viele solcher Gedenksteine im Pflaster zwischen Mainz und Trier verlegt werden sollen. Kontakt sind geknüpft nach Wien, Budapest, Mailand, Antwerpen und Amsterdam.

Sechs Millionen. Eine Sisyphusarbeit. "Ich werde das nicht zu Ende bringen, das ist mir klar", sagt Demnig. Warum hat er trotzdem angefangen? Zunächst sei es nur ein Konzept gewesen. In den Achtzigern, da hatte er zum Beispiel "Erinnerungsspuren auf Bändern oder Farbe verlegt". Spuren wie den "Ariadne-Faden" 1983 von der Kasseler documenta zur Biennale in Venedig. Damit kam er ins Guiness-Buch der Rekorde: "Das längste Kunstwerk!" Oder die "Metallspuren" 1990 zur Erinnerung an die Deportation von 1000 Sinti und Roma in Köln im Jahr 1940.

Spurensucher, Spurenverleger

Damals kam es zu einer für das "Stolperstein "-Vorhaben wichtigen Begegnung. Als er eine der Metallspuren in der Kölner Südstadt anbrachte, kam eine ältere Dame auf ihn zu: Es sei ja ganz gut, was er da mache, aber Zigeuner hätten hier nie gelebt. Die Frau irrte. "Offenbar aber haben viele Leute einfach nicht mehr gewusst oder verdrängt, wer einmal in ihrer Nachbarschaft gelebt hat."

Zur selben Zeit begann die Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Er sei skeptisch gewesen. Das Vorhaben sei ihm zu gewaltig und zu ausgrenzend, sagt Demnig. Er wollte ein kleines, dafür vielleicht umso nachdrücklicheres Symbol finden, eines direkt in der Lebenswirklichkeit der Zeitgenossen. Unübersehbar, aber nicht überwältigend. Ein Symbol für alle Opfer des Nationalsozialismus. Also für rund sechs Millionen Schicksale. "Ich hätte nicht angefangen. Da hat mir der damalige Pfarrer der Antoniterkirche hier in Köln Mut gemacht." Man könne auch klein anfangen, so der Pfarrer ganz lutherisch. Nur Mut, Mut gegen das Vergessen.

Die ersten Stolpersteine hat er dann einfach "schwarz" verlegt. Und da passierte, was in den folgenden Jahren immer häufiger geschieht: Passanten, Flaneure sehen die Stolpersteine. Der Südafrikaner Steve Robins zum Beispiel, der 1997 in Berlin zu Besuch ist. Zweck der Reise: Suche nach Spuren der jüdischen Verwandten, die zur Zeit der Nationalsozialisten in Berlin-Mitte lebten. Er bittet Martin Düspohl, den Leiter des Kreuzberg-Museums, Kontakt zu Demnig aufzunehmen. "Zwei Steine in die Oranienburger Straße! Das klappte. Und die Resonanz in der Öffentlichkeit war danach so groß, dass wir mittlerweile 200 Stolpersteine in ganz Kreuzberg verlegt haben." Auch der Beamte vom Tiefbauamt der Bezirksverwaltung, der diese "Mini-Schwarzbauten" sieht, bringt den Stein ins Rollen. "Da ist die Bezirksvertretung im Dreieck gesprungen, aber ich habe seitdem in Berlin nur noch legal verlegt", so Demnig im Rückblick.

Der Gang durch die Behörden ist mühsam. Das hat er musterhaft in Köln erlebt, von 1997 bis 2000. Kunstbeirat, Kulturausschuss, Bezirksverwaltungen, Tiefbauamt, Amt für Straßen- und Verkehrstechnik, Stadtplanungsamt, Haushaltsausschuss, Rat der Stadt. Der hat schließlich im Frühjahr vorigen Jahres - "bei einer Gegenstimme, das war ein Republikaner" – die Annahme der Schenkung "Stolpersteine" beschlossen, da ja nun einmal der Stadt auch keinerlei Kosten entstünden.

Daten in Messing

Seitdem hat es Demnig auch schriftlich, dass er "fachmännisch verlegt". Die kleinen Kunstwerk-Würfel gehen nach der Verlegung in den Besitz der jeweiligen Kommune über. Finanziert wird die Idee über Patenschaften zum Einheitspreis. Städte, Angehörige der Opfer, auch "ganz normale Bürger, die das unterstützen wollen", machen mit. Nur kaufen, besitzen kann die Stolpersteine keiner. Wer einen - "seinen"-Stolperstein kaufen will, hat die Idee nicht verstanden. Mit im Pauschalbetrag enthalten ist die Recherche in Archiven, Museen, in Zusammenarbeit mit Schulen oder Heimatforschern.

Mit Blick auf sein Skript, das die Angaben für die Stolpersteine enthält, treibt Demnig an der Werkbank in seinem Kölner Hinterhof-Atelier mit dem Hammer schwere Schlagbuchstaben aus Stahl in die Deckbleche aus Messing. Es ist eine einsame Arbeit. Und langsam entsteht eine Erinnerungsspur, ein Aufleuchten: "Da steht manchmal nur ein Name, vielleicht der Geburtsjahrgang, zwei Kinder, Auschwitz. Das ist alles. Mehr war nicht zu erfahren. Da kann man sich den Rest denken." Es mache ihn betroffen. Er müsse sich konzentrieren. Kein Fehlschlag. Mehr als ein Dutzend Messingplatten am Stück, das gehe nicht. Er brauche dann einfach eine Pause, Luft.

Gedenksteine, keine Grabsteine fertigt er an. Eingebracht an ihren Ort, an der ehemaligen Adresse der Verfolgten, werden sie den Zeitläufen, Wind und Wetter überlassen. "Entweder werden sie durch Betreten blank geputzt, oder sie laufen langsam einfach an." Jedenfalls bleiben sie, fest verankert. Dokumentiert per Foto. Martin Düspohl: "Was die Stolpersteine vom zentralen Mahnmal für den Holocaust unterscheidet, das natürlich seine Berechtigung hat, ist die sehr persönliche und individuelle Form des Erinnerns. Das ist eine Idee, die wirklich von unten wächst."

In Berlin hat die Organisation zur Betreuung der Angehörigen von ehemaligen Euthanasieopfern Hunderte von Namen für weitere Stolpersteine genannt. Werner Schäfke, Leiter des Kölnischen Stadtmuseums: "Die Stolpersteine sind eine Irritation. Sie stoßen uns immer wieder an, uns gegen die Verdrängung des Teils der Geschichte, der uns unangenehm ist, zu wehren."

Die Adressen werden Gunter Demnig nicht ausgehen. Adressen, die oft nur aus einem Namen, einem Vornamen, dem Geburtsjahr bestehen. Vielleicht noch das Wort: "Deportation" enthalten. Vielleicht aber auch schlägt er an dieser Stelle nur drei Fragezeichen in das Messingblech: "Wenn ich einfach nicht mehr weiß, außer dass sie deportiert worden sind. Dass sie umgebracht wurden, davon kann man in aller Regel ausgehen. Aber wann? Und wo?"

Stefan Lieser

Süddeutsche Zeitung vom 10.11.01

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