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Stolpersteine in München

Treffen der Stolperstein-Initiativen am 16. Mai 2009 in München

Unbequemlichkeiten der Erinnerung an den Nationalsozialismus in München von 1945 bis heute

Vortrag von Dr. Ulrike Grammbitter
Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

Zentraler Bestandteil der Staatsräson der 1949 gegründeten Bundesrepublik war die Fiktion einer Stunde Null, die einen Neubeginn ohne Blick zurück ermöglichen sollte. Doch die kollektive Verdrängung misslang, wofür hauptsächlich die Verbände der NS-Opfer, eine kritische Publizistik sowie engagierte Intellektuelle und Künstler sorgten. Spätestens im Zusammenhang mit dem Protest der 1968er-Generation kam es zu einer breiten Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“.

In München wurde schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit die fehlende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit kritisiert, aber es waren damals nur wenige Stimmen, die sich z. B. für eine zentrale Gedenkstätte in der Landeshauptstadt aussprachen.

So war es dann auch ein weiter Weg bis zur Umsetzung dieses Vorhabens, der immerhin mehr als 60 Jahre gedauert hat. Denn erst seit 2002 gibt es eine konkrete Planung für ein NS-Dokumentationszentrum in München.

Ernsthafte Versuche, ein breites Publikum über die Rolle Münchens in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuklären, wurden erst in den 90er Jahren unternommen. Dazu trugen zwei Ausstellungen im Stadtmuseum bei mit den Themen: „München, Hauptstadt der Bewegung“ und „Bauen im Nationalsozialismus. Bayern 1933–1945“ [1993/94] – sowie eine Ausstellung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte mit dem Titel „Bürokratie und Kult“ [1995/96], die sich mit dem am Königsplatz gelegenen ehemaligen Parteizentrum der NSDAP beschäftigte, in dem diese wissenschaftliche Einrichtung von 1947 bis heute ihren Sitz hat.

Der Erinnerung im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses kommt in der abendländischen Kultur eine überragende Bedeutung zu, nicht zuletzt aus politischen Gründen. Dies gilt heute in besonderem Maße für die Zeit des NS. Auch künftige Generationen, die diese Jahre weder aus eigener Anschauung noch durch Zeitzeugen vermittelt kennen, sollen sich ein möglichst genaues Bild von einem der düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte machen können. Insofern muss auch die Bedeutung Münchens für die Genese des NS-Regimes präsent bleiben, war doch die bayerische Metropole von ausschlaggebender Bedeutung für die überregionale Durchsetzung der NSDAP.

Zwar verlor München schon ab 1930 zugunsten Berlins erheblich an politischem Einfluss, wurde aber dafür nicht nur in symbolischer Hinsicht entschädigt. Immerhin verblieb der Sitz der zentralen Parteileitung und Parteiverwaltung in München. Als „Hauptstadt der Bewegung“ bildete die Stadt die Kulisse für den Kult, mit dem seit 1935 alljährlich der sogenannten „Märtyrer der Bewegung“, also der am 9. November 1923 beim „Marsch auf die Feldherrnhalle“ ums Leben gekommenen Putschisten, gedacht wurde. Die fast schon mythologische Bedeutung Münchens als bevorzugte Stätte der Selbstinszenierung des Regimes darf nicht unterschätzt werden.

Die besondere Rolle Münchens steht somit außer Zweifel. An keiner anderen Stadt als der ehemaligen „Hauptstadt der deutschen Kunst“ kann besser demonstriert werden, wie das Regime die Kunst politisch instrumentalisierte und welchen Beitrag diese dazu leistete, die Deutschen auf die NS-Ideologie einzuschwören.

Im Folgenden werden vier Beispiele für Münchens Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit präsentiert. Das erste entstammt der Zeit, in der man noch hoffte, sich mit Verdrängung im Sinne eines pragmatischen Handelns der Vergangenheit entledigen zu können. Ich nenne ein vor Kriegsbeginn unter fragwürdigen Umständen begonnenes Bankgebäude an der Ludwigstraße, das dann 1951 fertig gestellt wurde. Das zweite Beispiel steht für die Alibi-Funktion einer Erinnerung, die von ihrer Notwendigkeit letztlich nicht überzeugt war. Hier geht es um die Gestaltung des „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“. Das dritte Beispiel zeigt eine andere Art der Verdrängung: die Zentrale der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo wurde völlig neu überbaut, wodurch die sichtbare Erinnerung an die Gewalt, die dort ausgeübt worden war, ausgelöscht wurde. In diesem Fall kann man von einer bewussten „Damnatio Memoriae“ sprechen. Im vierten und letzten Beispiel wird die Geschichte des bereits erwähnten ehemaligen Parteizentrums der NSDAP nach 1945 dargestellt.

