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zum 60. Geburtstag von Gunter Demnig

Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung
„Stolpersteine. Gunter Demnig und sein Projekt“ am 26. Oktober 2007
im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Meine Damen, meine Herren, lieber Gunter,  Du findest mich in einem Rollenkonflikt. Soll ich Jubeltöne anstimmen und Dir einfach zum 60. Geburtstag gratulieren? Oder soll ich daran erinnern, woran Du uns täglich erinnerst? Dann würde die Geburtstagsrede rasch nachdenklich und trüge eine schwere Last.

Vor gut 10 Jahren – oder waren es 20? – stand ich schon einmal in einer Ausstellung, um eine Einführung zu halten. Damals waren bunte, auf witzige Weise aggressive Automaten um uns versammelt, in denen die (manchmal böse) Ironie Deines Lehrers Harry Kramer nachklingelte.

Die Wende in Deinem Werk kam spätestens 1990. Damals ging Dir auf, dass Erinnerung etwas ebenso Alltägliches wie Seltenes, Fragiles sein kann. Etwas, das uns überfällt und doch in der Kontinuität unseres Denkens beschlossen ist. Du begannst, Dein Werk voll und ganz, mit jedem Schritt, auf Erinnerung einzustellen. Eine Erinnerung, die für Dich, den Bildhauer, nur sehr konkret, sehr greifbar, begreifbar möglich war … Vor 1990 warst Du dann noch einmal mit dem Laufrad und einer Botschaft unterwegs, die, auf dem Boden gestempelt, unendlich oft „Demnig“ hieß. Zielorte Deiner frühen Gewaltmärsche waren die Tate Gallery oder die venezianische Biennale: der Kunstbetrieb. Sie dienten dem höheren Ruhm des Künstlers und erforderten körperlichen Einsatz.

Dann beginnen Arbeiten, die SICH einsetzen. 1990 folgst Du, wieder mit dem Stempellaufrad, mit einer Kreidespur „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“ dem Leidensweg der Deportierten. Von Köln-Bickendorf bis zur Laderampe in Deutz. Die Kreidespur ist längst ausgelöscht. Doch die 23 Steinplatten, in die Du, für 23 Wegstationen, die gleichen Schriftzeichen mit Messinglettern eingegossen hast, sind ein Mahnmal, das Vergangenheit NICHT mit Gedenkpathos ENTSORGT, sondern als Teil der Gegenwart fühlbar hält. Damit sind wir beim Lebenswerk. Seit 1996 haben die „Stolpersteine“ von Demnig Besitz ergriffen. Es hätte keinen besseren treffen können. Einen, der Gedächtnis als Mosaik begreift, das sich aus Fakten zusammenfügt. Dem EIN Hinweis genügt, um den Kopf in Gang zu setzen. Der Empathie abfordert, um hinter kargen Markierungen Schicksale zu erkennen. Um Erinnerung wach zu rufen, die, wie jede Erinnerung, Rekonstruktion ist.

1987 hatte Jochen Gerz mit seinem Hamburg-Harburger Mahnmal ein neues Paradigma begründet. So wichtig, wie die Erinnerung selbst, ist unser Umgang mit ihr. Er interveniert damit in einen Diskurs, der die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts bewegt und noch lange nicht zu Ende gekommen ist.

Vorher lag der Holocaust lange Jahre, ungeachtet aller Sachforschung, wie außerhalb des Blickfeldes der Kunst. Die ersten Nachkriegsjahrzehnte wurden, wenn überhaupt, von Metaphern und Abstraktionen geprägt: Analogien zu Naturkatastrophen, zerspaltene Blöcke, aufgerissene Krater … als seien Weltkrieg und Völkermord wie ein Schlagwetter über Deutschland gekommen. Eine ganze historiografische Richtung stilisierte den Nationalsozialismus zum schicksalhaften Verhängnis, das Deutschland aus dem Lauf seiner Geschichte und seiner Kultur brach – NICHT als eine interaktive Verstrickung von Tätern, Mittätern und Mitläufern. In den offiziellen Monumenten einer rat-und hilflosen Angewandten Moderne fand dies seinen Niederschlag. Fast 40 Jahre vergingen, bis eine neue Generation den Diskurs der Erinnerungen wieder in Fluss brachte. Bis der Verdrängungssog – die eigentliche sozialpsychologische Basis der jungen Bonner Republik – sich auflöste und ritualisiertes GE-Denken dem NACH- Denken, dem Denken Platz machte.

Auch Künstler erkannten, dass Erinnerung in Deutschland unentrinnbar um den Holocaust kreist. Als Fluchtpunkt besetzt er jeden, auch den alltäglichsten Horizont. Demnig war und ist der Künstler, der dem am entschiedensten Ausdruck gibt. Er fand eine Strategie, die darauf besteht, dass der Holocaust noch vor Auschwitz ansetzt: beim Wegblicken, sich Verschließen, Hinnehmen, Schweigen.

