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„Opfer des Nationalsozialismus
– neue Formen des Erinnerns und Gedenkens”

Stellungnahme der Initiative „Stolpersteine für München“ zur Vorlage
bei der „Round Table Diskussion“ des Kulturreferats der Stadt München,
in München am 11.5.2007

Welche Formen des Erinnerns und Gedenkens sich im Zuge des wachsenden zeitlichen Abstands zur NS-Zeit, des sich ankündigenden Ausfalls von Zeitzeugen und der Notwendigkeit zur historischen Konkretion von Erinnerung und Gedenken anbieten, halten wir an unserer Auffassung fest, dass die „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig einen wichtigen Beitrag leisten können:

1. Die „Stolpersteine“ stehen nicht im Widerspruch oder in Konkurrenz zu anderen Formen des Gedenkens, sondern sie sind eine erinnerungspädagogisch sinnvolle Ergänzung. Die Initiativgruppe hat nie die Bedeutung der von der Stadt verantworteten erinnerungspolitischen Zeichen in Frage gestellt.

2. Wir wollen mit den „Stolpersteinen“ aller Opfer gedenken: der Juden, der Sinti und Roma, der politisch und religiös Verfolgten, der Homosexuellen und der sog. Euthanasieopfer. Keine dieser Opfergruppen bzw. ihrer überlebenden bzw. nachgeborenen Angehörigen ist legitimiert, für alle übrigen Opfer(-gruppen) zu sprechen. Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle und sog. Euthanasieopfer haben bislang nur geringe öffentliche Aufmerksamkeit gefunden.

3. Entgegen anderslautenden Behauptungen streben wir keine „flächendeckende“ Verlegung von 4300 Stolpersteinen in München an, sondern bitten darum, dass dem Wunsch von Überlebenden und von Angehörigen der Opfer entsprochen wird, dass vor den Häusern, in denen sie einst wohnten, auf öffentlichem Grund diese Erinnerungszeichen verlegt werden – öffentlicher Grund deswegen, weil die nationalsozialistische Schreckens- und Mordmaschinerie im staatlichen Auftrag handelte. Mit Bestürzung hat Peter Jordan (heute Manchester) erleben müssen, dass kurz nach dem Stadtratsbeschluss vom Juni 2004 die in der Mauerkircherstraße eingelassenen Stolpersteine für seine Eltern Paula und Siegfried Jordan vom Baureferat entfernt wurden. Die Stadt kann sich auf die Wahrnehmung satzungsgemäßer Obliegenheiten beschränken. Die Verlegung von Stolpersteinen bedarf nicht ihres politischen Einverständnisses, wohl aber einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung.

4. Gleichwohl sind wir nicht an der Initiierung eines Bürgerbegehrens interessiert, zumal da uns allen bewusst ist, dass sein positiver oder negativer Ausgang nicht der Stadt, sondern der Israelitischen Kultusgemeinde zur Last gelegt würde bzw. zur Schadenfreude Anlass böte. Unser politischer Ansprechpartner ist und bleibt deshalb die Stadt. Dass Angehörige jüdischer Opfer sich an die Präsidentin der hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde gewandt haben, ist ihr gutes Recht.

5. Wenn die Initiativgruppe „Stolpersteine für München“ über die vergangenen drei Jahre hinweg zusammengeblieben und trotz vielfältiger beruflicher und anderer Beanspruchungen die Arbeit ehrenamtlich geleistet hat, dann ist dies auch darauf zurückzuführen, dass sie sich von weiten Teilen der Münchner Stadtbevölkerung getragen sieht und den kommunalen Haushalt nicht belastet. Unsere Veranstaltungen wie die am vergangenen Dienstag – am 8. Mai 2007 – in der Hochschule für Musik und Theater München mit der Autorin und Fernsehmoderatorin Amelie Fried im Gespräch mit dem Sinto Hugo Höllenreiner, dessen Familie aus Giesing deportiert wurde, sind außerordentlich gut besucht. Ein Blick in das in der Musikhochschule ausliegende Gästebuch unterstreicht überdies, dass die dort installierte „Stolpersteine“-Linie weit über die Stadtgrenzen hinaus und international ein positives Echo auslöst. Gleiches gilt für die Beteiligung an der Ausstellung „Ort und Erinnerung“ in der Pinakothek der Moderne im Frühjahr/Sommer 2006 und für die Installation in der U-Bahn-Galerie an der Universität im Januar/Februar 2007 in Zusammenarbeit mit dem Bezirksausschuss Maxvorstadt und mit Unterstützung der Petra-Kelly-Stiftung.

6. Wir arbeiten nach der Devise: „Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe.“ Alle Erfahrungen aus Schulen und aus der Gedenkstättenarbeit legen den Schluss nahe, dass das Einzelschicksal der Opfer in anderer Weise die Menschen erreicht als die Präsentation globaler Opferzahlen. Damit werden nicht der Geschichtsunterricht an Schulen und Seminare der Erwachsenenbildung mit der Vermittlung objektiver Daten und Fakten obsolet. Vielmehr vertieft die Erinnerung an das Einzelschicksal anderenorts gewonnene Erkenntnisse und Einsichten, indem sie, so die Idee des „Stolpersteins“, figurativ etwas über ein Leben erzählt: über den konkreten Ort, in den es sozial eingebettet und aus dem es gewaltsam herausgerissen und der Ermordung überantwortet wurde. Und: Sie fördert den „Gegenwartsbezug der Erinnerung“ (Stadtrat Siegfried Benker).