Verdrängung der NS-Vergangenheit


Palais Herzog Max, Ludwigstraße
(Photothek ZI München)

Repräsentativ für den Umgang mit dem Nationalsozialismus in der frühen Nachkriegszeit ist das Schicksal des Nachfolgebaus des an der Kreuzung von Ludwigstraße und Von-der-Tann-Straße gelegenen Herzog-Max-Palais. Dieses gehörte zu den wichtigsten klassizistischen Gebäuden Münchens.

Das 1827 bis 1831 nach Plänen Leo von Klenzes für Herzog Max in Bayern errichtete Palais wurde 1937 von Ludwig Wilhelm Herzog in Bayern unter Druck der Nationalsozialisten an die Reichsbank verkauft und abgebrochen, um eine Verbreiterung der Von-der-Tann-Straße zu ermöglichen. Im folgenden Jahr entstand an dieser prominenten Stelle ein Neubau für die Reichsbank nach den Plänen von Reichsbankbaudirektor Heinrich Wolff. 1941 wurde die Baumaßnahme, nachdem das Gebäude bis zum ersten Geschoss gediehen war, wegen Materialmangels eingestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich für die Landeszentralbank von Bayern, die Rechtsnachfolgerin, die Frage, ob der angefangene und im Krieg zudem beschädigte Bau vollendet oder abgebrochen werden sollte. Die Landesbank entschied sich für die Fertigstellung, die 1951 erfolgte, obwohl sie sich damit der Kritik auslieferte, sie setze die NS-Architektur fort. Die Fassade wurde zwar von dem Architekten Carl Sattler überarbeitet und „entschärft“, aber bis heute hält sich der Vorwurf, dass der Bau trotz der Überarbeitung der NS-Entwürfe in seinem vergröberten Neoklassizismus eine deutliche Nähe zur offiziellen Baukunst der NS-Zeit zeige.


Bayerische Landeszentralbank

Eine Gedenktafel an dem Gebäude erinnert zwar an den ersten Bau, das Herzog-Max-Palais als den Geburtsort von Sissy, wie Elisabeth die Kaiserin von Österreich volkstümlich genannt wurde, der Abriss des Gebäudes und der Beginn des Nachfolgebaus in der NS-Zeit wird jedoch nicht erwähnt.

Ein Mahnmal als Alibi


Bayerische Landeszentralbank, Gedenkplakette

Bei der Gestaltung des Altstadtrings im Bereich Brienner Straße und Maximiliansplatz entstand durch die Schneise, die für den Oskar-Von-Miller-Ring geschlagen wurde, eine neue Kreuzung. An dieser verkehrsumtosten Stelle legte man 1946 in einer Art Inselsituation eine kleine begrünte Fläche an und gab ihr den Namen „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“. Der Standort wurde schon zu seiner Entstehung von Verfolgten des NS-Regimes nicht als Ehrung, sondern eher als eine Verhöhnung der Opfer verstanden, da es sich bei diesem „Platz“ eigentlich nur um die Erweiterung einer Straße handelte. Die Kritiker schlugen vor, den von den Nationalsozialisten als Aufmarschplatz missbrauchten Königsplatz in „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ umzubenennen, was nicht durchgesetzt werden konnte. Erst 1965 wurde – aber immer noch als Provisorium – auf dem „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ ein Granitstein aufgestellt, der von dem Künstler Karl Oppenrieder entworfen worden war und die schlichte Inschrift „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ trug. Nachdem die Unzufriedenheit mit dieser einfachen Lösung immer größer geworden war, ersetzte man 1985 den Granitstein durch eine Granitstele des Bildhauers Andreas Sobeck.


Platz der Opfer des Nationalsozialismus

Die sechs Meter hohe Stele endet in einem Bronzekäfig aus Stahl, der an einen Kerker erinnern soll, in dem als Symbol der Freiheit eine „ewige Flamme“ brennt. Auf dem Stein sind die Worte eingemeißelt: „Den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.


