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Machtanspruch und Deutungshoheit -

ein Zwischenruf zur kommunalen Kulturarbeit

von Dr. Reiner Bernstein

In den vergangenen Tagen haben die Münchner Zeitungen ausführlich über den Beschluss des Stadtrates berichtet, die Opfer des Nationalsozialismus mit „neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens“ zu ehren. Im Zentrum steht ein Denkmal oder ein Mahnmal – da scheinen sich die Ratsdamen und -herren bezeichnenderweise nicht einig zu sein –, das die fast dreihundert kleinen Hinweise auf die einst braune Vergangenheit der Stadt ergänzen soll.

Bravo, ist man im ersten Moment zu rufen geneigt. Endlich haben die jahrelangen Diskussionen im Stadtrat zu einem Ergebnis geführt, nachdem mehrere Symposien und Fachkonferenzen eher magere, um nicht so sagen deprimierende Erträge erbracht hatten. Dass für den Wettbewerb für die „neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens“ 350 000 Euro aus dem Kommunalhaushalt veranschlagt sind, ist bemerkenswert. Die mit der Ausschreibung verbundenen künstlerischen Vorgaben und die Begrenzung der Einladungen jedoch sind schwer erträglich.

So weist die Stadtspitze jeden Gedanken von sich, Gunter Demnig zur Beteiligung am Wettbewerb einzuladen. Seine über 12 500 Stolpersteine liegen mittlerweile in 270 deutschen Städten und Ortschaften sowie in Österreich und Ungarn. Bundespräsident Köhler überreicht ihm persönlich das Bundesverdienstkreuz – und Oberbürgermeister Christian Ude tut so, als gehe ihn dies nichts an. Er verwahrt sich sogar gegen jede wohlmeinende Beratung, die darauf abzielt, das Ausmaß der Lächerlichkeit zu begrenzen, der sich München landauf, landab ausgesetzt hat. Nach der Verlegung eines Stolpersteins auf privatem Grund in der Viktor-Scheffel-Straße 19 machte sich Helmut Seitz in der „Süddeutschen Zeitung“ Anfang September 2007 den Vers auf die obwaltende Peinlichkeit:

Weil nicht erlaubt vom Magistrat,

gab’s hier nie „Stolpersteine“.

Doch heute (ohne Stadt-Mandat),

auf eig’nem Grundstück, ganz privat

macht’s jemand ganz alleine.

Worum nur ist die Stadt so stur,

so unverstehbar kleinlich

und duldet selber keine Spur?

Für sie ist diese Anti-Tour

Fast stolpersteinlich peinlich!

Viel war in diesen Tagen von dem Bestreben die Rede, dass München in künstlerischer Hinsicht den Anschluss an Köln und Berlin nicht verlieren dürfe. Unbestritten gehören die Kammerspiele und das Philharmonische Orchester kulturell zur internationalen Spitzenklasse, doch dann wird die Luft ziemlich dünn. Vier Fünftel der öffentlichen Mittel, so ist zu hören, gehen in die Förderung von Institutionen, die den Ruf Münchens weit über die Stadtgrenzen hinaus tragen sollen. Da bleibt naturgemäß nicht mehr viel übrig für jene künstlerische Grundversorgung, deren Potentiale in einer Millionenstadt zweifelsfrei vorhanden sind, seien es freie Theatergruppen, Mal- und Zeichenateliers, Tanzensembles oder Spielzirkel.

Schier unerträglich wird jedoch die Lage, wenn die Stadt ein kulturelles Richtermonopol beansprucht, das einer argumentativen Nachprüfung schwerlich standhält und allen kommunaldemokratischen Prinzipien hohnspricht. Da klagt der Oberbürgermeister über die nachlassende Resonanz bei Veranstaltungen zum 9. November und 27. Januar. Da gibt es eine Bürgerinitiative, die für die Verlegung von Stolpersteinen weder auf das Urteil eines Preisgerichts noch auf öffentliche Projektmittel angewiesen ist, um das Gedenken und Erinnern auch bei den nachgewachsenen Generationen zu fördern. Da verweisen die Stolpersteine Demnigs ganz unmittelbar auf persönliche Tragödien am konkreten Ort des damaligen grausigen Geschehens. Da mahnen sie uns heute zur Zivilcourage und zum Hinschauen angesichts der Übergriffe und Gewalttaten gegen Angehörige ethnischer, religiöser und sozialer Minderheiten. Und da ist die Verunsicherung über die Fortgeltung des Verlegungsverbots vom Juni 2004 in den Fraktionen des Stadtrates mit Händen zu greifen. Dass zwei „Grüne“, nämlich Sigi Benker und Florian Roth, die Idee der Stolpersteine offensiv vertreten, ist ein wichtiges Signal, während andere Stadtverordnete davor zurückschrecken, zitiert zu werden.

Die Fehleinschätzungen und das Missbehagen hindern die Stadtspitze nicht daran, sich dem imperativen Mandat der Leitung der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde zu unterwerfen, obwohl auch dort die Beschlusslage mit manch Kopfschütteln quittiert wird. Wäre es nicht angemessen, wenn die Sorge davor, dass die Opfer noch einmal mit Füßen getreten werden, den überlebenden Angehörigen wie Peter Jordan in Manchester und Al Koppel in Colorado überlassen würde, die für ihre Eltern und Geschwister in München einen Erinnerungsstein setzen lassen möchten? Und wie steht es mit den Angehörigen der anderen Opfergruppen – mit Sinti und Roma, Homosexuellen, politisch und religiös Verfolgten sowie mit den sogenannten Euthanasieopfern –, in deren Namen die Israelitische Kultusgemeinde nicht sprechen kann? Weil, wie es im Talmud heißt, jeder Mensch eine ganze Welt ist, hat er ein Recht auf die Ewigkeit seines Namens, ob Jude, Christ, Moslem oder Atheist. Dieses Motiv ist in der Gründungurkunde der zentralen Gedenkstätte Yad vaShem in Jerusalem verankert.

Doch in München scheint alles nur eine Frage des politischen Machtanspruchs, der Gesichtswahrung und der erinnerungskulturellen Deutungshoheit zu sein. Das ist zu wenig, um mit diesem sensiblen Thema voranzukommen.

Der Autor ist Vorsitzender des Vereins „Initiative Stolpersteine für München“.


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