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Stolpersteine in München

Treffen der Stolperstein-Initiativen am 16. Mai 2009 in München

Das NS- Dokumentationszentrum München:
Der „späte Münchner Weg“

Vortrag von Klaus Bäumler1

Als Geburtsstätte und zentrale Schaltstelle der NSDAP hat München im Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle gespielt. Doch die bayerische Landeshauptstadt tut sich schwer mit dem braunen Erbe. Während an anderen Orten in Bayern Dokumentationszentren, die über die Nazi-Zeit informieren, rege besucht werden, erfahren Interessierte in München kaum etwas über die Rolle der Stadt im Dritten Reich. So charakterisiert die Neue Züricher Zeitung in ihrer Ausgabe vom 8./9. Dezember 2001 unter dem Aufmacher Münchens Mühen mit der NS-Zeit. Die verdrängte Rolle als „Hauptstadt der Bewegung“ beschreibt zutreffend die Münchner Situation, wobei gerade die Erinnerungsarbeit im Öffentlichen Raum Defizite auswies.

Denn in München stand sehr lange das Erinnern und Gedenken an die Opfer der Nazizeit im Vordergrund. Durch einen Generationswechsel wurden die mentalen Barrieren, endlich auch Täter und Täterorte in München konkret ins Auge zu fassen, immer niedriger. Die Verantwortung Münchens für den Aufstieg der NSDAP stellt eines der zentralen Themen für das NS-Dokumentationszentrum dar. Diese Verantwortung ist in München einzulösen.

Denn es darf nie vergessen werden, dass in dieser Stadt der Unmensch hat groß werden können. (Wilhelm Hausenstein 1947). Mit dem Blick von außen hat sich Gavriel Rosenfeld mit den Besonderheit en der Erinnerungskultur in München auseinandergesetzt. Seine Untersuchung hat den vielsagenden Titel „München und Nationalsozialismus. Strategien des Vergessens“ (München 2004; engl. Originalausgabe: „Munich and Memory. Architecture, Monuments, and the Legacy of the Third Reich“, London 2000).

Der „Spiegel“ berichtet in seiner Ausgabe vom 11. Mai 2009 in einem Münchner Extraheft kritisch über das Münchner Projekt.

Hier sei angemerkt: Man rechnet mit jährlich rund 400.000 Besuchern für das geplante NS-Dokumentationszentrum in München. Wäre es vor zehn Jahren fertiggestellt gewesen, wären es in zehn Jahre vier Millionen Besucher gewesen. Im Kampf gegen Rechtsextremismus und im Engagement für das „Nie wieder“ wären vier Millionen Besucher keine unbeachtliche Größe gewesen!!!!

Aber dennoch:

Spät kommt das NS-Dokumentationszentrum München; aber es kommt – durch eine gemeinschaftliche Aktion des Münchner Stadtrats und des Bayerischen Landtags durch Beschlüsse vom 16. Oktober 2001 bzw. 23. März 2002.

Es muss aber auch festgehalten werden, dass der Bezirksausschuss Maxvorstadt im Jahr 1996 den unmittelbaren politisch-administrativen Anstoß zum Bau des NS-Dokumentationszentrums in München gab. Das Bürgergremium beantragte im November 1996 im Umfeld des Königsplatzes eine der „Topographie des Terrors“ in Berlin eine vergleichbare Einrichtung in München zu schaffen. Die Trägerschaft sollten entsprechend dem Beschluss des BA Maxvorstadt die Stadt München, der Freistaat Bayern und der Bund übernehmen.

Nach nicht einfachen, aber sehr konstruktiven, jahrelangen Verhandlungen wurde dieser Vorschlag des BA Maxvorstadt verwirklicht: Stadt München, Freistaat Bayern und der Bund übernehmen je ein Drittel der Baukosten von insgesamt 30 Millionen Euro. Hier ist anzumerken: Die Förderung durch den Bund wurde erst 2008 verbindlich zugesagt.

Der Freistaat Bayern stellt darüber hinaus zusätzlich das Baugrundstück im Wert von 9 Millionen Euro unentgeltlich, das heißt ohne Anrechnung auf seinen Drittel-Anteil, zur Verfügung.