Stele am Platz der Opfer des Nationalsozialismus

Jedem, der diesen Platz in Augenschein nimmt, wird seine Alibi-Funktion deutlich, was nicht zuletzt auch durch die peinliche Diskussion um die „ewige Flamme“ bestätigt wird. Zunächst sollte die Gasflamme des Mahnmals laut Stadtratsbeschluss aus Kostengründen nur an besonderen Gedenktagen brennen. Nach Protesten einigte man sich dann auf den Kompromiss, die Flamme nachts brennen zu lassen, worin sich aber ebenso das völlige Unverständnis der Symbolik der „ewigen Flamme“ offenbarte.

Damnatio Memoriae


Wittelsbacher Palais
ab 1933 Sitz der Gestapo
(Photothek ZI München)

Im ehemaligen Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße befand sich die Zentrale der Münchner Gestapo. Dieses Gebäude stand seit seiner Erbauung unter einem unglücklichen Stern. Es wurde für den Kronprinzen Maximilian, den Sohn König Ludwigs I., von Friedrich von Gärtner 1843–1848 im neogotischen Stil entworfen, diente aber dann dem abgedankten Vater als Alterssitz, der seinerseits als glühender Verehrer des Klassizismus dem Stil des Palais sicher nichts abgewinnen konnte.

1887 bis 1918 war es Wohnstätte des letzten bayerischen Königs Ludwig III. 1919 tagte an diesem Ort der Aktionsausschuss der Räterepublik. Im Herbst 1933 siedelte die Bayerische Politische Polizei in das Wittelsbacher Palais über, die später in die Gestapo integriert wurde.


Gestapo-Gefängnis im Park des ehemaligen Wittelsbacher Palais
(Foto Privatarchiv K. Bäumler)

Noch im gleichen Jahr wurde im Park des Gebäudes vom Bauamt der Schlösserverwaltung, der das Gebäude bis 1937 unterstand, ein dreigeschossiger Gefängnisbau mit neun vergitterten Fensterachsen errichtet. Dort befanden sich Haftzellen, in denen Regimegegner festgesetzt und gefoltert wurden.

1944 wurde die Gestapo-Zentrale bei einem Luftangriff schwer beschädigt, das Gefängnisgebäude dagegen nur leicht.

Schon kurz nach Kriegsende kam aus den Reihen der politisch Verfolgten der Vorschlag, dass der in der NS-Zeit berüchtigtste Ort in ganz München, die Gestapo-Zentrale, auch der am besten geeignete sei, um dort ein zentrales Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus einzurichten. Das seit jeher ungeliebte Palais wurde 1950 abgebrochen, obwohl die Gartenseite und Teile des Innenhofes noch besser erhalten waren als manches zum Wiederaufbau bestimmte Gebäude. Der ehemalige Gefängnisbau wurde nach dem Krieg für gewerbliche Zwecke genutzt. Den Park erhielt der Christliche Verein Junger Männer zur Verfügung gestellt.

1961 hatte dann die Stadt München im Tausch gegen den Leopold-Park das Gelände des ehemaligen Wittelsbacher Palais vom bayerischen Staat erworben, um hier das städtische Kulturhaus zu errichten. Dies hatten einige Stadträte vorgeschlagen, die in der Gestapo-Zentrale inhaftiert gewesen waren. Die Errichtung eines Hauses der Kultur „an dieser ehemaligen Stätte der Unkultur und Schande“ war ihrer Meinung nach der beste Beweis für die Überwindung dieser Epoche auch im Geiste. Ein Teilgrundstück blieb im Besitz des Staates. Hier sollte eine zentrale Gedenkstätte errichtet werden. So konnte das Trümmergrundstück endgültig geräumt und auch der Gefängnisbau abgebrochen werden. Mitte der 1970er Jahre erfolgte jedoch eine entscheidende Planungsänderung. Die Stadt verlagerte den Standort des Kulturzentrums nach Haidhausen an den Gasteig und verkaufte ihren Geländeanteil an die Bayerische Landesbank, um den Neubau am Gasteig zu finanzieren. Im Einvernehmen mit dem bayerischen Staat wurden die Pläne aufgegeben, am authentischen Ort eine Gedenkstätte zu errichten. Diese sollte nun ebenfalls am Gasteig realisiert werden. So erhebt sich auf dem Standort der Gestapo-Zentrale seit 1982 der repräsentative Hauptsitz der Bayerischen Landesbank.


Bayerische Landesbank, Brienner Straße

Von den vollmundig geäußerten Vorsätzen einer zentralen Gedenkstätte, um an den „berüchtigtsten Ort“ Münchens zu erinnern, blieb, 1984, angemahnt vom Bezirksausschuss Maxvorstadt, eine Bronzetafel, die so dezent angebracht ist, dass man recht engagiert nach ihr suchen muss.


