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Stolpersteine in München

ERSTE INSTALLATION "Führerbau"

Presse-Info zur Eröffnung
Fotos vom Verlegen
  Rede von Peter Weismann
Bericht im Bayerischen Rundfunk
SZ vom 23.08.05
SZ vom 02.09.05

STOLPERSTEINE auf dem Weg in den Öffentlichen Raum München

ERSTE INSTALLATION "Führerbau"
Hochschule für Musik und Theater
vom 31.August 2005 bis 1.September 2006
Installation von Peter Weismann


Rede von Peter Weismann zur Eröffnung am 31.09.2005

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag
Das Große bleibt groß nicht
Und klein nicht das Kleine
Die Nacht hat 12 Stunden
Dann kommt schon der Tag...

Meine Damen und Herren, liebe Freunde der STOLPERSTEINE,

das Brecht-Lied könnte ein Motto der ERSTEN INSTALLATION sein oder als eine mögliche Lesart vorgegeben werden.

Gegen die Macht-Attitude des Marmors in diesem Haus sind Bürgersteig-Steine, Sand, Flußkiesel und die STOLPERSTEINE gesetzt, die in ihrer Schlichtheit die Erinnerung, das Gedenken in Fluß halten wollen.

Die Lesart der STOLPERSTEINE reicht in dieser Stadt von dem Bild der neonazistischen Springerstiefel auf dem Angedenken der Opfer bis zu dem der Verneigung vor ihnen, von dem, der sich beugt und liest, was dort eingestanzt ist.

Alle Assoziationen sind nicht nur erlaubt, sondern bei einem Kunstwerk im öffentlichen Raum - das die STOLPERSTEINE sind - auch erwünscht.

Es ist nicht die Sache der Kunst, dem Betrachter seine Assoziation vorzuschreiben, sondern viel eher sie zu wecken. Wer was wie deutet, deutet es - nach Oscar Wilde - auf eigene Gefahr hin und sagt damit mehr über sich, als über das Kunstwerk aus. - So soll es sein.

Die ERSTE INSTALLATION präsentiert die STOLPERSTEINE von Gunter Demnig in einem öffentlichen Raum, den die Musikhochschule engagiert und dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat. Die ERSTE INSTALLATION ist - wie der Name schon sagt - als ein Vorgang zu verstehen. Vorstellbar ist eine zweite und dritte INSTALLATION im öffentlichen Raum bis die STOLPERSTEINE auch in München an dem Ort liegen, dem sie zugedacht sind. In diesem Sinne sucht die ERSTE INSTALLATION den öffentlichen Dialog, den "runden Tisch" mit der Stadt, mit der jüdischen Gemeinde, mit Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern. Heute Abend ist es Anatol Regnier, morgen wird es eine Schauspielerin sein, ein Musiker, eine Philospoph, eine Wissenschaftlerin oder auch die DREI LINIEN, eine Installation, die ich vorgeschlagen habe, und die sich auf das Thema und dieses Haus, dem ehemaligen "Führerbau", bezieht und vom Bezirksausschuß Max-Vorstadt gefördert werden will.

"Jeder untersuche sein eigenes Auschwitz", dieser Satz von Adorno hat mich bei der Arbeit an der ERSTEN INSTALLATION begleitet.

Ich hatte das "Glück"; in einer antifaschistischen Familie aufzuwachsen. Ich hatte also keinen Mangel an faktischer Aufklärung über das, was geschehen war. Ich sah in meinem Vater einen Helden, auf den ich stolz sein konnte und war, und es war klar, daß ich es ihm hätte gleich machen wollen. Ich sehnte als kleiner Junge und glühender Antifaschist fast einen Hitler herbei, um mich als Widerstandskämpfer zeigen zu können. "Jeder untersuche sein eigenes Auschwitz." Damit waren die anderen gefordert, nicht ich. Mein Vater hatte es ja für sich und mich untersucht. Erst viel später, nach 1968, begriff ich etwas von der Dünnhäutigkeit der Zivilisation in mir selbst. Erst da begann ich mich zu fragen, wie ich mich denn - nicht in der Rückschau, sondern in der Gegenwart der Verhältnisse in den Jahren von 1933 bis 45 verhalten und entschieden hätte.

Das Nein-Sagen des Nachgeborenene war einfach, die Geschichte war vergangen und gewertet.

Ich bin mir bis heute nicht sicher, wie ich mich im Währenden verhalten und entschieden hätte. Es gibt in meiner persönlichen Vita durchaus Situationen, in denen ich lieber weg geguckt habe. Das hatte nicht die Folgen, die das Wegschauen im Dritten Reich hatte - und war leichter zu verdrängen.

Meine persönliche Unsicherheit in der Frage, auf welcher Seite ich gestanden hätte, ist ein Grund, weshalb ich mich in der Initiative engagiere und mittels der Installation, "mein eigenes Auschwitz untersuche". Das vorläufige, aber sichere Ergebnis meiner Selbsterforschung ist bescheiden: Ich möchte nicht unter Bedingungen leben, die mich vor diese Entscheidung stellen. Ich möchte den STOLPERSTEINEN im Münchner Pflaster begegnen können, weil sie mich an mein Bedürfnis erinnern, in einer Gesellschaft leben zu wollen, die mich nicht vor diese Entscheidung stellt, die die Generation meiner Eltern treffen mußte.

Als ich Anfang August an der Installation arbeitete und ein großer Teil schon stand, flog die Innentüre auf, ein Dozent der Hochschule stürmte auf den Ausgang zu, sah was ich da gemacht hatte, und blieb stehen. "Soll das hier bleiben!?" fragte er - streng, hörte ich. "Ja", sagte ich eingeschüchert von seiner professoralen Strenge, "aber nur für ein Jahr", fügte ich fast entschuldigend hinzu. "Schade!" polterte er. "Endlich ein angenehmer Ort in diesem Haus!" trat auf den Kies, sah und las die STOLPERSTEINE, drehte sich um und sagte: "Ach, entschuldigen Sie bitte. Ich wußte nicht, daß das der Anlaß ist, ich dachte das hier dient zum angenehmen Aufenthalt!" Jaja, sagte ich, das denke ich auch.

Der Professor bestätigte ungefragt meine Intention, in diesem Haus einen Raum zu schaffen, der zum Verweilen einlädt, der nicht den Pathos der Anklage vor sich herträgt, der zu Kontemplation und Dialog einlädt, einen Raum, in dem die Steine anfangen zu erzählen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Menschen bedanken, die zur der Realisierung der ERSTEN INSTALLATION beigetragen haben.

Bei Peter Pich für das Licht, bei Ioana Cisek für den Stadtplan und die Fotos der Häuser, vor denen die STOLPERSTEINE verlegt werden sollen, bei Günter Wangerin für das Plakat, - und für Unterstützung, Mitarbeit und das Steineschleppen bei: Josef Ambros, Reiner Bernstein, Silke Hoffmann, Barbara Köster, Dr. Alexander Krause, Marie Kümmel, Christine Landinger, Franz Maierhofer, Sigmund Schierz, Joern Schlund, Brigitte Schuchard, und Werner Thiel. DANKE!

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