Mit diesem Beschluss vom 18. September 2006 folgte der Ministerrat der zwingenden historisch-aktuellen Argumentation des Bezirksausschuss Maxvorstadt. Die Trägerschaft des Dokumentationszentrums übernimmt die Stadt München. Zur Projektbegleitung wurden drei Gremien geschaffen, die sich im Jahr 2005 konstituierten: das hochkarätig besetzte Kuratorium, ein Wissenschaftlicher Beirat und der Politische Beirat. Die vom Wissenschaftlichen Beirat erarbeiteten „Konzeptionellen Empfehlungen“ wurden bereits 2005 unter anderem auch vom Münchner Stadtrat gebilligt.

In enger Abstimmung zwischen Kuratorium, dem Wissenschaftlichen und dem Politischen Beirat sowie der interessierten Öffentlichkeit soll derzeit die inhaltliche Konzeption des NS-Dokumentationszentrums München erarbeitet werden. Um Eigenständigkeit zu schaffen, sollen die Schwerpunkte der Münchner Dokumentation, einerseits in Zusammenschau mit anderen Erinnerungseinrichtungen in Bayern (Dachau, Obersalzberg, Nürnberg und Flossenbürg) und andrerseits mit den Institutionen in München (Stadtmuseum und Jüdisches Museum) gesetzt werden.

Insoweit eröffnet die späte Realisierung des NS-Dokumentationszentrum in München immerhin die große Chance dar, spezifische Schwerpunkte in der Erinnerungsarbeit zu setzen, die bisher in den vorhandenen Institutionen noch nicht bearbeitet sind.

Im Jahr 2009 sind Planung und Realisierung des NS-Dokumentationszentrum in München auf einem guten Weg. Mit Dr. Irmtrud Wojak ist eine hoch qualifizierte Persönlichkeit als Gründungsdirektorin gefunden.

Der Realisierungswettbewerb für den Neubau auf dem Grundstück des ehem. Braunen Hauses (Palais Barlow) ist mit einem guten Ergebnis im Frühjahr abgeschlossen.

Der prämierte Entwurf von Georg, Scheel, Wetzel Architekten, Berlin steht im gewollten Spannungsverhältnis zu den Troost-Bauten (sog. Verwaltungsbau und sog. Führerbau) und setzt einen eigenständigen Akzent.

Mit der angestrebten Einbindung der verbliebenen baulichen Rudimente des ehemaligen Palais Barlow soll das frühe Eindringen der Nationalsozialisten in das „bürgerlich-königliche Umfeld“ und die zeitgeschichtliche Bedeutung authentisch belegt werden.

Im Rahmen der – zur Zeit noch offenen – inhaltlichen Konzeption muss auf drei wesentliche Fragen zwingend Antworten gegeben werden:

Warum geschah es in München?

Welche politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen schufen den Nährboden für den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Weg Münchens zur „Hauptstadt der Bewegung“ und zur „Stadt der Deutschen Kunst“? Welche gesellschaftlichen Komponenten in München machten hier die sog. nationale Erhebung möglich? Warum konnte sich das NS-Regime 1933 innerhalb weniger Wochen ohne nennenswerten Widerstand der gesellschaftlichen Kräfte in dieser Stadt etablieren? Wie hat München, wie haben die Münchner nach 1945 die Nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Stadt „bewältigt“ oder auch „verdrängt“?

Dabei muss man sich mit dem Schlagwort „München. Hauptstadt der Verdrängung“ offensiv auseinandersetzen. Und man muß auch der aktuellen Frage nachgehen, ob es in München Tendenzen zur „Verdrängung der Verdrängung“ gibt, im Sinne einer „Stadt der Verdrängung der Verdrängung“.

Als Mitglied im Politischen Beirat des Dokumentationszentrums München versuche ich folgende Gesichtspunkte einzubringen; ob es mir gelingt, ist derzeit offen: Stichwort: Europäische Erinnerungsarbeit.

Erinnerungsarbeit in Europa muss nationale Grenzen überschreiten. Gemeinsames Gedenken über nationale Grenzen hinweg kann Gemeinsamkeit, kann Vertrauen schaffen.

Ansätze gibt es hier in München durch das Europäische Kunst- und Erinnerungsprojekt von Beate Passow und Andreas von Weizsäcker „Wunden der Erinnerung“. Ansätze einer europäischen Dimension sehe ich auch im Stolperstein – Projekt von Gunter Demnig.

Kooperation mit Dokumentationszentren in Frankreich (z.B. mit dem „Centre de la mémoire“ in Oradour sur Glane) – Stichwort: Europäischer Kunstraub und Kulturraub durch den Einsatzstab Rosenberg in Westeuropa und Osteuropa.