7. Im Tagungsbericht vom 11./12. Mai 2006 wird beispielhaft auf die Familie Pringsheim verwiesen, die gegenwärtig auch in der Ausstellung des neuen Jüdischen Museums am St. Jakobsplatz im Mittelpunkt steht – auch wenn es nicht nur um prominente Opfer gehen kann. Frau Emily Bielsky hat damals laut Protokoll darauf hingewiesen, dass es „Hunderte von Orten gebe, die danach verlangen würden, dass man die Schichten der Vergangenheit und der Erinnerungen offenbare“. Vor wenigen Tagen – genau am 5. Mai 2007 – schloss sich in der „taz“ die heute in London lebende Jackie Kohnstamm, deren Großeltern aus Berlin deportiert und ermordet wurden, den Berliner Organisatoren des „Stolperstein“-Projekts mit den Worten an: Es sei wie ein Kieselstein, der in einen See geworfen werde, wobei die Ringe auf der Wasseroberfläche immer größer würden. Dass Gruppen von Schülerinnen und Schülern in vielen deutschen Städten und auch in München nach Recherchearbeiten in ihren Lernstätten in das Projekt „eingestiegen“ sind, belegt seinen pädagogisch aktivierenden Effekt. Wir sind davon überzeugt, dass im Rahmen des städtisch geplanten Münchner Schülerworkshops schnell das Thema „Stolpersteine“ auf der Tagesordnung stehen wird. Gert Heidenreich hat in einem Vortrag vor einem Jahr überzeugend dargelegt, dass es hier um eine Form der Aufmerksamkeit gehe, deren Vorteil ihre scheinbare „Zufälligkeit“ sei: „Diese Erinnerung an die verschleppten Menschen lässt sich nicht vermeiden, nicht umgehen, nicht ignorieren, so wie man es mit eingerichteten Orten des Gedenkens machen kann.“

8. Das Argument gegen die „Stolpersteine“, sie würden Neonazis und Holocaust-Leugner zur Beschmutzung „einladen“, geht in die Irre. Von den rund 11.000 in Deutschland verlegten Steinen sind nicht mehr als zehn geschändet worden. Niemand unter uns wird behaupten, dass München eine Massenhochburg von Ewiggestrigen ist, so dass die „Stolpersteine“ besonderer Gefahren ausgesetzt seien. Jackie Kohnstamm schrieb in dem besagten Artikel: „Ich für meinen Teil denke, dass das Schlimmste, was meinen Großeltern passieren konnte, vor Jahrzehnten geschehen ist. Lasst ihre Stolpersteine ignoriert, beschmutzt oder entwendet werden, solange nur ab und zu ein Vorübergehender bei ihnen stehenbleibt und anfängt, nachzudenken.“ Mit anderen Worten: Bedenken dieser Art gehören in die Kategorie der Ästhetik, nicht jedoch in die der politischen Bildung.

9. Im Zuge der Verlegung von mehr als 11.000 „Stolpersteinen“ in über 200 deutschen Städten und Orten und auch in Münchens Nachbarschaft – die nächste Installation findet am 12. Juni in Regensburg statt – werden wir laufend aus dem In- und Ausland mit Anfragen bestürmt, warum sich unsere Stadt gegen die „Stolpersteine“ sträubt: Damit setzen wir uns einer peinlichen Diskussion aus, die von Seiten der Stadt geführt werden müsste. Gleichviel: Das Verbot fügt dem Ansehen der Stadt erheblichen Schaden zu, wie ein Blick in den Pressespiegel im Rathaus nachweisen würde. Als jüngstes Beispiel zitieren wir aus dem Beitrag von Oliver Jungen, der seinen Bericht über die Verlegung in Budapest in der „Frankfurter Allgemeinen“ am 3. Mai 2007 mit dem Satz abschloss: „Vielleicht lenkt bald auch endlich eine der letzten Bastionen ein, die sich immer noch gegen die Stolpersteine sperrt: Nicht Polen ist hier gemeint“ – womit Oliver Jungen auf antisemitisch motivierte Widerstände verwies –, „sondern die Stadt München.“

Die Initiative „Stolpersteine für München“ erhebt keine Einwände gegen die Formulierung von Eckpunkten für einen Wettbewerb, er sollte jedoch öffentlich ausgeschrieben werden und damit auch der öffentlichen Begleitung unterliegen. Darüber hinaus bittet die Initiativgruppe darum, diejenigen Menschen nicht zu entmutigen oder ihnen gar Hindernisse in den Weg zu legen, die „Stolpersteine“ für deportierte und ermordete Angehörige und nahe Freunde verlegen möchten. Die Aufhebung des Verbots in München wäre dem pädagogischen Lerneffekt des Projekts angemessen und würde sich an in die Preisverleihung des „German Jewish History Award“ an Gunter Demnig im Januar 2005 – der Preis ging zwei Jahre später auch an die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch – und an die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Demnig aus der Hand des Bundespräsidenten Horst Köhler im Oktober 2005 anschließen.

Dr. Reiner Bernstein


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