Stolpersteine    

          Aktuell          

   Engagement     

        Chronik         

          Archiv          

             Foto           

        Kontakt          

zurück

Auswahl
 Presse
 Dokumente
Stolpersteine in München

Brief von Judith Bernstein an Minister Goppel


16.Mai 2006

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Goppel,

vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Sie am 10. Mai anlässlich der Lesungen aus verbrannten Büchern auf dem Königsplatz zu den „Stolpersteinen“ in München angesprochen habe. Ich stand unter dem starken Eindruck der Verlegung zweier Steine für meine Großeltern in einem kleinen Ort im Harz am 4. Mai (siehe Kopie). Ich habe anschließend den Stein für Martha Liebermann in Berlin gesehen (deren Patenschaft Bundespräsident Köhler übernommen hat) und sende Ihnen ein Foto mit dem ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Herrn Ole von Beust, der den 1000. Stein vor dem Rathaus verlegt und damit ein Ratsmitglied ehrt, das damals deportiert und ermordet wurde.

Sie werden verstehen, dass mir unter solchen Eindrücken und Erfahrungen bisher niemand hat erklären können, wieso in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ von Seiten des Stadtrats ein Verbot für die Verlegung von „Stolpersteinen“ auf öffentlichem Grund ausgesprochen worden ist. Mir sind natürlich die Argumente der Israelitischen Kultusgemeinde und des Stadtrats bekannt, aber diese sind in sich widersprüchlich, halten einer Nachprüfung nicht stand und stehen darüber hinaus im deutlichen Gegensatz zu der großen Zustimmung in der Bevölkerung.

Die „Stolpersteine“ sind kein Konkurrenzprojekt zum neuen Jüdischen Zentrum am St.-Jakobs-Platz und für einschlägige Erinnerungsorte in München. Auch sind sie kein Grabersatz, und natürlich kann und soll jeder persönlich entscheiden, ob er sie für seine Angehörigen möchte oder nicht. Diese Steine sollen jedoch darauf hinweisen, dass in den Häusern damals Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfer lebten. Wenn man überhaupt noch Angehörige der nachgewachsenen Generationen zu diesem Kapitel deutscher Geschichte ansprechen will, dann kann dies vor allem durch solche Zeichen des persönlichen Erinnerns geschehen. Oft ist den Deutschen zu Recht oder zu Unrecht vorgeworfen worden, dass sie sich nicht hinreichend mit „ihrer Geschichte“ auseinandersetzen. Wenn aber – wie in diesem Falle – der Wille vorhanden ist, soll er tatsächlich durch ein Verbot zunichte gemacht werden?

Ich weiß, dass der Münchner Stadtrat über die „Stolpersteine“ entscheiden muss. Doch bitte ich zu bedenken, dass die Angelegenheit mittlerweile weit über die Grenzen unserer Stadt hohe Wellen des Unverständnisses geschlagen hat, ja dass sich die Stadt mit dem Verbot lächerlich zu machen droht. Deshalb bitte ich Sie um Ihre Hilfe, damit weiterer Schaden abgewendet wird.


Ich danke Ihnen für Ihre Mühe und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Judith Bernstein

Seite oben    Seite zurück