Der europaweite Kunst- und Kulturraub des Einsatzstabs Rosenberg erfolgte im Auftrag der NSDAP und wurde finanziert durch die NSDAP. Der Originalbriefwechsel zwischen Rosenberg und Reichsschatzmeister Schwarz, mit Sitz im sog. Verwaltungsbau an der heutigen Meiserstraße, hat sich erhalten.2

Stichwort: Biographien. Biographien sind für die anschauliche Vermittlung von Zeitgeschichte unverzichtbar.

Deshalb muss auch das politische Vermächtnis von Thomas Mann in das Münchner NS-Dokumentationszentrum Eingang finden. Denn die Lebensstationen Thomas Manns und seiner Familie geben beispielhaft den Schlüssel für Antworten auf die oben gestellten Fragen, die auch heute noch vielfach als schmerzhaft empfunden werden können.

Dem beständigen Einsatz Thomas Manns gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, für Demokratie und Humanität in den Jahren 1922 bis 1933, seiner Ausstoßung aus München und Deutschland 1933 („Protest der Richard-Wagner-Stadt“), dem gemeinsamen Wirken von Thomas Mann und seiner Kinder Erika und Klaus im Exil, den Positionen nach 1945 zur „Inneren und Äußeren Emigration“, dem Eintreten für den Ausgleich zwischen West- und Ostdeutschland nach 1945 und der Gemeinsamkeit der Europäer in einem Europa des Friedens, kommen in der Gesamtschau der zeitgeschichtlichen Analyse exemplarische Bedeutung zu.

Dies gilt auch für die Frage, weshalb Thomas Manns jüngster Bruder, Viktor Mann, der als einziger der Familie Mann nicht emigrierte, das sog. Dritte Reich in Deutschland überleben konnte3. Stichwort: Kirche und Staat im sog. Dritten Reich Ich erinnere an die aktuelle Diskussion über die Umbenennung der Meiserstraße.

Die Biographien von Kardinal Faulhaber, Landesbischof Meiser und auch des Freiherrn Wilhelm von Pechmann sind unverzichtbar. Ich schließe mit einer Vision.

Spätestens im Jahr 2011/2012 lesen wir in der „Neuen Züricher Zeitung“:

„Das NS-Dokumentationszentrum München hat besondere Qualitäten. Es ist ein zentraler Ort des politischen Lernens am authentischen Ort geschaffen worden, ein Ort der Information, des Erinnerns, des Gedenkens, des Anstoßes zur Wachsamkeit in Gegenwart und Zukunft für Jugendliche und Erwachsene im Sinne eines ‚Nie wieder‘.“

Das NS-Dokumentationszentrum ist ein authentischer Ort, der – eingebettet in das Museumsviertel München in der Maxvorstadt – den Besuchern aus aller Welt deutsche Zeitgeschichte vermittelt und damit nationale Grenzen im Sinne einer europäischen Erinnerungsarbeit überwindet.

Dokumentiert ist auch, dass in München noch vor einigen Jahren Stolpersteine aufgrund eines Stadtratsbeschlusses aus dem Jahr 2004 nicht verlegt werden durften.

Ich hoffe und bin mir bei meiner optimistischen Grundhaltung auch sicher: Die Tagung „Erinnerungskultur in München“ leistet einen guten Beitrag, dass diese Vision Realität wird.

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1 Mitglied im Politischen Beirat für das NS-Dokumentationszentrum München; Vorsitzender des Bezirksausschuss Maxvorstadt (1978–2008). Vortrag bei der Tagung „Erinnerungskultur in München“ der deutschen Stolperstein-Initiativen in München am 16./17. Mai 2009 in München.

2 Literatur: Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Ausstellungskatalog. Jüdisches Museum Berlin; Jüdisches Museum Frankfurt am Main vom 23.4.–2.8.09.

3 Die Darstellung von Hermann Kurzke (Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk, München 1999e, S. 200) zu Viktor Manns „Innerer Emigration“ kann in ihrer Einseitigkeit nicht unwidersprochen bleiben. Kurzke schreibt: Viktor Mann „war Bauer, Corpsstudent, Offizier und Pferdeliebhaber, blond, blauäugig und gewöhnlich, innerlich weit entfernt von den Subtilitäten der übrigen Mann-Kinder; nur so wurde es möglich, als Bruder und Onkel von mehreren Ausgebürgerten das Dritte Reich in Deutschland unbeschadet zu überstehen“. Viktor Mann überlebte in der „Schutzaura“ der Bayerischen Handelsbank, in der Freiherr Wilhelm von Pechmann einen herausragenden Einfluss hatte.