Gedenktafel an der Bayerischen Landesbank

Sie trägt folgende Inschrift:

„Hier stand das / Wittelsbacher Palais / erbaut 1848 durch Friedrich von Gärtner / 1848 bis 1868/ Altersitz / König Ludwigs I. / 1887 - 1918 / Wohnstätte / König Ludwigs III. / 1919 / Tagungsort des Aktionsausschusses der Räterepublik / In der Zeit der NS-Gewaltherr- / schaft Dienstgebäude der Geheimen Staatspolizei / durch Bomben zerstört / 1944“.

Dass noch in den 1980er Jahren der Bau, an dem die Folterer der Gestapo tätig waren, so schlicht wie verharmlosend „Dienstgebäude“ genannt wurde, zeugt davon, dass seinerzeit die Erinnerungskultur in München noch reichlich unterentwickelt war.

Das Parteizentrum der NSDAP als Zeugnis des Wandels im Umgang mit Täterorten


Königsplatz nach 1937
(Photothek ZI München)

Unmittelbar nach der Machtübernahme wurde 1933 bis 1937 am Königsplatz als erstes repräsentatives Architekturprojekt der NSDAP das in zwei Pendantbauten untergebrachte Parteizentrum errichtet, das die in direkter Nachbarschaft stehende erste große Geschäftsstelle der Partei, das „Braune Haus“, ablöste. Im sogenannten Verwaltungsbau wurde zentral für ganz Deutschland die Mitgliederkartei der NSDAP geführt. Der „Führerbau“, Gegenstück des „Verwaltungsbaus“, sollte der Repräsentation dienen.

Unbeschädigt geblieben, wurden beide Gebäude nach Kriegsende von den Amerikanern genutzt, da im zerbombten München kaum unzerstörte Großbauten vorhanden waren. Eine öffentliche Debatte um die geeignete Verwendung gab es zwar nach dem Einmarsch der Amerikaner nicht, aber die kulturelle Aufgabe, die die Bauten ab Juni 1945 zu erfüllen hatten, reflektierte durchaus die Vorstellung der Amerikaner von „reeducation“, in deren Verlauf Deutschland nach der nationalsozialistischen Ära wieder zu einem demokratischen Staat werden sollte.

Die Beutekunst, die die Nationalsozialisten durch Raub und Enteignung an sich gerissen hatten, musste nach ihrem Auffinden zunächst gesichert und dann soweit möglich, den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden. Dazu benötigte man eine Sammelstelle, in die diese Kunstobjekte verbracht werden konnten, um dann von Fachleuten begutachtet zu werden. So wurde aus dem „Verwaltungsbau“ Gallery I und aus dem „Führerbau“ Gallery II und die Kunstsammelstelle, die größte im Süden der amerikanischen Zone, erhielt den Namen Central Collecting Point beziehungsweise Central Art Collecting Point. Schon im Verlauf des Jahres 1945 waren an den Fassaden beider Bauten die großen Bronzeadler, die in ihren Fängen Hakenkreuze hielten, entfernt worden. Die Spuren, die die Adler in Form von Konsolen und Befestigungslöchern hinterlassen haben, sind allerdings bis heute zumindest am ehemaligen Verwaltungsbau deutlich erkennbar, entgegen der Kontrollratsdirektive von 1947, die exakte Hinweise zur Entfernung von NS- Emblemen gab: „Die Neugestaltung darf weder die Umrisse der entfernten Teile erkennen lassen, noch darf sich die Stelle der Veränderung durch Farbton oder Oberflächenbearbeitung von ihrer Umgebung abheben. Es ist eine Form anzustreben, die dem unbefangenen Beschauer weder über die Tatsache der Veränderung noch über die Art der Abänderung etwas aussagt.“

Im ehemaligen Führerbau wurde von 1948 bis 1957 das Amerikahaus untergebracht. Es gab dort eine Bibliothek mit Lesehalle, Ausstellungsräumen sowie einen Film- und Konzertsaal. Die amerikanische Presse kommentierte: „The Palace of Darkness became a castle of light“. Nach und nach wurde das ganze Haus von der Musikhochschule in Besitz genommen, die bis heute dort untergebracht ist. Im ehemaligen Verwaltungsbau der NSDAP sind mehrere Institutionen, die nach Kriegsende dort Unterschlupf gefunden hatten, bis heute ansässig. Außerdem erhielt dort das auf Vorschlag der Amerikaner und in Anknüpfung an den Central Collecting Point 1946 gegründete Zentralinstitut für Kunstgeschichte seinen Sitz. Diese Ansammlung von wissenschaftlichen und der Kunst gewidmeten Einrichtungen trug dem ehemaligen Verwaltungsbau der NSDAP seinen in Bezug auf seine ursprüngliche Bestimmung programmatisch zu verstehenden Namen ein – „Haus der Kulturinstitute“.