Exakt 100 Jahre früher hatten Freud und Breuer ihre bahnbrechenden „Studien über die Hysterie“ veröffentlicht – ein Gründungsdokument über den Zusammenhang von verweigerter Erinnerung, Verdrängung und „Deckerinnerung“. Etliche unserer Denkmäler – wie z.B. die restlos entpolitisierte „Neue Wache“ in Berlin – sind solche „Deck-Erinnerungen“ einer anrührenden Innerlichkeit, OHNE jede historische Präzision. Demnig holt dagegen die Erinnerung aus der Rhetorik in Stein gehauener Monumente in die Geschichte zurück. Keiner hat die Nazi-Diktatur so konkret gemacht, gerade weil er es so unerbittlich bei den Fakten belässt. Keiner holt den Wahnsinn der Vergangenheit so breit gestreut in den Alltag der Gegenwart, gerade weil er – scheinbar fast marginal – in Erscheinung tritt.

Keiner zwingt die Nachbarn von heute so hart, sich den Nachbarn von gestern zu stellen, gerade weil sich WIEDER so leicht über „Stolpersteine“ hinweg sehen lässt. Keiner rückt der Omnipräsenz mörderischer Wahnvorstellungen so dicht auf den Leib, gerade weil hier kein Film Leichen stapelt. Keiner macht so verstörend deutlich, dass die heile Welt der Überlebenden sich AUCH auf Katastrophen der Vorgänger gründet. Und keiner deckt so gründlich auf, dass Viele, eigentlich ALLE wussten, wissen konnten, wissen mussten, dass die Deportationen, AUCH SCHON die Deportationen, jede Grenze von Kultur, Zivilisation und Ethos mit Füßen traten. Der Genozid begann eben nicht erst in Auschwitz, sondern in den Köpfen derer, die wegsahen, wenn die Nachbarwohnung plötzlich leer stand.

Demnig braucht keine Schreckensbilder – ihm genügt die frühe Bruchstelle, als auf breiter Linie Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit zu Schaden kamen. Der erste Schritt zur „Sammelstelle“, von wo die Züge abfuhren. Er legt Anhaltspunkte und Spuren für unsere Vorstellung, die Erinnerung anstösst, aber er unternimmt keinen Versuch, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Namen und Daten werden zu Ereignissen, nicht weniger stark als Schreckensbilder und flammende Worte. Ihr Schock baut sich langsamer, aber nicht weniger nachhaltig auf, als das Entsetzen über die Greuel. Das Projekt erreicht, mit jedem Stolperstein, eine neue Dichte der Vereinigung von Spur und Monument. Demnig hat damit ein eigenes, sein eigenes Paradigma des Erinnerns in die Welt, auf den Markt, auf die Straße gebracht.

Lieber Gunter, ich weiß, dass Du manchmal schwer unter den Lasten der Wiederholung trägst, der immer neuen Pflastersteine, in die Schicksale geschlagen sind. Doch Du hälst durch, denn Du weißt: selbst die hundertfache Anzahl kann nur der Tropfen sein, der auf dem heißen Stein verglüht. Deine Obsession gilt einer Vergangenheit, die wir leicht hinter uns lassen, weil das Leben ebenso routiniert wie offenkundig weiter geht. Die „Stolpersteine“ sind allerdings doppeldeutig. Man kann das Projekt sogar derart missverstehen, dass man die ebenerdige Einbettung als „mit Füßen treten“ denunziert. Eine schwer nachvollziehbare Münchner Allianz von Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde und Oberbürgermeister haben sich hier in peinlicher Wörtlichkeit verkrampft. Der Vorgang zeigt, wie SPERRIG die Stolpersteine auch über 10 Jahre nach der ersten Pflasterung noch sein können. Nichts hat sich abgeschliffen, außer dem Glanz der Oberfläche.

Selbst unter den Nachfahren der Opfer finden sie neben viel Zustimmung auch den einen oder den anderen Widerstand. Im Internet können wir unter dem Suchwort „Hagalil“ nachlesen, wie selbst der berühmte jüdische Witz sich des Themas bemächtigt.

Gunter, Du bist weder ein Forschungsinstitut, noch – trotz 13.000 Einschlägen europaweit – ein Gedenkunternehmer geworden – obgleich Du etwas von all dem werden musstest. Du hast die Last des Sisyphos auf Dich genommen und arbeitest sie nun, Straße für Straße, ab. Du hast darin eine neue künstlerische Identität gefunden, doch auf Kosten der alten Identität. ich freue mich jedenfalls, dass Dein Dispositionstalent Dir gelegentlich noch Zeit für große Klangskulpturen lässt, in denen die Posaunen von Jericho sich zu wahren Infraschallmaschinerien türmen/häufen. Den erfindungsreichen Bastler-Visionär, der die Ästhetik über Handwerk und elementare Technik einlöst, gibt es also immer noch. Dem Klangbastler hören wir gerne, auch mit den Augen, zu. Den Mahner, der unser Gedächtnis nicht los lässt, BRAUCHEN wir. Auch dann, wenn jeder Stolperstein, der hinzukommt, erneut weh tut.


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Stolpersteine in München