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Stolpersteine in München

Verlegung von elf „Stolpersteinen“ am 17. Mai 2009
in der Münchner Kyreinstraße 3

Worte der Begrüßung
von Judith Bernstein

Über die Menschen, die einmal hier in der Kyreinstraße gelebt haben, werden wir von Herrn Brux und Frau Dr. Zwingenberger noch einiges erfahren. Ich möchte kurz auf die Verbindung von damals und heute eingehen.

Ende April hatten mein Mann und ich die Gelegenheit, auf Einladung des Münchner Bundestagsabgeordneten Jerzy Montag mit einer Gruppe von Lesben, Schwulen und Transsexuellen nach Berlin zu fahren. Bei unseren Gesprächen mit den Diskriminierungsbeauftragten in den Ministerien ist mir bewusst geworden, wie diese Menschen, die auch in der Nazizeit verfolgt und deportiert wurden, noch heute trotz politischer Aufklärung und mancher Fortschritte im öffentlichen Bewusstsein diskriminiert werden, wenn es um Versorgungsansprüche, um die Versetzung als Beamte oder bei der Anstellung zum Beispiel in kirchlichen Einrichtungen geht. Im Schwulenmuseum am Berliner Mehringdamm wurde die Zahl dieser in der Nazizeit ermordeten Menschen auf etwa 10 000 geschätzt. Angesichts der Tatsache, dass sie als „abnorm veranlagt“ galten und daher häufig zu den Euthanasieopfern gehörten, dürfte ihre Zahl erheblich höher liegen.

Beim Thema „Euthanasie“ komme ich auf die gegenwärtig im Gasteig gezeigte Ausstellung über den Schriftsteller Joseph Roth. Er starb vor 70 Jahren – am 27. Mai 1939 – im Exil. Einigen von Ihnen dürfte bekannt sein, dass seine Frau Friedl Reichler an Schizophrenie litt. Sie wurde zunächst in der Nervenheilanstalt Westend bei Wien behandelt, bevor sie nach mehreren Stationen 1935 in das Landesklinikum Mauer bei Amstetten verlegt wurde, von wo sie schließlich 1940 Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms in der Nähe von Linz wurde. Menschen wie Friedl Roth sind heute so gut wie vergessen.

Unser heutiges Gedenken gilt jenen Opfern des Naziregimes, denen die Stadt München die Ehrung durch „Stolpersteine“ vor jenen Häusern auf öffentlichem Grund versagt, aus denen sie damals herausgerissen, deportiert und ermordet wurden: neben den Angehörigen der größten Opfergruppe, den Juden, auch Homosexuelle, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Behinderte im Zuge der „Euthanasie“ und die sogenannten Judenchristen, die zwischen alle Stühle geraten waren. Das Münchner Bestattungsamt verweigerte letzteren damals sogar die Einäscherung im Krematorium.

Doch damit nicht genug. Die jüngste Peinlichkeit ist die Verweigerung der Stadt München, auf dem Sinti-Roma-Platz an der Theresienwiese den Säulenkreis wieder aufzurichten, dessen Stelen der Witterung anheim gefallen sind.

Im Namen der „Initiative Stolpersteine für München“ danke ich den Mitgliedern der Initiative „Historische Lernorte Sendling“ wie Frau Dr. Meike Zwingenberger und Frau Gabi Duschel-Eckertsberger sehr dafür, dass sie die Vorbereitungen für diese Ehrung übernommen haben. Ich freue mich, dass Gunter Demnig heute bei uns ist und möchte Dir, lieber Gunter, zur Verleihung des Erich-Mühsam-Preises gratulieren. Mögen viele Bewohner des Stadtteils vor Deinen Messingplatten stehen bleiben – zur Erinnerung an die Vergangenheit und zum Lernen für Gegenwart und Zukunft.

Denn wer die Geschichte nicht kennt, gerät in die Gefahr, politisch blind zu werden. Wir können noch nicht ahnen, welche Auswirkungen die globale Finanz- und Wirtschaftskrise für uns alle hat. Aber wir wissen, dass in Zeiten schwerer Verwerfungen und Umbrüche die Menschen dazu tendieren, blind nach Sündenböcken zu suchen.

Aus gutem Grund unterscheidet das Grundgesetz nicht zwischen Inländern und Ausländern, sondern spricht allen Menschen in der Bundesrepublik das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zu.

Die kleinen Messingplatten von Gunter Demnig sollen daran hindern, dass uns die Vergangenheit in der einen oder anderen Weise begegnet – nicht als Wiederholung des Holocaust, aber durch die Verletzung der Menschenwürde und die Verweigerung von sozialen Rechten.


(Foto Karin Richert, Köln)