All diese Nutzer sind den Amerikanern zu Dank verpflichtet, denn im zerstörten München hatten sowohl der Staat als auch die Stadt dringenden Bedarf an unzerstörten Großbauten. Die Stadt träumte von „devisenbringenden Großhotelbetrieben in Bahnhofsnähe“, der Staat hatte vor, in den NS-Gebäuden eine Banknotendruckerei unterzubringen. Dies verhinderten jedoch die Amerikaner, indem sie auf einer kulturellen Nutzung bestanden.

Völlig anders dagegen erfolgte der Umgang mit den beiden zum Parteizentrum gehörenden Ehrentempeln, die innerhalb des NS-Kults eine wichtige Rolle spielten. Hier waren die Särge der sogenannten Märtyrer der Bewegung aufgestellt. Den Amerikanern war die Bedeutung dieser NS-Kultstätte durchaus bewusst und sie versuchten, die ehemaligen Ehrentempel, die symptomatisch für den Totenkult der Nationalsozialisten waren, der „Damnatio Memoriae“ anheim fallen zu lassen. Die Toten wurden in die alten Gräber zurückgebracht.

Die Tempel selbst blieben mehr als eineinhalb Jahre nach Kriegsende stehen. Ihre komplette Sprengung hätte die unter ihnen entlanglaufenden Heizkanäle beschädigt, so dass die beiden Gebäude des Central Collecting Points nicht mehr beheizbar gewesen wären. Das Abtragen der Eisenbetonbauten wiederum hätte enorme Kosten verursacht und außerdem städtebauliches Brachland hinterlassen. Eine dritte Überlegung sah vor, die Stützen der Tempel zu ummanteln und diese in Ausstellungsbauten umzuwandeln, um analog zu Gallery I und II den „braunen Geist“ durch Kultur zu bannen.

Das Entfernen der Kultbauten entwickelte sich allmählich zum Politikum und sollte gegenüber der Militärregierung den Willen zur Entnazifizierung bekunden. Damit war ihre Beseitigung beschlossene Sache. Um die Rohrkanäle nicht zu beschädigen, sprengte man nur die Stützen der Tempel, wodurch deren Gebälk in sich zusammenfiel. Die Trümmer wurden abgeräumt, die Sockel der Ehrentempel aber blieben stehen.


Gesprengter südlicher „Ehrentempel“ 1947
(Photothek ZI München)

Auf Anweisung der Militärbehörden forderte die Oberste Baubehörde nun ausgewählte Architekten auf, Entwürfe nicht nur für die Überbauung der östlichen Ecksituationen an der Einmündung der Brienner Straße in den Königsplatz, sondern auch Vorschläge für deren Gestaltung bis zum Karolinenplatz vorzulegen.

Die Entwürfe der Architekten lassen sich im Prinzip zwei Richtungen zuordnen: Die eine favorisierte eine Bebauung der Ecksituation an der Ostseite des Königsplatzes, die andere deren Bepflanzung. Die Öffentlichkeit nahm regen Anteil an der Diskussion, aber die Traditionalisten und die Anhänger der Moderne blockierten sich gegenseitig. Erneut wurde ein Wettbewerb ausgelobt, der dieses Mal die Funktion der Bauten für Kunstausstellungen vorgab. Auch dieser Wettbewerb mündete wieder in die Grundsatzdebatte, ob das Terrain der Ehrentempel überhaupt bebaut werden solle. Ohne dass ein Ergebnis gefunden worden wäre, entschieden sich die Verantwortlichen für eine Zwischenlösung, die zwar die „Schandmale“ hinter einem zwei Meter hohen Bretterzaun verbarg, aber dafür umso deutlicher zeigte, dass die Stadt noch nicht in der Lage war, sich mit einem überzeugenden städtebaulichen Konzept für den Königsplatz ihrer Vergangenheit zu stellen. Als 1958 die 800-Jahr-Feier Münchens begangen werden sollte, gab es Beschwerden über die morschen Zäune an einem der prominentesten Plätze der Stadt. Nun wurde – ohne Einbeziehung der Öffentlichkeit – die Bepflanzung der Sockel beschlossen, wobei man die Bretterzäune entfernte und die Treppenanlagen im Osten der Ehrentempel abriss.

