Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          


12.08.08: Demnig verlegt weitere SOLPERSTEINE in München

Judith Bernstein, München, bei der Verlegung der vier „Stolpersteine“ am 12.8.2008 in der Viktor-Scheffel-Straße 14 und 16

Jeanette Weiss, geb. Bauer, die in der Viktor-Scheffel-Straße 16 im ersten Stock wohnte, ist am 27. März 1871 in Wien geboren. Sie war mit dem Möbelfabrikant Emanuel Weiss aus Ungarn verheiratet. Das Ehepaar Weiss hatte 10 Kinder. Zwei von ihnen Adolf und Leo sind bereits 1917 bzw. 1920 in München gestorben. Das Schicksal der vier Kinder Johann, Magdalena, Rosa und Henriette, die in diesem Haus geboren wurde, ist uns nicht bekannt.

Der Sohn Joseph, der 1894 in Wien geboren ist, studierte in München und war Privatgelehrter und Schriftsteller. Joseph Weiss wohnte nicht bei der Mutter hier in der Viktor-Scheffel-Straße, sondern zog erst 1937 zu ihr in die Schellingstraße 82, weil er dort bis zur „Kristallnacht“ ein Schreib- und Vervielfältigungsbüro betrieb. Zwischen 1939 und 1941 war er mit der Schauspielerin, Bildhauerin und Malerin Elisabeth, geb. Springer; verheiratet. Er ist, wie seine geschiedene Frau, am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und fünf Tage später dort ermordet worden.

Der Sohn Friedrich Weiss, der 1903 in München geboren wurde, ist 1942 in Berlin-Plötzensee umgebracht worden.

Jeanette Weiss wohnte in diesem Haus von 1909 bis 1931. Seit 1931 musste sie mehrfach umziehen. Ihr letzter Aufenthalt vor der Deportation war das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeine in der Mathildenstraße. Am 4. Juni 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und am 6. August 1942 dort ermordet.

Die Tochter Julie Katharina wurde am 30. Mai 1901 in München geboren. Seit dem 28. Mai 1929 wohnte sie bei der Mutter hier in der Viktor-Scheffel-Straße. Da sie ein schweres Rückenleiden hatte und beide Beine gelähmt waren, musste sie wiederholt in der Kuranstalt Neufriedenheim in der Fürstenriederstraße behandelt werden. Seit 1941 war sie im Krankenhaus der Israelitischen Kultusgemeinde in der Hermann-Schmid-Straße. Am 5. Mai 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und am 19. Oktober 1944 von dort nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Der Sohn Leopold Weiss, der am 27. Februar 1899 in München geboren wurde, war Kaufmann. Er war von 1928 bis 1939 in Frankfurt/Oder mit Margarete, geb. Doppers, verheiratet. Sie hatten zwei Töchter und einen Sohn, die in Frankfurt/Oder und München geboren waren und über deren Schicksal uns nichts bekannt ist. Bis 1931 wohnte Leopold Weiss bei seiner Mutter in der Viktor-Scheffel-Straße. Am 30. Oktober 1939 wurde er nach Sachsenhausen deportiert und ist am 20. Mai 1941 in Dachau ermordet worden.

Judith Ziegler, geb. Grünberg, die in der Viktor-Scheffel-Straße 14 im dritten Stock wohnte, wurde am 25. Dezember 1864 in Goldingen (Kurland) geboren. Am 5. August 1885 heiratete sie in Breslau Herrmann Ziegler. Ihr Ehemann ist bereits am 27. März 1934 gestorben und entging damit der Deportation. Judith Ziegler wohnte mit ihrem Mann in der Böcklinstraße 52 und ist dann in die Viktor-Scheffel-Straße 14 gezogen. Am 20. April 1943 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und wurde dort am 11.5.1943 ermordet.

Mein Mann und ich waren im Juni in Heringsdorf auf Usedom im Urlaub. An den herrlichen Villen, die oft wohlhabenden Berliner Juden gehörten, erinnert außer einer einzigen Tafel nichts mehr. Kurt Tucholsky hatte schon 1922, rückblickend auf seine Aufenthalte in Heringsdorf und andere Orten der Insel Usedom geschrieben: „Ein herzerfrischender antisemitischer Wind pfeift brausend über den judenfreien Strand des anmutigen Badeörtchens“. Und Viktor Klemperer schreibt im Jahr 1927 über eine Fahrt nach Zinnowitz: „Zinnowitz wäre ein Bad wie die anderen hier auch, aber es ist das judenreine Bad, es ist in Judenreinheit Bansin noch überlegen“.

Diese jüdische Vergangenheit wird heute in der Stadtgeschichte vollkommen ignoriert, man knüpft an die Jahre vor 1933 an. In München sollten wir froh darüber sein, dass die Idee der Stolpersteine als Erinnerung an die Deportierten von so vielen Münchnerinnen und Münchnern getragen wird. Wieso sind es ausgerechnet die Israelitische Kultusgemeinde und der Stadtrat, die diese Art der Erinnerung verbieten? Mit meinem Verständnis von Demokratie hat dies nichts zu tun. Aber geht es Frau Knobloch und Herrn Ude wirklich um die Stolpersteine, oder geht es nicht vielmehr um Macht, um das Monopol über die Art des Gedenkens? Wir aber dürfen bei unseren Auseinandersetzungen mit dem Stadtrat und der Israelitischen Kultusgemeinde nicht die Opfer selbst vergessen, denn um sie geht es uns.

Vor zwei Jahren hat Gunter Demnig in einem kleinen Ort im Harz zwei Stolpersteine für meine Großeltern verlegt. Ich kannte sie nicht, aber meine Mutter erzählte uns von ihnen, und unsere Töchter und sogar unsere kleine Enkelin, die bei der Verlegung anwesend war, werden davon auch den nächsten Generationen erzählen. Aber Judith Ziegler, die anscheinend keine Kinder hatte und die nach dem Tod ihres Mannes ihrem Schicksal allein überlassen wurde – wer wird sich ihrer erinnern? Eines Tages wird niemand mehr wissen, dass Menschen wie Frau Ziegler und die Familie Weiss jemals gelebt haben. Ohne die Stolpersteine wird nicht nur ihr Leben, sondern auch die Erinnerung an sie ausgelöscht sein.


Archiv

Auswahl
 Presse
 Dokumente
Stolpersteine in München

12.08.08: weitere STOLPERSTEINE

Einladung zur Verlegung (PDF)
Rede von Judith Bernstein
Fotos vom Verlegen
AZ vom 13.08
MM vom 13.08
SZ vom 13.08
Schwabinger Anzeiger
BR online