1988 fand der letzte Versuch statt, eine neue städtebauliche Lösung zu finden. Vorgesehen war nördlich, an den ehemaligen Führerbau anschließend, ein Erweiterungsbau für die Musikhochschule sowie südlich, in Nachbarschaft zum ehemaligen Verwaltungsbau, ein Museum für die Ägyptologische Sammlung. Aber auch diese Planungen kamen über das Entwurfsstadium nicht hinaus. Seit nunmehr 61 Jahren wuchert das „Grün des Vergessens“ über den Sockeln der ehemaligen Ehrentempel.


Sockel des nördlichen „Ehrentempels“ 2007

Vielen Bewohnern Münchens dürfte nicht bewusst sein, was das Grün, ein inzwischen geschütztes Biotop, verbirgt. Längst sind die Sockel der Ehrentempel in die Denkmalliste eingetragen und somit bleibende Relikte der NS-Vergangenheit, die einerseits vom Kult der Nationalsozialisten zeugen, aber auch repräsentative Beispiele dafür sind, wie nach dem Krieg mit den Relikten der NS-Vergangenheit umgegangen wurde.


Königsplatz vor 1933
(Photothek des ZI München)


Königsplatz nach 1933
(Photothek des ZI München)

Man löste die östliche Begrenzung des Königsplatzes durch die NS-Gebäude, indem 1948 die ursprüngliche Randbepflanzung zwischen Arcisstraße und Königsplatz wiederhergestellt wurde. Bis heute endet der Königsplatz nicht mehr an den Parteibauten, vielmehr schirmt das Grün der Bäume das klassizistische Ensemble vom ehemaligen Parteizentrum ab.


Königsplatz 2008
(Foto Maximilian Dörrbecker)

Um die Gestaltung des Königsplatzes gab es nach 1945 mehrfach Kontroversen. Schon 1947 wurde gefordert, ihn wieder in die ursprüngliche Form zurückzuversetzen. Zunächst aber opferte man den Platz den Erfordernissen des immer mehr anwachsenden Verkehrs, indem man ihn zum überdimensionierten Parkplatz umwidmete.


Königsplatz als Parkplatz um 1988
(Foto Margrit Behrens, ZI München)

1988 wurde der Königsplatz annähernd in den alten Zustand zurückversetzt, wobei man sich freilich nicht dazu durchringen konnte, den Autoverkehr völlig auszuschließen. Weder an den Bauten des ehemaligen Parteizentrums noch an den Sockeln der ehemaligen Ehrentempel noch an dem nun wieder begrünten ehemaligen Aufmarschplatz gab es bis 1996 irgendeinen Hinweis auf die Funktion, die der Königsplatz von 1935 bis 1945 hatte. Der „Spuk“ war vorüber und niemand wollte daran erinnert werden.

Das Umdenken und die Aufklärung über die Geschichte des Königsplatzes setzten erst in den 1990er Jahren anlässlich der bevorstehenden 50jährigen Wiederkehr des Kriegsendes ein. Im Zusammenhang mit der schon erwähnten vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte ausgerichteten Ausstellung „Bürokratie und Kult“ wurde erstmals eine Informationstafel am Sockel des nördlichen Ehrentempels aufgestellt, die, solange das NS-Dokumentationszentrums noch nicht fertig gestellt ist, den einzigen Hinweis über das „Parteiviertel der NSDAP“ darstellt. Wie groß das Bedürfnis ist, etwas über die Geschichte des Königsplatzes und seiner Bebauung zu erfahren, zeigt sich daran, dass diese Tafel in der Regel von Menschen geradezu umlagert ist.

Form und Funktion des Erinnerns an den Nationalsozialismus haben sich gewandelt, auch in München. Erinnerungsarbeit muss immer weniger eingefordert werden, ist heute nicht mehr, wie noch in den 1960er Jahren tendenziell subversiv, gegen einen allseits herrschenden Geist der Verdrängung gerichtet, sondern im Grunde staatstragend. Angesichts des Wiedererstarkens des Rechtsextremismus dient sie der Verteidigung der Demokratie. Der Konsens darüber, dass aufklärende Erinnerung an den Nationalsozialismus gegenwärtig wie künftig notwendig ist, zeugt von dem Willen, Deutschland vor einem neuen Rückfall in die Barbarei zu bewahren.